Er begeisterte das Show-Publikum singend als charmanter Schmidtchen Schleicher oder braver Soldat Schwejk. Zu seinen Hits zählten so launige Lieder wie „Die Blasmusik von Kickritzpotschen“ oder „Ladislaus, komm pack deine Fiedel aus“. Er schrieb auch Texte für andere Sänger - unter den Pseudonymen Hans Dampf, Franz Felder und Axel Colberg. Und mit seinen Sendungen und Shows im Fernsehen zählte Lutz Jahoda zu den bekanntesten und beliebtesten Entertainern.

Seit dem Mauerfall war er nur noch selten auf dem Bildschirm zu sehen. Auf der Bühne stand er lediglich in der Komödie Dresden in zwei Inszenierungen an der Seite von Herbert Köfer. Am 18. Juni wird Jahoda 90 Jahre alt. Aber Ruhestand ist weiterhin nichts für den vielfach interessierten Senior, der eher wirkt wie ein 70-Jähriger und trotz der vielen Erfolge keine Star-Allüren hat - aber noch professionell vor der Kamera des Fotografen posiert.

Der Karrierebeginn war ein Zufall

Königs Wusterhausen, nahe Berlin, Pfingsten 2017. Im Museum auf dem Funkerberg, der „Wiege des Rundfunks in Deutschland“, sitzt ein älterer Herr auf einem Stuhl und unterhält sich mit einer Besucherin. Er ist elegant gekleidet: helle Hose, helle Jacke, roter Schal. Einmal im Monat übernimmt Lutz Jahoda ehrenamtlich die Aufsicht in der Ausstellung „Es gab nicht nur den „Schwarzen Kanal“ - Streiflichter aus 39 Adlershofer Fernsehjahren“.

Die Schau erinnert mit vielen Fotos von einst an die Stars des DDR-Fernsehens. Die Vitrine vorne in der Ecke ist jenem Unterhalter gewidmet, der Aufsicht hat - und dabei gerne Autogramme gibt. Jahoda war erstmals 1955 im Deutschen Fernsehfunk (DFF) zu sehen, dem Vorläufer des DDR-Fernsehens. Es war ein Zufall. „Operettenkabinett“ hieß die Folge, in der er für einen Kollegen einsprang.

„Fernsehliebling des Jahres“

Jahoda war an den Städtischen Theatern in Leipzig engagiert und wurde freischaffender Gesangsinterpret und Liedtexter beim Mitteldeutschen Rundfunk. Revuen im Friedrichstadt-Palast machten ihn bald auch in Berlin bekannt. 1962 kam der Film „Das verhexte Fischerdorf“ in die Kinos - in ihm hatte Jahoda seine erste Kino-Rolle.

1972 schrieb er sein erstes Buch „Mit Lust und Liebe“ (Henschelverlag, Berlin), an das sich der Titel der TV-Reihe „Mit Lutz und Liebe“ anlehnte. Mit ihr startete das DDR-Farbfernsehen. Zehn Jahre blieb die Produktion auf dem Sender, abgelöst von zwölf Folgen der Samstagabendreihe „Spiel mir eine alte Melodie“. Mit der Schauspielerin Heidi Weigelt bestritt Jahoda zudem die Fernsehreihe „Wunschbriefkasten“, auch zwei Folgen von „Ein Kessel Buntes“ moderierte das Multitalent. 1983 kürte ihn die Fernsehzeitschrift „FF-dabei“ zum „Fernsehliebling des Jahres“.

Frank Elstners Vater Erich 

Begonnen hatte Jahodas Künstler-Leben auf einer Theaterbühne - in seiner Heimatstadt Brünn (Brno). „Es war Krieg, Männer waren Mangelware, also diente ich bei der Freiwilligen Feuerwehr, deren Chef gleichzeitig Inspizient am Stadttheater war. Daraus ergab sich nebenbei auch Statisterie und schließlich sogar eine winzige Rolle mit einem einzigen Satz“, so Jahoda. Den Satz richtete der damals 16-Jährige an Hilde Engel, deren drei Jahre alter Sohn Tim später als Frank Elstner berühmt wurde.

Per Zufall lernte Jahoda wenig später auch Frank Elstners Vater Erich kennen. „Ich traf Erich Elstner, den beliebten Operettenstar und Regisseur, den ich nur vom Sehen kannte, in einem Lazarett für Kriegsgefangene in Bratislava“, erzählt er. „Ich erkannte ihn an der Stimme, sprach ihn an, traf ihn nach unserer Entlassung in Wien wieder, verschaffte ihm, seiner Frau Hilde und dem kleinen Tim ein würdiges Quartier in der Gründerzeitvilla meiner Tante Mary, versorgte die Familie mit Essen.“

„Elstner musste für mich die Verträge unterschreiben“

Jahoda hatte für ein amerikanisches Offizierskasino die Wünsche des texanischen Chefs an die österreichischen Köche übersetzt und durfte Essen mitnehmen. Und Jahodas Tante Mary und Onkel Ferry wurden Taufpaten des kleinen Tim. Mit Frank Elstner habe er noch heute Kontakt, berichtet Jahoda.

Jahodas Traum war damals eigentlich eine journalistische Karriere: „Ich schwärmte vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, von Erich Kästner und von Kurt Tucholsky.“ Er habe aber auch wunderbar Johannes-Heesters-Parodien vortragen können. Die Elstners boten seiner Mutter an, ihn nach Berlin mitzunehmen - und 1946 zogen sie dort hin.

„Ich erhielt dort eine private schauspielerische Ausbildung und Ballettunterricht. Ich bewarb mich bei der Zeitung „Nachtexpress“ - aber Theaterverträge, vermittelt von Hilde Engel, waren schneller.“ Am Theater der Altmark sei er dann der jüngste Operettenbuffo im deutschsprachigen Raum geworden. „Elstner musste für mich die Verträge unterschreiben, weil ich noch keine 21 war.“

 „Die Zeit der schnellen Jahre hat begonnen“

Seinen Jugendwunsch, den Journalismus, erfüllte sich Jahoda im Rentenalter. Er schrieb Beiträge für die kanadische Monatszeitschrift „Deutsche Rundschau“, verfasste die um 1940 in Brünn spielende Romantrilogie „Der Irrtum“ (Edition Lithaus). Demnächst wird bei Book on Demand (BoD) ein deutsch-amerikanisches Lesebuch von ihm erscheinen: Politpoesie und Prosa, Titel: „Lustig ist anders“.

„Mir geht es gut“, sagt der Jubilar. Der Charmeur lebt mit seiner sechsten Ehefrau an einem See südöstlich von Berlin. Sie ist nur etwa halb so alt wie er. Sein jüngster von insgesamt vier Söhnen ist 19, sein ältester bereits 63 Jahre alt.

In einem Gedicht, das sich Lutz Jahoda zu seinem 90sten schenkt, sind folgende Zeilen zu lesen: „Die Zeit der schnellen Jahre hat begonnen. Fest steht schon heute, wer gewinnen wird. Was war, ist zur Erinnerung geronnen: Es wärmt das Herz, sich kurz darin zu sonnen. Wer seufzend mehr erwartet hat, der irrt.“ (dpa)