Nur ein einziges Mal sechs Richtige. Das wär’s!
Foto: Tom Weller

BerlinVor der Arbeit geht es auf dem Weg zum Bäcker kurz zum Späti, die Straße runter. Der nimmt nämlich Pakete an und liegt näher als die nächste Postfiliale. Es ist stürmisch an diesem Morgen und die Tür zum Laden steht geöffnet. Maske auf und schnell rein, wo ein Mann um die sechzig am Tresen steht und Lotto spielt. Wobei er selbst gar nicht spielt – sofern das Ankreuzen von Zahlen überhaupt als Spiel durchgeht –, sondern sich Scheine mit zufällig kombinierten Zahlen geben lässt, die seine Glückszahlen werden sollen.

Er trägt eine speckige ockerfarbene Jacke und eine ausgebeulte Jogginghose, die, könnte sie sprechen, verzweifelt nach einer Waschmaschine schreien würde. Er verströmt einen unangenehmen Geruch im Laden, weshalb es sich anbietet, auf der Türschwelle auszuharren. Über den Geruch anderer Menschen zu urteilen, ist immer grenzwertig. Der südkoreanische Oscar-Erfolg „Parasite“ skizzierte den Unterschied zwischen Arm und Reich über den Geruch der Menschen und lag damit recht nah am Naserümpfen in der U-Bahn, sobald ein Obdachloser einsteigt. Wobei eben auch vermeintlich gepflegte, aber überparfümierte Damen und Herren schlecht riechen können.

In der Realität des Spätis jedenfalls scheint alles wie gemalt: Hier steht ein armer Tropf, der nicht besonders gepflegt ist und seine letzten Cents zum Lottospielen aufwendet, in der Hoffnung darauf, wenigstens einmal im Leben das große Glück zu haben: Jackpot! Klare Sache, oder? Bis der Mann dreiundsiebzig Euro und ein paar Zerquetschte für seine Lottoscheine zahlt. Als er raus ist und der Späti-Besitzer das Paket scannt, liegt die Frage nah: „Hat er da eben für siebzig Euro Lotto gespielt?“ Der Kioskbetreiber guckt dem Mann hinterher. Klar, sagt er, siebzig Euro seien praktisch gar nichts, wenn der spiele. „Aber er gewinnt auch dauernd.“

Ungläubiges Lachen: „Lohnt sich also für ihn?“ Der Besitzer winkt ab, während eine Maschine den Einlieferungsbeleg ausdruckt. „Hatte schon zweimal fünf Richtige, knapp vorbei.“ Er klebt den Beleg auf eine Karte und guckt noch mal raus. „Hat ja sogar einen Fahrer“, sagt er grinsend. Mit dem Gefühl, gerade verschaukelt worden zu sein, geht es vor die Tür. Dort hilft ein anderer Mann dem Lottospieler gerade auf den Beifahrersitz eines ziemlich neuen Mittelklassewagens.