Berlin - Der große, schlaksige Mann steht verloren inmitten der kleinen Menschengruppe, die sich nachmittags vor dem Innenhof auf dem Grundstück Krumme Straße 66/67 in Charlottenburg versammelt hat. Lukas Ohnesorg trägt eine blaue Jacke, am Rücken einen Rucksack mit einem verspielten Plüsch-Anhänger. Damit er nicht gleich erkannt wird, hat sich der  49-Jährige eine graue Mütze über die langen Haare gezogen. Dazu trägt er eine Sonnenbrille.

Immer wieder ermahnt er die Fotografen und das Filmteam,  ihn ja nur  im Profil abzulichten. Er wirkt nicht gerade gelassen. Eher, als sei er auf der Hut. Es gibt in der Tat schönere und leichtere  Momente in seinem Leben, wie er später im Taxi erzählt. Als er letztens mit dem Fernbus von Hannover nach Berlin gereist sei zum Beispiel.

Da setzten sich zwei lockere Typen neben ihn und stellten richtig coole Mucke an. Losgelöst habe er mit ihnen drei Stunden gefeiert, bis sie, vollkommen übermüdet, morgens um 3 Uhr am Omnibusbahnhof an der Messe ankamen.

Das Unbeschwerte hielt nicht lange an. Jetzt ist es vollkommen verschwunden. Während einige aus der Gruppe, die sich  in der Krummen Straße versammelt hat, betroffen  über den Zaun in den Innenhof blicken, in dem Benno Ohnesorg erschossen wurde, und andere neue Erkenntnisse über dessen Tod diskutieren, steht Lukas Ohnesorg eigentlich nur da.

Was soll er auch sagen? Dass es für ihn ein bedeutungsloser Ort ist? Dass er seinen Vater vor allem aus Geschichtsbüchern kennt und dass ihn das wütend und traurig macht? Lukas Ohnesorg ist an jenem Schicksalstag, der die Bonner Republik, aber auch das Leben seiner Mutter Christa veränderte, noch gar nicht geboren. Er kommt erst fünf Monate später zur Welt.

Seine Mutter wird ihn Zeit seines Lebens von der Öffentlichkeit abschirmen. Ihn täglich  vor Paparazzi warnen, die ihn auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Schule ablichten könnten. Sie stirbt im Jahr 2000. Fortan ist Lukas mit der Bürde allein, der Sohn des berühmten Benno Ohnesorg zu sein, einer Ikone der Studentenrevolte, des Mannes, dessen Tod die Bundesrepublik aus den Fugen brachte.

Für Lukas Ohnesorg gibt es „schönere“ Berühmtheiten. „Meine Mutter wollte daher auch nie in die Öffentlichkeit“, erzählt uns Lukas Ohnesorg. Am Abend wirkt er entspannter. Er sitzt in der ersten Reihe des Kinos „Filmkunst 66“ in der Bleibtreustraße. Soeben ist die RBB-Dokumentation „Wie starb Benno Ohnesorg?“ (ARD, 29. Mai, 23.45 Uhr) einem kleinen Zuschauerkreis gezeigt worden.  

Lukas Ohnesorg äußert sich in der Dokumentation. Er ist der Stargast des Abends, weil er sich  nach langem Zögern doch entschlossen hat, die Öffentlichkeit zu suchen. Es gehe ihm um Gerechtigkeit, sagt er. „Jedes Kind weiß, dass das ein Mord war, was da mit meinem Vater passiert ist. Und es ist ein Unding, dass das bis heute nicht  aufgearbeitet ist, sondern bis heute eigentlich weiter vertuscht wird.“ 

Und dass der Polizist Karl-Heinz Kurras nach der Rechtsprechung als unschuldig gelte. Die beiden Strafverfahren gegen Kurras, 1967 und 1970, endeten mit Freisprüchen. Und die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft 2009, die ergaben, dass Kurras auf Ohnesorg  unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte, wurden eingestellt.   

Wie müssen solche Urteile auf seinen Sohn wirken? Er hält inne, spricht leise: „Für mich ist es in erster Linie eine Familientragödie, mit der man beschäftigt ist. Mir geht es vor allem darum, positiv zu bleiben. Aber wie soll die Familie zur Ruhe kommen, wenn das bis heute nicht aufgearbeitet worden ist? Ich finde es auch von der Politik ein bisschen lahmarschig, sich hinter juristischen Spitzfindigkeiten zu verstecken.“

Der Staat habe es versäumt, seine Bürger und damit seinen Vater an jenem 2. Juni 1967 zu schützen. „Ich habe bis heute keine Entschuldigung oder eine Entschädigung erhalten. Und darauf warte ich weiterhin. Die Bundesrepublik kann ja nicht ewig diesen Skandal auf sich sitzen lassen, wenn sie eine Demokratie sein will. “

Im Jahr 2009 beauftragte Lukas Ohnesorg eine Anwältin, die Wiederaufnahme des Strafverfahrens gegen Kurras zu erwirken. „Es verlief im Sande“, sagt er. Mitdemonstranten von damals sind  gekommen, manche mit dem Fahrrad, andere am Stock. Gealtert sind sie alle, die ehemaligen friedlichen Revoluzzer, die am 2. Juni 1967 in dem von der Polizei geformten „Schlauch“ gegenüber der Deutschen Oper gegen den Schah von Persien demonstrierten.

Viele sind heute noch aufgebracht, wenn sie über jenen Tag reden. Als wäre es gestern gewesen. Jeder hat seine Geschichte. Jeder erzählt sie. Lukas Ohnesorg beklatschen sie wie einen verlorenen Sohn, der in den Schoß der Familie zurückgekehrt ist.

Eine ältere Frau mit langen, hochgesteckten Haaren erzählt ihm, wie sehr er seinem Vater ähnele, den sie kurz bei der Demo am 2. Juni 1967 gesehen habe. Die große Statur, der liebe Blick. Dass sie seine Mutter Christa am Tag nach Benno Ohnesorgs Ermordung noch getroffen und wie sehr sie dieser Tag selbst verändert habe und sie daher keine Professorin und Pianistin geworden sei, sondern ihre Dienste in die Friedensbewegung gesteckt habe. Lukas Ohnesorg lächelt sie freundlich an.

Gerne hätte er seinen Vater kennengelernt. Das betont er oft an diesem Abend. „Er wollte leben, hatte so viele Ideen und Talente. Er hat Bilder gemalt, gezeichnet. Das war schon als Kind so, da schrieb er Bücher und Gedichte. Und dann ist er plötzlich aus dem Leben herausgerissen worden.“

Hat er was von ihm geerbt? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Lukas Ohnesorg. Die künstlerische Ader, er habe nicht  von ungefähr Kulturwissenschaften studiert. Auf diese Art lebe sein ihm unbekannter Vater in ihm weiter.