Staunen kann man an vielen Orten in dieser Stadt. Man kann den Fernsehturm emporstaunen oder an der Spree entlang. Man kann breite Straßen bestaunen und kleine Verzierungen an alten Spreebrücken. Von der großen bis winzigen Kunst in den Museen, Galerien, Theatern, Opern und Konzerthäusern ganz zu schweigen.

Dienstagmittags in der Philharmonie gilt mein Staunen nicht dem Foyer, seinem Treppenschwung und dem schönen Licht. Dienstagmittags, wenn das Haus zum Lunchkonzert lädt, staune ich über die Menschen, die sich hier versammeln. Auf den Stufen und Stühlen, auf Decken und Jacken, in Rollstühlen und auf dem nackten Boden sitzen, liegen, stehen sehr alte und sehr junge Menschen. Reiche und solche, die wohl nicht mehr haben, als das, was sie bei sich tragen. Hoteltouristen und Backpacker. Elegante Damen und mit nicht weniger Sorgfalt zurechtgemachte Schlunztypen. Glitzermädchen und Bartträger. Mützenjungs und Frauen mit Kopftuch. Berliner, Neuberliner und Berlinbesucher. Paare, Gruppen, Freundinnen und allein reisende Männer.

Magie entfaltet sich

Diese Menschen aller Art und aus aller Welt warten redend und schweigend, lesend und dösend, auf den Augenblick, in dem die Musiker die winzige Bühne betreten. Und dann kommt diese Stille vor dem ersten Ton. Sie ist immer ein kleines Wunder, auch abends, in den großen Konzerten. Jetzt entfaltet sich die Magie der Möglichkeit, dass Hunderte Menschen wie auf eine geheime Verabredung hin von einer Minute auf die andere schweigen, jedoch besonders.

Weil sie nicht aneinander gereiht in Sesseln sitzen, sondern kreuz und quer. Weil sich draußen nicht der Abend über die Stadt beugt, sondern die Sonne gleißt und der Verkehr kreischt und das Kaufen und Schaffen am nahen Potsdamer Platz einfach weitergeht. Während hier die Musik beginnt.

Staunend wandert mein Blick über die Körper und Gesichter. Wie sie sich verändern, je nachdem, ob das dreiköpfige Ensemble Mieczylaw Weinberg, Franz Schubert und Gideon Klein spielt. Ich sehe Füße wippen bei Schuberts tänzelndem Rondo, sehe Augen sich in die Ferne richten während Kleins „Variation über ein mährisches Volkslied“.

Wie die Musik die vielen Einzelnen zu einem Wir eint

Ich sehe geschlossene Augen. Gideon Klein wurde nur 26 Jahre alt. Er starb 1944 in Theresienstadt. Das steht auf dem Programmblatt, ich sehe einige Besucher, die darauf zeigen, mit dem Nebenmann flüstern. Ich staune, wie die Musik die vielen Einzelnen zu einem Wir, einer Art Zuhörerkörper eint. Obwohl jeder anders zuhört, womöglich auch etwas anderes hört, je nach Herkunft und Wissen und Erinnerungen.

Und mitten in dieses Staunen hinein denke ich an Thilo Sarrazin. In seinem neuen Buch erzählt er, dass er oft in die Philharmonie gehe. Und noch nie habe er dort ein muslimisches Kopftuch erblickt. Dass Herr Sarrazin lügt oder schlicht nicht sehen will, ist klar. Dass er noch nie Dienstagmittags hier war, auch. Denn staunen öffnet die Augen.