Man weiß nicht recht, ob man Alexander Harnisch mutig nennen soll oder naiv. Und man fragt sich, ob er sich wirklich auskennt in seiner Stadt. Der Berliner Immobilienentwickler will im Norden Schönebergs ein Wohnprojekt mit teuren Eigentumswohnungen bauen. Rund 50 Millionen Euro will er investieren. Dabei liegt das Baugebiet mitten im größten Straßenstrich Berlins.

Das Rotlichtviertel zwischen Potsdamer Straße, Bülowstraße und Schöneberger Ufer ist berüchtigt. Bis zu 400 Prostituierte gehen im Sommer ihrem Gewerbe nach, in der kalten Jahreszeit sind es weniger. In den 80er-Jahren galt die Gegend als Drogenstrich. In der Generation von Christiane F. verdienten sich dort viele ihr Geld, das sie für ihren Heroinkonsum brauchten. Später entspannte sich die Lage.

Bis 2006 die Frauen aus Südosteuropa kamen. „Bis dahin war es ruhig. Seit der Einreisefreizügigkeit ist es damit vorbei“, sagt Michael Klinnert, Projektleiter des Quartiersmanagement Magdeburger Platz. Seit 1999 beobachtet er die Entwicklung. Und diese sei mittlerweile unhaltbar geworden.

Mehr und mehr öffentlicher Sex

„Zu viel und zu gewalttätig“ sei die Prostitution inzwischen geworden, klagten selbst hartgesottene Anwohner. Es seien ja nicht nur die oft aufdringlichen Frauen auf der Straße, sondern auch ihre nicht selten aggressiven Zuhälter. Hinzu komme, dass die Eröffnung des Gleisdreieckparks und die Bebauung der angrenzenden Flottwellstraße jenseits der Potsdamer Straße dazu geführt haben, dass Prostituierte und Freier weniger geschützte „Vollzugsplätze“ haben, Orte für käuflichen Sex. Jetzt finde der Vollzug mehr und mehr öffentlich statt. Mit direkten Folgen: So ließ der Bezirk Mitte jüngst um den Magdeburger Platz einen Zaun ziehen, weil er sich außerstande sah, die Grünanlage sauber zu halten.

Für Quartiersmanager Klinnert steht fest: Die Prostitution ist in dieser Form nicht mehr verträglich für das Quartier. Der Senat müsse endlich Regeln schaffen und das Rotlicht mehr über die Stadt verteilen.

In diese Situation hinein will Alexander Harnisch sein Carré Voltaire bauen. Als einer von drei Geschäftsführern des Unternehmens Diamona & Harnisch plant er an der Ecke Kurfürstenstraße/Else-Lasker-Schüler-Straße fünf Häuser mit insgesamt 127 Ein- bis Fünf-Zimmerwohnungen – zu Quadratmeterpreisen von 4200 bis 7400 Euro. Die teuerste Wohnung, 255 Quadratmeter unterm Dach, soll 1,8 Millionen Euro kosten.

Manche im Kiez fürchten hohe Mieten

Wenn man Alexander Harnisch fragt, wer an diesem Ort so viel Geld ausgeben sollte, erlebt einen überaus nüchternen Projektentwickler. Natürlich sage man potenziellen Kunden die Wahrheit. Zu dieser gehöre aber eben auch, dass Projekte wie seines ein Quartier veränderten. Zusammen mit weiteren Bauvorhaben in den nächsten Jahren sehe er in eine gute Zukunft. Dabei gebe er sich nicht etwa Illusionen hin, dass der Strich komplett verschwinde. Vielleicht werde er aber verträglich, wie etwa der auf der Oranienburger Straße.

Doch nicht alle im Kiez sehen in den Neubauten einen Segen. Jörg Borchardt wohnt in der Derfflingerstraße und ist Sprecher einer Anwohnerinitiative. Er sagt: „Wir haben Angst vor steigenden Mieten. So belastend der Strich auch ist, derzeit ist er unser Schutz.“ Könnte sein, dass dieser bald bröckelt.