Im Film mögen wir sie, die Mächtigen. Ohne Macht kein Subjekt, keine Handlung, keine Entwicklung, keine Spannung, keine Unterhaltung, keine Erkenntnis. Ob sie nun ihrem Anwalt etwas zugrummelnd Strippen ziehen wie Christian Bale als Dick Cheney in „Vice“ oder ob sie scheinbar anlasslos herumkreischen wie Olivia Coleman als gichtgeplagte Queen Anne in „The Favourite“. Beide waren für den Oscar nominiert, letztere hat ihn gewonnen.

Herrlich, wie sie einen Türwächter erst anbrüllt, dass dieser sie in ihrer hinfälligen und schlecht überschminkten Hässlichkeit ansehe und dann für eben diesen Blick zur Sau macht − es könnte ja der Blick des Kindes aus „Des Kaisers neue Kleider“ sein. 

Die Öffentlichkeit zwischen Politik und produzierter Kunst

Im Leben ist der Umgang mit den Mächtigen weniger ersprießlich. Das müssen nicht gleich Vizepräsidenten oder Monarchinnen sein, auch eine Sachbearbeiterin in einer Wohnungsverwaltung kann die kalte Würde der Macht ausstrahlen, die dem Bittsteller jede Selbstachtung nimmt. Das Machtverhältnis zwischen einem Pauker und dem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim scheint nicht weniger asymmetrisch zu sein. Und doch wankte nun der GMD für einen Augenblick.

Hier soll es aber genereller um die ins Wackeln gekommene Konstruktion von Macht im institutionalisierten Kulturbereich gehen. Und um die Frage, ob diese zu erhalten oder durch eine transparentere und partizipativere zu ersetzten sei. Das beginnt natürlich schon bei der Ermächtigung des Direktors einer Kulturinstitution durch die Politik.

Die Politik setzt Intendanten ein, die ihre Mitarbeiter führen, um Kunst zu produzieren. Die Öffentlichkeit kommt an beiden Enden dieser Kette zum Einsatz. Vorn als Wahlvolk und hinten als Publikum. Sie setzt den Machtgebern und Machthabern Grenzen. Gut an der Demokratie ist, dass man hingucken darf, ohne angeschrien zu werden wie der eingangs erwähnte Türwächter. Und beim Hinschauen soll es nicht bleiben.

Meinungsfreudiger Schwarm als Bestimmer an der Spitze

Es folgt die Beurteilung und der Drang zur Mitbestimmung. So schwillt die Öffentlichkeit immer mehr zum Machtfaktor in diesem Gefüge an. Und sie wird immer weniger kanalisiert durch professionelle Medien, sondern findet ihre eigenen Wege durch Internet und soziale Medien, die in den letzten Jahren die Deutungsräume fluten. Längst gestaltet sich die Hierarchie nicht mehr als Pyramide mit einem Bestimmer an der Spitze, sondern verschwindet in einem mehr oder weniger gut informierten, auf jeden Fall aber meinungsfreudigen Schwarm.

Man feiert die demokratische Helligkeit und lässt sich von ihr blenden. Licht und Luft kommen an die Vergabeverfahren, und auch das betriebsinterne Verhältnis zwischen Intendanz, Ensemble und Belegschaft wird beleuchtet und gelüftet. An vielen Häusern kommen auch offene Briefe in Mode, oder es wenden sich, wenn die Institution nicht reagiert, unterdrückte Mitarbeiter in ihrer Not direkt an die Presse wie im jüngsten Fall. Aber auch gezielte Hebelsetzungen im Machtgefüge, Kampagnen, persönliche Beweggründe und Denunziationen sind so nicht mehr auszuschließen − und durch die Institution schon gar nicht mehr einzufangen.

„Fokusboxen“: Schalldichte, verglaste Zellen zum Reden

Die Gefahr besteht, dass der Apparat durch die Öffentlichkeit derart hysterisiert wird, dass er ständig damit beschäftigt ist, sich zu legitimieren, darzustellen und Missverständnisse auszuräumen. Darüber kommt er gar nicht mehr zum Handeln oder auch nur zum Nachdenken.

Sogar Großraumbürodesigner, die von den demokratischen Segnungen ihrer egalitären und kommunikativen Arbeitsräume überzeugt sind, haben verstanden, dass man mal eine Tür zumachen muss − und dafür sogenannte „Fokusboxen“ installiert: schalldichte, aber verglaste Zellen für Telefonate, Gespräche und zur Konzentration. Man muss diese Boxen nicht mögen, aber sie taugen als Metapher: Ohne Kontrolle (Glas) geht es nicht, aber auch nicht ohne Diskretion (Schalldichte). Es gibt immer welche, die unzufrieden sind und leiden. Und es gibt Interna, die als Munition im öffentlichen Meinungskampf nichts zu suchen haben. Sowieso gilt: Wer es allen recht machen will, ist auch im mächtigsten Amt ohnmächtig.