Frieda Pietzker hat ihr Leid niemandem offenbart. Obwohl sie gelitten haben muss, ließ sie von ihrem Schmerz nichts nach draußen dringen, sagt ihr Enkel Andreas Meckel. „Großmutter hat nie wieder über ihren Mann gesprochen, den sie damals verloren hat.“ Damals, vor hundert Jahren, als das Marine-Luftschiff L 2 unweit vom Flugplatz Berlin-Johannisthal explodierte, verglühte und abstürzte. 28 Menschen starben bei dem aufsehenerregenden Unglück vom 17. Oktober 1913, das zu den größten Luftfahrtkatastrophen dieser Region gehört. „Eines der Opfer war Felix Pietzker, mein Großvater“, sagt Meckel. „Für unsere Familie war es ein traumatisches Erlebnis. Es hing lange wie ein Schatten über uns.“ Jetzt hat der Enkel das Schweigen gebrochen.

Meckel, der heute 74 Jahre alt ist und in Freiburg lebt, hat Zeitungsartikel und Buchkapitel gesammelt. „Zunächst wurde ausführlich über die Katastrophe berichtet. Doch bald darauf wurde sie totgeschwiegen, weil sie nicht in die Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg passte“, sagt er. Der Absturz des für den Kriegseinsatz entworfenen Zeppelins war ein Vorbote der Tragödien, die sich ab 1914 auf den Schlachtfeldern ereigneten und vielen Millionen Menschen das Leben kostete.

„Die Überführung von Friedrichshafen war problemlos verlaufen“, erzählt Meckel. Doch in Johannisthal kamen die Probleme. Als das Luftschiff am 17. Oktober kurz nach acht Uhr aus der Halle geholt worden war, funktionierte ein Motor nicht. Die Zündmaschine musste ausgewechselt werden. Die Sonne heizte den 158 Meter langen, mit 27 000 Kubikmeter brennbarem Wasserstoff gefüllten Zeppelin auf. Trotzdem wurde entschieden, den Abnahmeflug zu starten. L 2 stieg um 10.16 Uhr und gewann bald an Höhe. Der Flug ging nach Westen, Richtung Teltowkanal und Buckow.

Aus 200 Meter Höhe abgestürzt

Dann brach die Hölle los. Um 10.19 Uhr befand sich das Luftschiff rund 200 Meter über dem Erdboden, als Augenzeugen plötzlich in der vorderen Motorengondel eine helle Stichflamme bemerkten. Nach drei Sekunden stand das Luftschiff in Flammen, meldeten die Zeitungen.

Die erste große Explosion war bis Treptow zu hören, in Johannisthal blieb kaum eine Glasscheibe heil. Als die zweite Explosion folgte, war L 2, Minuten vorher noch Stolz der Marine, bereits im freien Fall und nur 40 Meter vom Boden entfernt. Bei der dritten Explosion lagen die Reste glühend und qualmend auf der Erde. Kinder aus der Mädchenschule Johannisthal, die neben dem Absturzort nahe der Rudower Chaussee auf einer Wiese gespielt hatten, liefen schreiend davon.

Es roch nach Gummi und verbrannter Leinwand. Die Zeitungen berichteten auch, dass der schwer verletzte einzige Überlebende Freiherr Wenzeslaus von Bleul Helfer anflehte, ihn totzuschlagen – bevor er ebenfalls starb. Bald darauf strömten Schaulustige herbei, mit Kinderwagen und Brotkörben.

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Marinebaumeister Felix Pietzker, Jahrgang 1879, hatte das Luftschiff konstruiert. Meckel: „Es sollte noch größer sein als seine Vorgänger, um größere Lasten zu tragen“– Bomben zum Beispiel.“ So bekam es 16,60 Meter Durchmesser und eine Plattform, auf der fünf Soldaten und ein Geschütz Platz hatten. Doch die Anforderungen der Marine hatten zur Folge, dass die Motoren näher an die Außenhaut gerückt wurden. In diesem Bereich begannen die fatalen Reaktionen. Experten gehen davon aus, dass sich das Wasserstoff-Traggas, das durch die 18 Gaszellen drang, im Laufgang sammelte und in die Motorengondeln gesaugt wurde – wo es sich entzündete.

„Marine-Oberbefehlshaber Tirpitz sagte meiner Großmutter Hilfe zu, löste dies aber nicht ein“, erzählt Andreas Meckel. So stand die Familie unversorgt da, was das Trauma offenbar vergrößerte. Ein 17. Oktober wurde auch für Meckels Onkel Wolfgang zum Schicksalstag: Er fiel am 17. Oktober 1941 in Russland.