Tuberkuloseerreger in der Berliner Milch! Ausgeliefert von der Großmacht Meierei Bolle! Überhaupt: Dass Tuberkulose tatsächlich durch Milch verbreitet werden konnte, war neu und erschreckte die Bewohner der Millionenstadt zutiefst, vor allem die Mütter. Von den 50 Millionen Einwohnern Deutschlands Ende des 19. Jahrhunderts litt eine Million an Tb; jeder siebte Deutsche starb daran. Es gab weder Medikamente gegen die Schwindsucht noch eine vorbeugende Impfung. Am schlimmsten litten die Leute in den Armutsquartieren rasant wachsender Großstädte wie Berlin.

Das Ausmaß des Krankheitsherdes Milch war ungeheuerlich, und die Verursacher bei Bolle, eigentlich ein für die Zeit leistungsstarker, moderner und sehr aufs Soziale bedachter Betrieb in Alt-Moabit, reagierten zunächst mit Tricks und Täuschungen. Ihre Gegnerin erschien auch gar zu mickrig. Wer war schon Lydia Rabinowitsch-Kempner, die Person, die zuerst Tb-kranke Rinder und ihre Milch als Infektionsquelle für Menschen entdeckt hatte, dann die Bazillen in der Berliner Milch nachwies und den Skandal 1904 schließlich öffentlich machte.

Die junge Frau hatte seit 1894 als Bakteriologin am Institut des Tuberkel-Entdeckers Robert Koch gearbeitet, der seit 1880 auch Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes in Berlin war. Die ersten Tuberkeln in Kuhmilch hatte sie bereits 1895 gefunden, doch an deren Gefährlichkeit zweifelte man zunächst selbst in Fachkreisen. Gleichwohl beauftragte Koch seine Mitarbeiterin, an den Milchsammelstellen regelmäßig Stichproben zu nehmen.

Zunächst fand sie tatsächlich von kranken Kühen verseuchte Milch. Doch plötzlich waren die Tuberkelbazillen verschwunden. Sollte es keine tuberkulösen Kühe mehr geben? Da war man erst froh, doch Lydia Rabinowitsch-Kempner hatte einen Verdacht, ging der Sache hartnäckig nach und stellte schließlich Strafanzeige. Bolle hatte ihr abgekochte Milchproben untergeschoben und damit die für Verbraucher, vor allem für Säuglinge, enorme Gefahr vertuscht und das Risiko verlängert. Bolle leugnete hartnäckig.

Sieg im Milchskandal-Prozess

Der Berliner Milchskandal entfachte riesige Aufregung. Die Presse berichtete umfassend. Es folgte ein aufsehenerregender Betrugsprozess, den Lydia Rabinowitsch-Kempner gewann. Schlagartig gelangte sie zu Berühmtheit.

Das Urteil war zugleich eine Niederlage für die Kritiker und Neider Robert Kochs. Selbst der in Berlin hochverehrte Pathologe und Gesundheitspolitiker Rudolf Virchow hatte über Kochs Tuberkelbazillen lange geätzt: „Das ist doch Unsinn. Die Leute sterben an Tuberkulose, weil sie schwach sind, das tut doch nicht ein so kleiner Bazillus.“ Die Bakteriologie hielt er für einen winzigen Teilbereich der Botanik.

Doch erstarkte im Bismarck'schen Kaiserreich die Einsicht, dass Infektionskrankheiten im Interesse der Volksgesundheit energische Gegenwehr verlangten. So zeitigte auch der Bolle-Milchskandal weitreichende Folgen: Die Auflagen der Behörden für die Verarbeitung von Milch und Milchprodukten wurden erheblich strenger. Nur noch staatlich kontrollierte, tuberkulosefreie Milch durfte verkauft werden. Die Hygiene in den Molkereien, die allgemeine Pasteurisierung der Milch – all das ist Lydia Rabinowitsch-Kempner zu verdanken.

Und wie dankte es ihr Berlin? Man möchte sagen: Gar nicht. Wer kennt die Frau heute noch? Kein Charité-Institut trägt ihren Namen, obwohl sie dort 17 Jahre arbeitete, keine Straße, kein Platz.

Doch: Einer brachte ihr große Dankbarkeit entgegen und machte sie zur einzigartigen Berlinerin: Kaiser Wilhelm II. Er, der vermeintlich vorgestrige Monarch, verlieh ihr 1912 den Professorentitel – als erster Frau in Berlin und als zweiter in Preußen.

Wer also war diese ungewöhnliche Frau? Geboren wurde sie 1871 im litauischen Kowno (Kaunas) als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Brauereibesitzers. Nach dessen Tod tat die Witwe alles, damit ihre sämtlichen neun Kinder (schon dass sie überlebt hatten, war für die Zeit ungewöhnlich) eine gediegene Ausbildung erhielten. Weder in der Heimat noch in Deutschland hätte das begabte Mädchen zu jener Zeit studieren können. Sie ging, wie auch Rosa Luxemburg, in die Schweiz, hörte in Zürich und Bern naturwissenschaftliche Vorlesungen. Ihre 1894 vorgelegte Dissertation zur „Entwicklungsgeschichte der Fruchtkörper einiger Gastromyceten“ (Bauchpilze) bewertete man mit summa cum laude.

Sie ging nach Berlin, zum hochverehrten Nobelpreisträger Robert Koch, wo sie zwar als einzige Frau unter lauter Koryphäen arbeiten durfte, aber unbezahlt. So weit ging die Anerkennung eben doch nicht. Auch die Habilitation blieb ihr versagt, das war Frauen erst in der Weimarer Republik erlaubt. Da war sie bereits 50 Jahre alt.

Dr. Rabby in Amerika

In Kochs Institut lernte sie 1894 auch ihren späteren Mann Walter Kempner kennen, der Botox-Vergiftungen durch verdorbene Leberwurst und stärkehaltige Fleischzubereitungen erforschte. Die beiden wurden zu einem der großen Wissenschaftlerpaare jener Zeit, vergleichbar mit den Physikern Pierre und Marie Curie.

Beruflichen Gewinn und Kontakte zur Frauenbewegung brachte ihr ein mehrjähriger Aufenthalt am Woman’s Medical College in Philadelphia, das erste Medizin-College für Frauen überhaupt. Dort erhielt sie eine Assistenzprofessur, wurde zwecks Aufbau einer bakteriologischen Abteilung ins Kollegium berufen und erfreute sich als „Dr. Rabby“ großer Beliebtheit. Nach Berlin reiste sie in jeden Semesterferien. Dort blieb sie „die Lydia“.

Die Entscheidung für ein gemeinsames Leben mit Walter Kempner führte sie endgültig zurück. Man zog nach Berlin-Lichterfelde, hatte ein eigenes Haus in der Potsdamer Straße 58a und bekam drei Kinder. Sohn Robert, als erster geboren im Sommer 1899, später berühmt geworden als einer der Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, erzählt in seinem Buch „Ankläger einer Epoche“ über seine Geburt eine familientypische Episode. Die Eltern arbeiteten am Skutari-See in Montenegro, einer von Malaria heimgesuchten Region und daher Forschungsschwerpunkt. Auf der Rückreise setzte die Geburt ein. Er sei „in der Universitätsklinik Freiburg abgesetzt“, worden, schreibt der Sohn.

Die Eltern baten Robert Koch telefonisch um Erlaubnis, ihm seinen Vornahmen geben zu dürfen. Robert kannte seine Eltern als „Leute, die in die riskantesten Gegenden fuhren, wenn dort eine Ansteckung auftauchte“ – zum Beispiel nach Odessa, als dort die Pest ausgebrochen war. Auf dem elterlichen Balkon hatten die Kinder mit tuberkulosegeimpften Kaninchen zu tun. In den teuren Zeiss-Mikroskopen durften sie zappelnde Tuberkeln bestaunen, dann wurden die Geräte flugs in Sicherheit gebracht. Man sprach Englisch, Französisch und Deutsch. Dass Russisch Lydias Muttersprache war, merkte kein Mensch. Nur gelegentlich habe man ein Zungen-R gehört, berichtet der Sohn.

Die Nazis nahmen ihr alles

Von 1903 bis 1920 arbeitete Lydia Rabinowitsch-Kempner als Assistentin am Pathologischen Institut der Charité – unbezahlt und ohne Befugnis, eigene Lehrveranstaltungen abzuhalten. Während des Ersten Weltkrieges diente sie der deutschen Armee als Seuchenberaterin. Koch ließ gerne seine Zeitschrift für Tuberkulose von ihr redigieren, nach dessen Tod leitete sie von 1914 an „ihre“ Zeitschrift selbst.

Mit dem Tod ihres Mannes 1920 – er starb an Kehlkopf-Tuberkulose – musste sie die Ausbildung ihrer Kinder und das eigene Leben selber finanzieren. So nahm sie die ihr angebotene Stelle als Direktorin des Bakteriologischen Instituts am Krankenhaus Moabit an.

Kaum waren die Nationalsozialisten an der Macht, wurde sie 1933 zwangspensioniert. Auch die geliebte Zeitschrift nahm man ihr. Ihre Kinder konnten mit Hilfe amerikanischer Freunde vor dem Holocaust gerettet werden. Sie gingen in die USA, Walter 1934, Robert 1939. Lydia Rabinowitsch-Kempner starb 1935 nach schwerer Krankheit.

Sohn Walter erforschte nach dem Zweiten Weltkrieg das Schicksal seiner Familie und schrieb trocken: „Die Verwandten meiner Mutter wurden alle vernichtet. Zunächst durch Einsatzgruppen und dann durch andere Judenverfolgung.“ Ob die Verwandten nach Riga oder anderswohin verschleppt und dort dann umgebracht wurden, bekam er nicht heraus.