Die Maaßenstraße war eine der quirligsten Ausgehstraßen in Schöneberg. Die Betonung liegt auf „war“. Seit die Verbindung zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz im Herbst vorigen Jahres zur ersten sogenannten Begegnungszone Berlins geworden ist, ist sie tot.

Dieses düstere Bild zeichnen zumindest Wirte und Gewerbetreibende entlang der Maaßenstraße, aber auch Händler auf Berlins berühmtesten Wochenmarkt auf dem Winterfeldtplatz. Alle klagen über Umsatzeinbußen, weil ihre Kunden nicht mehr vor der Tür halten könnten. Sie klagen über den verlorenen Charme einer Gegend, der in den vergangenen Jahrzehnten kein Trend habe schaden können. Ob, wie in den 90er- und 2000er-Jahren, alle Welt in den Osten der Stadt drängte, ob, wie derzeit, alle Welt von der Gegend rund um den Kudamm schwärmen – die Maaßenstraße hatte immer ihr Publikum. Kaum ein Laden, der nicht sofort wieder vermietet war, wenn der Vormieter gerade ausgezogen war.

Kein südliches Flair

Die Stadtplaner wollten mit der Begegnungszone die Straße befrieden. Es sollte weniger Autoverkehr geben, weniger Parkplätze – aber viel Raum für Fußgänger. Dafür wurde die östliche Fahrbahn für Autos gesperrt, Bänke aufgebaut, bunte Poller zur Begrenzung installiert.

Jetzt klagen die Wirte über den „verschenkten Raum“. „Wäre doch schön, wenn man dort, wenn’s warm ist, Tische aufbauen und Gäste bewirten könnte. Dann hätte man südliches Flair, das alle wollen. Aber so …?“ Mustafa Nurdogan, Wirt der Weinbar Limayra an der Nummer 11, lässt den Satz unvollendet, zeigt auf die ehemalige östliche Fahrbahn und schüttelt den Kopf.

Tatsächlich sieht man kaum einen Passanten in dem neuen Bereich – niemand sitzt auf den Metallbänken. Die Fußgänger laufen weiter auf den Bürgersteigen entlang der Häuser. Autos zwängen sich durch einen künstlichen Engpass, auch Radler müssen auf der Fahrbahn bleiben. Jedes Lieferfahrzeug, jeder Müllwagen wird zum Hindernis, Ärger ist programmiert.

Ayo Gnädig hatte genug gesehen und gehört. Die Unternehmensberaterin, die im Kiez aufgewachsen ist, hat zusammen mit einer Mitstreiterin Unterschriften gesammelt. Bei Wirten, in Geschäften, mittwochs und samstags auch auf dem Winterfeldtmarkt. In wenigen Wochen kamen mehr als tausend Protest-Unterschriften zusammen. „Es gibt kaum jemanden, der nicht entsetzt war“, sagt Ayo Gnädig.

Außerdem baten sie einen Architekten und Stadtplaner, sich mit der Begegnungszone auseinanderzusetzen. Universitätsprofessor Walter Ackers, Leiter des Instituts für Städtebau an der TU Braunschweig und Inhaber eines Hauses in der Nähe der Maaßenstraße, lässt kaum ein gutes Haar am Umbau. Er wirft den Planern vor, „in höchstem Maße naiv und dilettantisch“ gearbeitet zu haben. Vor allem hätten sie die Funktion einer Straße missachtet. Diese sei eben auch ein „wichtiger städtischer Wirtschafts- und Verkehrsraum“ und der Verkehr „unverzichtbarer Teil der Urbanität“.

Mit diesem Papier und den Unterschriften im Gepäck will Ayo Gnädig am Montag zu Bürgermeisterin Angelika Schöttler laufen.

Kritik an Ästhetik

Es darf als ausgeschlossen gelten, dass die Petition Erfolg haben könnte. Die SPD-Politikerin befürwortet die 700.000 Euro teure Baumaßnahme. Tatsächlich hat die Verwaltung Gründe für Eingriffe in der Maaßenstraße. Seit Jahren will der Bezirk den Zuwachs von Gastronomie beschränken. Wenn also jetzt tatsächlich ein Wirt wegen Umsatzeinbußen pleite ginge, würde sich die Trauer darüber im Bezirksamt wohl in Grenzen halten. Hinzu kam der Verkehr. Oft habe es Konflikte zwischen Kneipengästen, Fußgängern und Radlern gegeben, weil die Fahrradwege auf den Bürgersteigen verliefen. Außerdem kennt man im Amt Geschichten von jungen Männern in protzigen dicken Autos, die auf der Maaßenstraße ihre Motoren aufjaulen ließen. Dagegen helfe vor allem Ruhe und Entschleunigung.

Ayo Gnädig hält davon wenig. Für sie zählt noch ein weiteres Argument und sieht sich darin einig mit fast allen Nachbarn, die sie danach befragt hat: Vor allem die bunten Begrenzungsklötze, aber auch andere Gestaltungselemente, seien einfach hässlich. Vorigen Herbst hat sie zufällig den grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele im Kiez getroffen. „Ströbele hat auf die Straße gedeutet und gesagt: Sieht doch schön aus. Ich habe ihm gesagt: Nee, sieht Scheiße aus“, gibt Gnädig den kurzen Dialog wieder.