"Wenn man schluckt, geht es weg", sagt Arda zu seinen Sitznachbarn Luka und Oguz, als das Flugzeug abhebt und der Druck in der Kabine fällt. Die Drittklässler aus Kreuzberg sitzen in der 7-Uhr-Maschine von Schönefeld nach Brüssel. Um sie herum eine fast 60-köpfige Delegation aus weiteren Berliner Schülern, Eltern und Lehrern. Ihr Ziel: das EU-Parlament in der belgischen Hauptstadt. Die Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 16 Jahren sind eingeladen, in einem Ausschuss-Saal die Rolle der Abgeordneten einzunehmen. Eine Parlamentssitzung soll "nachgespielt" werden.

Es ist der vorläufige Höhepunkt der Aktion "Kinder-Parlament", initiiert von dem deutsch-türkischen Verein "23 Nisan Internationales Kinderfest" aus Berlin. Schon seit 2008 organisieren die Ehrenamtler ein jährliches Kinder-Parlament, zunächst im Berliner Abgeordnetenhaus, seit 2009 im Bundestag.

"Heute werden die Kinder Europa ertasten", sagt Ismail Ertug, EU-Abgeordneter der SPD aus Bayern. Er sitzt in der Reihe vor den drei Kreuzberger Schülern, einen Aktenkoffer zwischen den Füßen. Ertug ist ein bodenständiger Mann, der einen herzhaften oberpfälzischen Dialekt spricht. Auch er hat türkische Wurzeln. In wenigen Wochen, ziemlich spontan für Brüsseler Verhältnisse, hat er den Kinder-Besuch im Parlament organisiert. Erst vor etwa zwei Monaten, sagt er, habe ihn der Verein dafür um Hilfe gebeten. Seit 2000 organisiert der Verein "23 Nisan" jedes Jahr ein großes Kinderfest am Brandenburger Tor. Es findet immer rund um den 23. April statt, in der Türkei der "Tag des Kindes", 1920 ausgerufen von Staatsgründer Atatürk.

Die jungen Teilnehmer sind überwiegend Kinder aus deutsch-türkischen Familien. Kinder, die im Herzen Europas aufgewachsen sind, deren Eltern aber aus einem Land stammen, das seit mehr als 20 Jahren vergeblich versucht, in die EU aufgenommen zu werden. Trotzdem will sie Ismail Ertug mit dieser Reise für Europa begeistern. "Europa ist ein Friedensprojekt. Das ist es wert, dass man darum kämpft. Die Kinder sollen das verstehen." Vor allem in Zeiten zunehmender Europa-Skepsis seien solche Projekte wichtig.

Nisa und Hatice aus der 6. Klasse der Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg, eine zweisprachige Europa-Schule, sitzen auch in dem Flugzeug. Sie wurden in den Wochen vor der Reise auf das Thema EU vorbereitet, erzählen sie. Im Erdkunde- und Geschichtsunterricht hätten sie gelernt, welche Länder zur Union gehören und wie die Gemeinschaft entstanden ist. Einige der Schüler, die für den Brüssel-Besuch teilweise ausgelost wurden, wirken sehr interessiert, ein paar sind schlicht zu jung, um den Sinn der Reise zu verstehen. "Meine Mutter hat gesagt, dass ich Spaß haben werde", sagt ein Achtjähriger auf die Frage, warum er dabei ist.

So eine Brüssel-Reise könne helfen

Junge Deutsch-Türken gelten hierzulande oft als politikfern. Ismail Ertug hält dagegen: "Die türkische Community ist eigentlich sehr politik-affin", sagt er. "Zuhause wird nicht nur über Fußball sondern auch viel über Politik diskutiert - leider aber zu viel über die türkische Politik." So eine Brüssel-Reise könne helfen deutlich zu machen: "Leute, Ihr lebt hier, Ihr müsst Euch aus der Umklammerung Eurer Eltern befreien."

Die Maschine landet um kurz vor 9 Uhr. Am Brüsseler Flughafen warten Chauffeure vom Fahrdienst des EU-Parlaments. Sie bringen die Berliner in das Gebäude, in dem die Ausschüsse und Fraktionen tagen. Die Plenarsitzungen finden in Straßburg statt, dem Hauptsitz des Parlaments.

In einem großen ovalen Sitzungssaal kommen die Berliner Schüler mit anderen Kindern aus Köln zusammen. Insgesamt sind es mehr als 100. Es ist 11 Uhr. Die Schüler nehmen Platz, hinter ihnen die Dolmetscher-Kabinen, vor ihnen die Tischmikrofone. Fernsehkameras sind auf sie gerichtet, von Sendern aus der Türkei. Der türkische EU-Botschafter Selim Yenel ist da und ein Vertreter der türkischen Nationalversammlung. Viele Kinder sprechen untereinander eine Mischung aus Deutsch und Türkisch. Ismail Ertug versucht, Ordnung in das Sprachwirrwarr zu bekommen und erklärt, Amtssprache für die folgenden zwei Stunden sei Deutsch. "Türkisch läuft auf Kanal 12, Deutsch auf Kanal 6", sagt er und deutet auf die Kopfhörer für die Simultanübersetzung, die an jedem Platz hängen.

Der türkische Parlamentsabgeordnete erklärt, wie wichtig der Kindertag in seinem Heimatland sei, dass es um die Rechte der Kinder gehe und ihre Gleichberechtigung untereinander. "Das Gefühl vieler Jugendlicher, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, bereitet uns Sorgen", sagt Ali Yildirim, Koordinator für das Kinder-Parlament bei 23 Nisan. Dann erhält Mitorganisatorin Meltem Sahin (25) das Wort. Sie wirkt ergriffen. "Ich bin in Berlin mit dem Kinderfest aufgewachsen, habe als Mädchen türkische Folkloretänze aufgeführt - und jetzt bin ich hier." Ihr versagt die Stimme, sie weint. Viele Zuhörer klatschen.

Für die Kinder beginnt die Fragestunde. Sie dürfen auch einfach ihre Meinung sagen. Ein festes Thema gibt es nicht, einige Wortbeiträge wirken zunächst etwas beliebig. "Wir wollen Frieden auf der ganzen Welt und es soll kein Kind verhungern", sagt ein Junge. Ein Mädchen fragt, warum es in manchen Ländern Schuluniformen gebe. Die Befragten wirken angesichts solcher Wortmeldungen überfordert. Es wird kurz chaotisch, weil ein Dolmetscher ausfällt. Eine Mutter springt spontan ein und setzt sich in die Übersetzer-Kabine.

Picknick mitten im EU-Parlament

Und dann kristallisiert sich ein Thema heraus, das den Schülern offenbar doch stark unter den Nägeln brennt: "Warum kommt die Türkei nicht in die EU?", wird immer wieder gefragt. Die Antworten bleiben schwammig. Es gebe historische Gründe, heißt es. Der türkische Botschafter und der Vertreter der Nationalversammlung üben sich in Diplomatie. "Die Türkei wird an dem Tag in die EU kommen, an dem die EU die Türkei brauchen wird", sagt der Abgeordnete. Zeit für vertiefende Fragen bleibt den Schülern nicht. Schon gegen 13 Uhr muss die Sitzung abgebrochen werden. Vor der Tür drängen sich Abgeordnete, in wenigen Minuten beginnt ein Parlamentsausschuss.

Manchen Teilnehmern reicht es jetzt auch. Politik macht hungrig. Im ausladenden Foyer, das sich in der Mitte des riesigen Gebäudes befindet, hat die Parlamentsgastronomie für die Berliner Besucher ein Mittagessen vorbereitet. Es gibt Suppe und belegte Brötchen. Eine junge Frau verteilt die türkische Süßspeise Baklava. Die Kinder setzen sich zum Essen gruppenweise auf den Teppichboden und die Ledergarnituren einer Lounge. Picknick mitten im EU-Parlament. Geschäftige Abgeordnete und Assistenten laufen dicht an dieser Kulisse vorbei. Es ist, als seien sie diesen Anblick gewöhnt.

Warum gehört die Türkei nicht zur EU? Diese Frage sorgt später noch für Diskussionen. "Das bewegt die Kinder, weil sie zu Europa gehören", sagt Miyase Tan, die mit ihren zwei Neffen dabei ist. "Die Türken möchten, aber sie dürfen nicht." Und das, obwohl das Land ökonomisch prosperiere und Reformen hinter sich habe. Wie die anderen Teilnehmer auch, vertritt Miyase Tan die gebildeten, gut integrierten Deutsch-Türken. Kopftücher sieht man hier keine, die Jüngeren sprechen akzentfreies Deutsch und unter den Eltern befinden sich nicht wenige Akademiker. So wie Susam Dündar-Isik, promovierte Agrarwissenschaftlerin. Sie lebt in der Zehlendorfer Hüttenwegsiedlung und sagt: "Bildung ist das A und O für meine Kinder." Oder die beiden 13-jährigen Schöneberger Schüler Deniz und Aydin, deren Eltern Lehrer sind. Und Kaan (11) aus Frohnau, der später Arzt werden will. Sein Vater Erol Özkaraca ist Rechtsanwalt und sitzt für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus.

"Beim nächsten Mal wollen wir für mehr soziale Mischung sorgen", sagt Seda Öztas (27), stellvertretende Vorsitzende von 23 Nisan. Dieses Jahr sei die Vorlaufzeit zu kurz gewesen. "Sinnvoll wäre es, mehr deutschstämmige Schüler und solche mit anderem Migrationshintergrund dabei zu haben, vielleicht auch aus Hartz-IV-Familien, so Öztas.

Sigrid Masuch, Lehrerin an der Aziz-Nesin-Grundschule, steht mit ihren Schülern am Eingang des Parlaments, vor dem die 27 europäischen Fahnen wehen. Sie findet, die weite Reise habe sich gelohnt - obwohl die Parlamentssitzung kurz war. Die "Atmosphäre zu schnuppern" sei das Entscheidende gewesen. Schon so eine scheinbar banale Kinder-Frage, ob auf diesen Stühlen sonst die Abgeordneten sitzen, sei sehr wichtig. "Das Ferne, Abgehobene und Ehrfürchtige an dieser politischen Institution schwindet dadurch", sagt sie. Und die große Freiheit, in das Tischmikrofon einfach mal die eigene Meinung zu sagen, ohne Vorgaben, ohne über richtig oder falsch nachzudenken, mache Kinder mutig.

"Super genial wäre es, wenn es beim nächsten Mal gelingen würde, Kinder aus mehreren Ländern zusammenzubringen", sagt Sigrid Masuch. "Wenigstens aus den Nachbarländern." Der Wunsch der Lehrerin macht deutlich, wo ein Defizit liegt. Wenn der Ausgangspunkt ein "internationales" Kinderfest ist, erwartet man auch ein internationales Kinder-Parlament - zumal auf europäischer Ebene. Es ist vor allem noch eine türkische Veranstaltung, unter dem Konterfei ihres Schutzpatrons Atatürk.

Die ersten Vorbereitungen für das nächste Kinder-Parlament laufen schon jetzt. Denn für das, was der Verein für das kommende Jahr plant, braucht es besonders spendenfreudige Sponsoren. "Wir wollen zur UNO nach New York", sagt Ali Yildirim. "Dann haben wir die höchste Eben erreicht."