Keine Halfpipe? Dann geht Skaten auch mit den Fingern: Kindergeburtstag in Timo Kranz’ Fingerboard-Laden in Friedrichshain.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinPieter Hardemann ist ratlos: „Ich habe derzeit keine Buchungen für meine Workshops“, sagt er. Vormittags arbeitet der Belgier als Schulhelfer an einer Grundschule in Pankow. Aber seine Leidenschaft gehört der Stop-Motion-Technik. In seinem Toystorylab zeigt er jungen Teilnehmern, wie man kleine Figuren Stück für Stück bewegt, abfilmt und daraus eine Filmgeschichte baut, genau so wie sich das Sandmännchen abendlich über den Bildschirm bewegt.

Für Kindergeburtstage sind die Workshops von Pieter Hardemann beliebt, die Kinder können sogar ihre eigenen Puppen für die Aufnahmen mitbringen. Nach Ende des Lockdown könnte es auch wieder losgehen. Allein, Hardemanns Raum für die Stop-Motion-Aufnahmen ist jedoch klein, man bastelt eng nebeneinander. Und Hardemann muss zugeben, dass er noch keine rechte Ahnung hat, wie die Partys mit Sicherheitsauflagen funktionieren könnten.

Das Freilandlabor Britz mit seinen Parkanlagen bietet reichlich Auslauf im Freien, ideal für Geburtstagsfeiern. Umwelterziehung ist der Auftrag, Naturstreifzüge führen an Wiesen und Seen vorbei, im Britzer Park leben Schafe, Esel und Ziegen. Doch auch hier ist niemandem nach Partystimmung, und Geschäftsführerin Ursula Müller klagt: „Eine Rallye mit Mundschutz ist schwierig. Die Kinder treffen auf andere fremde Kinder, das ist das größte Risiko. Die Auflagen der Gesundheitsbehörde sind noch immer hoch, wir müssen auch Anwesenheitslisten führen, das erfordert großen Verwaltungsaufwand. Wir merken dazu leider auch deutlich, wie die Disziplin der Menschen nachlässt.“

Für Eltern ist die Not also groß, denn der Anspruch an Kindergeburtstage ist in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen. Ein Geburtstagskuchen zum Frühstück reicht längst nicht mehr. Eine professionell gestaltete Geburtstagsparty, am besten mit einem Home-Video dazu als Andenken – Kindergeburtstage müssen heute Events sein, und zahlungskräftige Eltern lassen sich das gerne auch etwas kosten: Gokart-Fahren mit den Schulkameraden, Gruppen-Bounce in der Trampolinhalle, Schwarzlicht-Minigolf. All das ging aber natürlich nicht während des Lockdowns.     Nun, mit den Lockerungen, wäre die Gelegenheit, all die dem Virus zum Opfer gefallene Geburtstagsfeiern nachzuholen. Aber das Geschäft läuft nur schleppend wieder an. Indoor-Beach-Volleyball mit Maske, Sicherheitsabstand und ohne das obligatorische Cola- und Pommes-Büfett – das bringt’s nicht. Was also tun?

Aber es gibt auch Firmen und Veranstalter, die einen Weg gefunden haben, die Sicherheitsvorschriften zu befolgen und trotzdem ein Konzept vorzulegen, bei dem auch das Lachen in Kindergesichtern nicht auf der Strecke bleibt. „Bis auf die Masken ist es im Grunde genommen für uns ein Normalbetrieb“, sagt Patrick Springer von „Kinder-Kochspaß“. In der Gastronomie, sagt er, „folgen wir sowieso hohen hygienischen Sicherheitsregeln“. In der Kochschule für Kinder arbeitet ein Koch, eine Konditorin und Erzieher. Die Teilnehmerzahl ist auf sechs bis zwölf Kinder beschränkt, beim Backen und Kochen wird in der geräumigen Küche ausreichend Abstand gehalten. Die Eltern wählen vorab aus dem Menü aus – Pizza, Burger und Pasta sind die Renner, aber natürlich wird der Nudelteig von den Kindern selbst geknetet.

Auch das Eis für den Nachtisch sollen die Kinder in der Eismaschine selbst herstellen. Für den Vitaminbedarf ist Salat im Angebot, die Kinder lernen dazu, wie man mit Soßen das Ganze schmackhaft macht. Kochpartys, auch noch mit gesundem Anspruch, da lassen gestresste Eltern gerne die eigene Küche kalt und vermeiden das Chaos zu Hause nach der Backerei.

Kinder, die in der Zeit des Lockdowns Geburtstag und deren Eltern schon gebucht hatten, bekamen in der Corona-Zeit von „Kinder-Kochspaß“ als Trost einen Pfannenwender und ein Schneidebrett zugeschickt. Seit kurzem geht der Betrieb wieder los, am Montag kam eine Gruppe zum Neustart. Wenn der Pizzateig ruht, dürfen die Kinder auf den Indoorspielplatz, das Geburtstagskind seine Geschenke auspacken. Eltern können mitmachen, jetzt überbrücken einige die zwei bis drei Stunden Party auch lieber gerne vor der Tür beim Plaudern mit anderen Erwachsenen. Inhaberin Julia Romahn und ihr Team hoffen darauf, dass nun auch die Nachfrage zu alten Kochzeiten zurückkehrt, als an Wochenenden mindestens sechs solcher Geburtstage hier gefeiert wurden.

Auch Timo Kranz kann im Grunde genommen beste Bedingungen vorweisen, um Partystimmung trotz Vorsorgeregeln zu erfüllen. Er führt ein Fingerboard-Geschäft in Friedrichshain, und er sagt: „Beim Fingerboarden halten wir sowieso Abstand. Wenn wir die Tricks mit den Mini-Skateboards auf den Rampen ausführen, dann brauchen wir dazu Raum um uns herum.“

Kranz ist ehemaliger Weltmeister im Fingerboarding und heute Chef des einzigen Fingerboard-Geschäftes der Welt. Fingerboarding, ein Phänomen: Die acht Zentimeter kleinen Boards werden nur mit Zeigefinger und Mittelfinger einer Hand geführt. Die Tricks sind die gleichen wie bei den Skateboardern. Den Ollie als Basic müssen alle zuerst lernen: das Hochspringen ohne das Board festzuhalten. Ab da sind Kreativität und Geschicklichkeit keine Grenzen mehr gesetzt, Grinds, Kickflips gehören zum Programm. Natürlich auch die „Impossibles“, bei denen der Fingerboarder die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheint und das Board um seine Finger fliegt.

Der Shop erstreckt sich über mehrere Räume. Die Rampen und Parks stehen auf den Tischen und sind bis hin zu Grasbewuchs und Rails den großen Vorbildern nachgebaut. Im vorderen Raum steht ein geräumiger achteckiger Tisch: „Hier ist Platz für fünf bis acht Kinder“, erklärt Timo Krantz, „jeder bekommt sein Fingerboard, und dann zeige ich ihnen als erstes nach der Begrüßung den Ollie, da muss jeder durch.“

Die Masken stören dabei kaum, solange sie sitzfest und eng geschnitten sind: „Wenn die zu groß sind, verlierst du leicht die Bewegungen deines Fingerboards aus den Augen.“ Kranz’ Zielgruppe sind Kinder von acht bis zwölf Jahren. Im Laden tummeln sich an normalen Tagen aber auch Jugendliche und Erwachsene. Neben Scooter-Rollern und Skateboards sind Fingerboards seit Jahren ein cooler Geheimtipp. Die Hardcore-Fans pilgern aus Lateinamerika, Japan, sogar der Mongolei hierher, um gerne auch mehr als 100 Euro für so ein handgeformtes Holzbrett mit Spezialrädern zu bezahlen – und bei der Gelegenheit gleich ihre Tricks zu zeigen.

Während der Corona-Zeit war der Fingerboard-Shop geschlossen, nur online konnte man einkaufen. Auch jetzt bleiben die meisten internationalen Gäste noch aus, dafür freut sich Timo Kranz über das vermehrte Interesse der einheimischen Talente. „Das ist spürbar, immer mehr Berliner kommen hierher. Anscheinend ist in Lockdown-Zeiten das Üben mit den kleinen Boards zu Hause eine super Ablenkung.“ Girlanden sind bei der Geburtstagsfeier im Shop inbegriffen, Essen können Eltern selbst mitbringen. Mindestens zwei Stunden wird kräftig mit den Fingerboards Grundtechniken geübt, dann geht es zum freien Spiel in den hinteren Raum mit den großen Parks und Rampen. 150 Euro sind dafür ein überschaubarer Preis, für 75 Euro gibt es von Timo Kranz noch ein handgeschnittenes Video von der Party.

Fast ironisch mag eine Party am Flugsimulator im Wedding anmuten. Hier werden Flüge simuliert – in diesen Zeiten aber mit allen Vorsichtsmaßnahmen, genau wie die Flüge zu all jenen richtigen Reisezielen, die in diesem Jahr weithin verwaist bleiben.   Im Cockpit, das nach jedem „Rundflug“ desinfiziert wird, muss Maske getragen werden. Selbst der Weg zur Toilette für die Kinder erfolgt nach genauso strengen Sicherheitsvorgaben wie im echten Flug.

Mehr als 20.000 Flughäfen „fliegt“ der Simulator an. Als besondere Route für Geburtstage sehen die Kinder aus dem Fenster, wie sie die Golden Gate Bridge in San Francisco unterfliegen und das Flugzeug einen Loop macht. Dazu gibt es in den Wartezeiten Quizspiele, die auch mal von echten Piloten und Flugbegleitern begleitet werden. „Wenn es so weitergeht“, sagt Cindy Krasemann von Flugsimulator Berlin, „dann sind wir mit der Nachfrage bald wieder auf dem Vorjahresstand.“

Und vielleicht hat das Ganze auch noch einen pädagogischen Effekt: Wer will noch nach Malle, wenn er mal in San Francisco war – und das umweltschonend, ohne Sauf-Touristen, ohne Stress!