Das schönste Festival, das Berlin, ja ganz Europa, hat: die Nation of Gondwana.
Foto: Ringo Stephan

Vielleicht fing alles mit diesen Lampen an, alte Neonröhren aus der ehemaligen DDR. Sie waren das Markenzeichen dieser Partyveranstalter, die ihre quadratischen, laminierten Mini-Flyer früher auf die Tresen der illegalen Bars der Stadt schmissen. Jedes Jahr beleuchten sie ein kleines Waldstück in Brandenburg, auf der Nation of Gondwana, dem schönsten, freundlichsten Festival, das Berlin, eigentlich ganz Europa, hat – weil es nicht cool sein will (allein schon dieser Goa-Hippie-Name!) und deswegen so cool ist, dass auch international erfolgreiche DJs ihre Mitarbeiter beim Booker anrufen lassen, um zu fragen, ob sie dort spielen dürfen.

Dieser Booker war Marc-André Janizewski. Am 3. September ist er gestorben, an einer Krebserkrankung, die er länger bekämpfen konnte, als so mancher Arzt gedacht hätte. André Janizewski war 52 Jahre alt. Und man darf ihn nicht vergessen. Nicht nur weil er ein besonders empathischer Mensch war, sondern auch weil er das Selbstverständnis der Berliner Partykultur als alternative DIY-Szene samt Platz für Utopien mehr geprägt hat als viele andere.

Anfang der 90er-Jahre kam er aus der westdeutschen Provinz nach Berlin, mit bunten Haaren und einer Menge Punk-Tapes. Er wohnte mit Freunden – Kunststudenten – in einem Haus in der Rykestraße in Prenzlauer Berg. Keine Badezimmer, keine Heizung, keine Telefone, dafür jede Menge Platz, um Unsinn zu machen. Sie zogen  durch die stillgelegten Fabriken Ost-Berlins, in einem alten Eierkühlhaus an der Spree entdeckten sie diese alten DDR-Industrieleuchten, große Röhren, über 20 Kilo schwer. Andrés Freund Ingo fand heraus, wie man sie öffnet, brachte nicht nur neues Licht, sondern auch Farbe rein. Funktionale Partydeko mit Industriecharme kannte man schon. Aber das hier war sanfter. Der DDR-Retro-Look leuchtete plötzlich pink.

André Janizewski.
Foto: Dorit Günther

Möglichkeiten sehen und machen, aus diesem Geist sind die Pyonen entstanden. So nannten sie ihr Partykollektiv – eine Anspielung auf die Tagelöhner aus Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“ –, das sie vor fast 30 Jahren gründeten. Im Zentrum standen André und sein Freund und Geschäftspartner Markus Ossevorth.

Die erste Pyonen-Party veranstalteten sie 1993 in der Lychener Straße 60. Sven Dohse war der DJ, irgendwann kam auch Gianni Vitiello vorbei und fragte, ob er auch mal auflegen könnte. Ein paar Hundert Menschen kamen. Später, als die Pyonen mit einem Lkw auf der Parade zum Karneval der Kulturen durch Kreuzberg fuhren, waren es Tausende, die zu Vitiellos Musik tanzten.

Von 1996 bis ’98 betrieben sie einen illegalen Laden in der Schlegelstraße in Mitte. Das ging ein paar Jahre gut – damals konnte man seinen Gästen noch Mitgliedsausweise ausstellen, um die illegale Party als Vereinstreffen zu verkleiden –, bis irgendwann ein Beamter im Trenchcoat einen Besuch abstattete und ihnen eröffnete, dass er ihre Partyflyer gesammelt hatte. Und das eher nicht, weil er ein Fan von Techno war. Er gab ihnen eine Frist von ungefähr einem Jahr, bis zu deren Ablauf sie ihr Geschäft ordentlich anmelden mussten. Sie verwandelten auch in den darauffolgenden Jahren viele leerstehende Gebäude in Clubs für eine Nacht.

Was sie von anderen, die damals Partys veranstalteten, unterscheidet, ist die enge Zusammenarbeit mit anderen Crews. Oft war André Janizewski ein Bindeglied. Er kannte immer einen Schrauber, der gut mit Metall arbeiten kann. Lichtkünstler in anderen Städten. Wusste, welche Boxen sich für eine Techno-Parade eignen. Und dieses Wissen hat er immer gerne geteilt. Ohne die Pyonen hätte es vermutlich Berliner Open-Air-Partys wie den Karneval der Verpeilten, Clubs wie das Ritter Butzke und Crews wie die Bachstelzen nicht gegeben. Viele Veranstalter werden in den letzten Tagen ihre Chatverläufe mit ihm noch mal gelesen haben. Denn er hatte immer einen Rat, für Kollegen, auch für Mitarbeiter, für Freunde. Manchmal ungefragt – aber eigentlich hatte er immer recht.

„Pyonen-Party“, das war immer eine Verheißung. Weil die Sehnsuchtsbilder, die Menschen aus aller Welt im Kopf haben, wenn sie an Raves denken, die Kunstnebelschwaden, die zwischen wandernden Lichtspots und Baumwipfeln umherziehen, von ihnen perfektioniert wurden. Sie gehörten zu den Ersten, die Open-Air-Raves in Deutschland stattfinden ließen. Als die Loveparade 1994 Tausende Raver anzog, hatten Janizewski und seine Freunde genug. Sie kamen nicht mal mehr zur Afterparty in den Eimer, weil der Club überfüllt war. Im nächsten Jahr organisierten sie also ihre eigene Party und landeten auf einer Pferdewiese in der Nähe vom brandenburgischen Altlandsberg.

Die erste Nation of Gondwana war ein kleines Trance-Festival. Es etablierte sich als Loveparade-Alternative, überdauerte sie sogar und fand sein Zuhause in Grünefeld, einer kleinen Gemeinde im Havelland, mit der über die Jahre enge persönliche Bande geknüpft wurden – als Junge aus der norddeutschen Provinz weiß man eben, wie man kegelt, ehrliche Schnacks hält und trockene Witze macht. Das Festival unterstützte die Vereine im Dorf, spendeten an den Kindergarten. Die Anwohner verkaufen auf dem Festival Wurst und die Freiwillige Feuerwehr lässt Wasser als Abkühlung auf die Tanzenden rieseln. Der Auftritt des Grünefelder Frauenchors ist mittlerweile ein Höhepunkt des Festivals. Wegen Corona fiel die Nation in diesem Jahr zum ersten Mal aus, die Pyonen ließen es sich trotzdem nicht nehmen, ein DJ-Pult am See aufzubauen – 24 Stunden streamten sie die Musik live ins Netz.

Das ist natürlich alles nicht so medienwirksam wie Etablissements, in deren dunklen Räumen kopuliert wird oder in denen Technoproduzenten aus Detroit spielen – dabei sind die Pyonen die Vorreiter für ein Selbstbild von Rave, das sich weit verbreitet hat, als offene und kollektivistische Kultur. Ab 1999 organisierten und produzierten sie etwa das Chaos-Computer-Club-Camp, wo sie den Hackern Party-Ästhetik und Gemeinschaftssinn beigebracht und im Gegenzug die Party-People mit den Aktivisten zusammengebrachten.

In einer Szene, die sich politisch gibt, haben die Pyonen politisch agiert. Mit Sicherheitsleuten arbeiten, die in rechtslastigen Boxclubs trainieren? Lieber antifaschistische Strukturen nutzen. Frauen an der Tür und am DJ-Pult? Wieso die Frage? Waldstücke sichern, um einen Spanner zu überführen? Ja klar. Mitarbeiter so gut behandeln, dass sie über viele Jahre bleiben; Kippenstummel von der Wiese sammeln; auf Sponsoren und ihre großen Logos verzichten und den Festivalgästen genau vorrechnen, warum die Tickets teurer werden müssen. André hatte Überzeugungen.

Dass sie nicht zu den Pressesprechern dieser Kultur geworden sind, liegt nicht an mangelnden großen Klappen, sondern eher daran, dass aus der Punk-Zeit noch ein Bedürfnis nach Underground übrig blieb. Und an einer gewissen Zurückgelehntheit von Janizewski: Er hat sich das Treiben immer lieber vom Rand angeschaut. Stundenlang saß er während der Partys schweigend und rauchend auf alten Sofas, ein Bier in der Hand betrachtete er schmunzelnd die Szenerie. Ab und zu gab er dann einen Kommentar ab, immer fies treffend, immer voller Achtung.

Als die große Nachwendefreiheit an ihr Ende kam, wurden die Party-Punker sesshaft. 2001 öffneten sie ihre erste Bar in Prenzlauer Berg, die Bar23. Da hängen sie jetzt, die alten Lampen aus dem Eierspeicher, in den ungefähr zur selben Zeit Universal Music einzog. Mittlerweile betreiben die Pyonen die Tante Lisbeth, die Fette Ecke und das Böhmische Dorf in Kreuzberg und Neukölln, alles Kneipen, die sich angenehm jeglicher Instagram-Ästhetik verweigern. Die Einrichtung hat André auf Flohmärkten zusammengekauft.

An diesen Bars saß er immer, als Kippendreher, Bierausgeber, Union-Fan, Kummerkasten und Tratscher am Tresen. Man hätte ihn dort gern auch für diesen Text um Rat gefragt. Das geht nun nicht mehr. Sein Wissen wird fehlen.