Lutz Leichsenring.
Foto: Volkmar Otto

BerlinVirologen empfehlen als effektivste Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus so wenig sozialen Kontakt wie möglich. Dabei für Berlin relevant: die Clubszene, die Menschen in mehr als 280 Clubs eng zusammenbringt. Die Politik hat bis Ostern ein Verbot für Großveranstaltungen verhängt. 

Mit dem Berghain hat der prominenteste Laden der Stadt bis dahin seine Schließung angekündigt. Viele andere Clubs diskutieren, nachzuziehen. Lutz Leichsenring, seit 2009 Sprecher der Interessenvertretung Clubcommission, über die Gratwanderung zwischen Gesundheitsschutz und Existenzangst.

Alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern sind wegen des Coronavirus bis zu den Osterferien abgesagt. Welche Folgen hat das für die Berliner Clubszene?

Circa dreizehn Prozent der Clubs in Berlin kommen über diese Personengrenze. Aber es ist absehbar, dass das Verbot bald auch für kleinere Veranstaltungen ausgerufen wird. Die Amtsärzte sprechen jetzt schon davon, vielleicht alle Clubs zu schließen.

Rechnen Sie, wie jetzt in Italien, mit einer Schließung aller Clubs?

Ja. Und es wird das Aus für viele Clubs bedeuten, wenn nicht gleichzeitig ein Rettungspaket für Härtefälle aufgesetzt wird. Die Politik muss ihren Beitrag leisten, damit wir überleben können.

Das Berghain hat gestern angekündigt, dass es für die kommenden Wochen von sich aus schließt.

Das ist nicht korrekt. Die Schließung erfolgt auf Anweisung des Regierenden Bürgermeisters, dass Veranstaltungen über 1000 Personen abgesagt werden müssen. Ein Weiterbetrieb wäre daher nur mit großer Einschränkung möglich gewesen.

Sie haben für die Clubs schon einen Corona-Maßnahmen-Katalog entworfen. Was empfehlen Sie da?

Wir haben unsere Clubs bereits vor dem ersten Fall in Berlin hingewiesen, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, wie zum Beispiel Menschenmengen zu entzerren, Warteschlangen zu vermeiden, Desinfektionsmittel anzubieten, generell weniger Leute rein zu lassen. Und natürlich Bewusstsein bei den Gästen zu schaffen, damit gar nicht erst feiern geht, wer sich nicht wohl fühlt. Einige Clubs sammeln Namen und Adressen von ihren Besuchern. Im Fall einer Infektion kann jeder einzelne schnell identifiziert und informiert werden. Aber wir wissen auch, dass das die Ausbreitung nicht ganz verhindern wird. Es wird weiterhin ein Risiko sein, in den Club zu gehen. Auch wenn unsere Gäste altersbedingt größtenteils nicht in die Hochrisikogruppen fallen – sie können den Virus weitertragen.

Das große Corona-Mantra ist: Im Zweifel - bleiben Sie zuhause. Verzeichnen Sie jetzt schon einen Gästerückgang?

Wir leben davon, Menschen soziale Kontakte herzustellen. Es gibt Clubs, die haben schon jetzt 20 bis 30 Prozent Einbußen. Und das Wochenende haben wir ja noch gar nicht erlebt. Danach wissen wir mehr. Klar ist: Die Message – dass es darum geht, die Ausbreitung zu verhindern - ist jetzt bei jedem angekommen. Einige Menschen sind auch verunsichert. Das wird sich bei den Clubs massiv auswirken.

Welche Folgen hätte eine Schließung aller Clubs für sechs Wochen, wie Kultursenator Lederer sie für die großen Kultureinrichtungen veranlasst hat?

Die reine Schließung, auch nur für einige Wochen, würde ohne finanzielle Hilfen unweigerlich zu vielen Privatinsolvenzen und Firmenpleiten führen. Die Finanzen der meisten Szeneakteure sind auf Kante genäht. Das Nachtleben in Berlin erlebt seine größte Krise seit der Nachkriegszeit.

Was fordern Sie von der Politik?

Wir haben einen Rettungsfonds vorgeschlagen, der dabei helfen soll, dass Clubs zumindest ein paar Wochen überleben können. Zudem brauchen wir Zugang zu günstigen Darlehen und die Ausweitung von Kurzarbeit auch für Kleinbetriebe.

Rund 280 Clubs gibt es in Berlin. Lässt sich schon ungefähr beziffern, wie groß ein Rettungsfonds sein müsste?

Circa zehn Millionen Euro pro Monat.

Mit den Wirtschafts- und Handelsverbänden hat Ramona Pop sich bereits zusammengesetzt. Ist die Politik schon mit der Clubszene wegen Entschädigungen im Gespräch?

Aktuell sind wir im Gespräch, Wirtschaftsfördermaßnahmen für Clubs und Veranstalter anzubieten.

Berliner Clubs haben lange und hart dafür gekämpft, von der Politik überhaupt als förderungswürdig angesehen zu werden. Haben Sie Sorge, dass Sie in der Ausnahmesituation hinten anstehen müssen – zum Beispiel hinter produzierendem Gewerbe?

Die Sorge ist, denke ich, berechtigt, schließlich haben auch andere Branchen erhebliche Einbußen. Allerdings betrifft es unmittelbar eine sehr kleinteilige Kreativwirtschaft und sehr prekäre Berufe wie zum Beispiel Künstler, die nur wenige Tage ohne Einnahmen auskommen können.

Gesundheitssenatorin Kalayci stimmt schon darauf ein, dass wir lernen müssen, über Monate und Jahre mit dem Virus zu leben. Vieles wird ins Digitale verlagert. Könnte sich eine neue Feierkultur etablieren?

Das ist für uns sehr schwer vorstellbar. Wir hoffen, dass diese Zäsur ein schnelleres Ende findet, als wir alle befürchten.

Zur Person

Lutz Leichsenring ist seit 2009 Sprecher der Berliner Clubcommission, Interessenvertretung für mehr als 170 Berliner Clubs. Er ist Gründer von Creative Footprint. Die Initiative sammelt Daten über kreative, urbane Räume in Großstädten weltweit.

Rund 280 Clubs gibt es in Berlin. Einer Studie der Clubcommission zufolge richten sie 58.000 Veranstaltungen pro Jahr aus. 80 Prozent der Clubs machen dabei nach eigenen Angaben Gewinn oder schreiben eine schwarze Null. 21 Prozent machen Verluste.