Berlin - Abgenabelt, seelenlos, verschlafen – die nördliche Luisenstadt wirkt wie ein vergessener Ort. Obwohl der Stadtteil an das szenige Kreuzberg grenzt und auch nicht weit weg von Alexanderplatz und Gendarmenmarkt liegt, kommt kaum ein Tourist hierher.

Wen wundert’s. Entlang der Heinrich-Heine-Straße stehen unattraktive Wohnsilos, die alten Fabrikgebäude zwischen Spree und Köpenicker Straße verfallen immer mehr. Die Wunden, die der einstige Todesstreifen geschlagen hat, sind auch gut 20 Jahre nach dem Mauerfall an vielen Stellen noch immer nicht verheilt.

Das Erbe der 40 Jahre langen Teilung wiegt schwer. Die Mauer verlief entlang des Luisenstädtischen Kanals und über das Engelbecken hinweg zur Sebastianstraße. Dazwischen lag das Niemandsland, das die Menschen in Ost und West entfremdet hat. „Die Bevölkerung ist nach wie vor getrennt. In Kreuzberg fühlen sich die Menschen als West-Berliner oder als Migranten, nicht als Luisenstädter.

Luisenstadt soll lebendiger werden

Und auch in Mitte spielt der Begriff Luisenstadt keine Rolle“, sagt Volker Hobrack, der Vorsitzende des Bürgervereins. Der Verein will das ändern, die Menschen zusammenbringen und die Luisenstadt zu einem lebendigen Ort machen.

Offiziell existiert die Luisenstadt schon gar nicht mehr, jedenfalls nicht auf dem Stadtplan. Neu-Berliner schätzen zwar die Top-Lage in der Innenstadt. Sie sagen aber auch: Hier kann man schlafen. Wenn man was erleben will, gehen wir nach Kreuzberg. So wie Friedrich Zimmermann.

Er ist mit seiner Partnerin vor sechs Jahren von Köln nach Berlin gezogen und wohnt in einem Neubau am Heinrich-Heine-Platz, nahe am Engelbecken, das damals noch einem Sumpfloch glich.

Erst vor kurzem wurde die Neugestaltung der Wasseranlage nach historischem Vorbild abgeschlossen. Zimmermann sitzt in dem neuen Café am Engelbecken und schaut auf das Wasser. Auf den schmalen Rasenflächen an der Uferkante haben Familien ihre Decken ausgebreitet und sonnen sich. Richtig schön seien die Grünanlagen geworden, sagt Zimmermann.

An seinem Kiez schätzt der 70-Jährige die gute Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmittel, weshalb er sein Auto nicht mehr nutzt. Nur zum Einkaufen gebe es nicht viel, zwei Supermärkte und ein paar kleine Läden. „Hier fehlt die Laufkundschaft.“

Gute Lage am Wasser

Ende der 1990er-Jahre sah das zunächst anders aus. Bau- und Wohnungsunternehmen hatten die Brachflächen in der Luisenstadt entdeckt. Vor allem am Engelbecken entstanden neue Wohnhäuser, die Bauherren hatten vor allem auf die gute Lage am Wasser gesetzt.

Dass die Sanierung des Engelbeckens jedoch viel länger dauern sollte, ahnten sie nicht. Am Heinrich-Heine-Platz rings um die denkmalgeschützte alte Reithalle von Karl Friedrich Schinkel wurde damals ein Shopping-Center mit kleinen Läden sowie mehr als 150 Wohnungen gebaut.

Der zaghafte Versuch, ein neues Geschäftszentrum aufzubauen, rentierte sich für die Händler nicht. Schon nach ein paar Jahren machten viele Läden wieder zu. In die Reithalle ist inzwischen ein großer Discounter eingezogen, die Geschäftsflächen werden bis zum Herbst umgebaut.

Viertel mit großer Zukunft

„Die Luisenstadt wird immer noch nicht richtig wahrgenommen“, sagt Ephraim Gothe (SPD), der Baustadtrat des Bezirks Mitte. Er ist sich aber sicher, dass das Viertel wegen des guten Standortes noch eine große Zukunft haben wird. Insbesondere die früheren Fabrikflächen an der Spree.

Dort hat bereits die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ihre Bundeszentrale, eine neue Zentrale für den Baukonzern Hochtief ist im Rohbau fertig und auch das Deutsche Architektur Zentrum hat dort seinen Sitz. Viele Uferflächen sehen noch urwüchsig aus, zum Beispiel die der Strandbar Kiki Blofeld.

Gothe schwebt vor, an der Spree eine durchgehende Uferpromenade zu gestalten, was bisher an den Grundstückseigentümern gescheitert ist. „Die Promenade wird nicht schick gemacht, sondern soll auch den heutigen Charme bewahren“, sagt er.

Investoren entdecken Luisenstadt

Etwas subkulturell könnte die Atmosphäre schon bleiben.
Inzwischen entdecken immer mehr Investoren die Luisenstadt. Seit zwei, drei Jahren drehen sich vor allem an der Neuen Grünstraße, der Sebastianstraße und der Dresdener Straße die Baukräne.

Auf den einstigen Grenzbrachen entstehen hochwertige Miet- und Eigentumswohnungen, die Kaltmiete liegt mit mehr als zehn Euro pro Quadratmeter mindestens doppelt so hoch wie normalerweise in der Luisenstadt. Luxuslofts zu Preisen von meist mehr als einer halben Million Euro wird es demnächst auch im Taut-Haus am Michaelkirchplatz geben, das ursprünglich als Verbandshaus des Deutschen Verkehrsbundes errichtet wurde.

Nach der Räumung des besetzten Hauses Liebigstraße 14 in Friedrichshain haben Sympathisanten die Fenster des Taut-Hauses beschädigt, um ihren Protest gegen die Gentrifizierung zu manifestieren.

Gegensätze zwischen Alt und Neu

Volker Hobrack vom Bürgerverein findet, dass man in der Innenstadt die Gegensätze zwischen Alt und Neu aushalten müsse. Er hat aber den Trend ausgemacht, dass sich die Bewohner in der Luisenstadt immer mehr in ihre Wohnungen zurückziehen. Etwa die einstigen Mitarbeiter von DDR-Zoll und Polizei sowie Bauakademie, von denen viele wegen ihrer Staatstreue in die Plattenbauwohnungen in der Nähe der Mauer ziehen durften.

Oder die Neu-Berliner, die mit ihren Autos in den Garagen der neuen Häuser verschwinden. „Die Mentalitäten sind nicht feindlich, aber jeder will in Ruhe gelassen werden“, sagt Hobrack. Cheena Riefstahl, der mit seinem Partner Akin Aydogan das Café am Engelbecken betreibt, sieht aber Veränderungen. „Das Engelbecken ist wie eine kleine Oase.“

Viele Kreuzberger und auch die Bewohner aus den Plattenbauten treffen sich inzwischen am Engelbecken. Riefstahl sagt: „Die Kinder sind die Brücke, sie spielen einfach miteinander.“