Berlin - Wer zu spät kommt, den bestraft die Überschrift. Michael Müller, Landesvorsitzender der SPD, präsentierte am Mittwoch endlich seine fünf Mitstreiter für die neue Führungsspitze der Hauptstadt-SPD, die am 9. Juni auf einem Parteitag gewählt werden soll. Und er musste sich, wie üblich, natürlich eine kluge Schlagzeile ausdenken, warum genau dieses Team genau richtig für genau diese Stadt sein wird. Da aber nun Müllers Herausforderer für das Amt des Landeschefs, Jan Stöß aus Friedrichshain-Kreuzberg, bereits vor drei Wochen seinem eigenen Team die beliebte Formel von der „breiten Aufstellung“ verpasste, war es nicht ganz so leicht für den Amtsinhaber. Müller entschied sich schließlich für: „Dieser Geschäftsführende Landesvorstand spiegelt Berlin wieder“. Also inklusive Schreibfehler.

Die Mann- und Frauschaft, die da Berlin widerspiegeln soll, besteht aus den Damen Barbara Loth, Staatssekretärin in der Arbeitsverwaltung, Birgit Monteiro, Arbeitsmarktexpertin der Fraktion im Abgeordnetenhaus, und Ellen Haußdörfer (als Landeskassiererin), derzeit stadtentwicklungspolitische Sprecherin im Parlament. Die beiden Männer, die sich Müller als Vizechefs vorstellt, sind Marc Schulte, der bereits so lange Stellvertreter ist wie Müller selbst Landeschef, nämlich seit acht Jahren.

Und Ahmet Iyidirli, Integrationsberater und seit vielen Jahren deutschtürkischer Migrationsfunktionär aus Kreuzberg. Besonders Letzterer ist zumindest eine kleine Überraschung, denn dass Müller ausgerechnet aus dem Heimatkreis seines Kontrahenten Stöß jemanden für sich gewinnt, hatte kaum einer erwartet. Allerdings zählt Iyidirli, der Scherze über die Unaussprechlichkeit seines Nachnamens milde erträgt, ohnehin nicht zu Stöß' bezirklichem Unterstützerkreis.

Iyidirli (sprich: Ih-dir-li), gelernter Volkswirt, dürfte mit seinem türkischen Migrationshintergrund aber für Müller doch ein paar argumentative Pluspunkte bringen, denn in Stöß' Führungstruppe findet sich kein ausgewiesener Multikultikandidat – wenn man von Philipp Steinberg absieht, Finanzreferent der SPD-Bundesspitze und in den USA geboren.

Es könnte knapp werden

Ansonsten ist die „breite Aufstellung“, die Stöß für sich in Anspruch nimmt, parteibezogen gemeint: Stöß, seit kurzem auch Sprecher der Partei-Linken in der Hauptstadt, hat mit Iris Spranger, ehemals Finanzstaatssekretärin, und mit dem Altsprachler Fritz Felgentreu aus Neukölln zwei Vertreter der eher bürgerlichen SPD im Team; Spranger von der Parteigruppierung „Berliner Mitte“ und Felgentreu vom „Aufbruch Berlin“ – inhaltlich übrigens so gut wie unterschiedslos. Müller wiederum kann mit Monteiro und Haußdörfer immerhin zwei „Aufbruch“-Damen bieten, aus der „Mitte“ dagegen stand offenbar niemand zur Verfügung. Beide Kontrahenten wiederum haben Barbara Loth aus Steglitz-Zehlendorf als Vize-Kandidatin vorgestellt.

Da sie auch von ihrem Kreis als Stellvertreterin nominiert wurde, dürfte sie kurioserweise als einzige im neuen Landesvorstand gesetzt sein. Das hat sie sogar Stöß und Müller voraus: Denn die Mehrheitsverhältnisse auf dem mutmaßlich turbulenten Treffen der 225 Delegierten aus zwölf Bezirken im Hotel Estrel werden nach Berechnungen beider Lager vorerst pro Stöß ausfallen. Aber es könnte doch recht knapp werden, nämlich etwa 55 zu 45 Prozent. Dies wiederum, so kalkulieren die Müller-Getreuen tapfer, wäre vielleicht sogar noch einmal zu drehen auf dem Parteitag – zum Beispiel mit einer prima Rede des amtierenden Vorsitzenden und tatkräftiger Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters für seinen vertrauten Lieblingsgenossen Müller.

Zugleich läuft auch noch ein Mitgliederbegehren mit dem Ziel, den Vorsitzenden per Urwahl, offiziell „Mitgliederbefragung“, zu bestimmen. Mehr als tausend von den benötigten 1670 Unterstützer-Unterschriften wollen die Initiatoren, ein Ortsverein aus Spandau, bereits gesammelt haben. Müller unterstützt das Begehren, Stöß nicht. Auch auf dem Parteitag werden Debatten dazu erwartet, ein Aufschub der Vorstandswahl aber kaum. Ohnehin findet das Verfahren mutmaßlich nach dem Parteitag ein schnelles Ende: Denn nach Auskunft der Bundes-SPD hat der dann neu gewählte Landesvorstand die Option, das Begehren per Beschluss zu beenden. Daran dürfte dem Sieger gelegen sein. Und zwar egal, wer es wird.