Mit den schlechten Umfragewerten vor der Bundestagswahl steigt die Nervosität bei den Berliner Grünen – und alte Flügelkämpfe brechen wieder auf. Bei nur noch 10 Prozent steht die Partei in der jüngsten Forsa-Umfrage zu den Bundestags-Wahlabsichten der Berliner.

Wenn es so kommt, würden wahrscheinlich nur noch drei grüne Abgeordnete aus Berlin in den Bundestag einziehen, und eine besonders prominente Vertreterin des Realo-Flügels wäre womöglich nicht mehr dabei: Ex-Landwirtschaftsministerin Renate Künast, die 2011 versuchte, Klaus Wowereit von der Senatsspitze zu verdrängen.

Zwar steht Künast auf Listenplatz 3. Doch der würde unter Umständen nicht ziehen, wenn die Parteilinke Canan Bayram das Direktmandat in Friedrichshain-Kreuzberg gewinnt, das Hans-Christian Ströbele seit 2002 verteidigte. Einige von Künasts Unterstützern sind jetzt alarmiert – unter ihnen der frühere Fraktionsvorsitzende Volker Ratzmann.

In einem parteiinternen Diskussionsforum schrieb er in der vorigen Woche mit Bezug auf Bayram: „Dass die auch noch Renate rauskegelt, das darf echt nicht passieren. Die ist echt nicht wählbar.“ Man müsse ernsthaft darüber nachdenken, wie sich Bayram verhindern ließe. Eine Forderung mit großer Tragweite: Immerhin halten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg ihr einziges Direktmandat, die symbolische Bedeutung lässt sich kaum überschätzen.

Der Datenschützer interveniert

Der Verlauf der Diskussion in dem Forum liegt der Berliner Zeitung vor. Mehrere Parteifreunde stimmen Ratzmann zu. Ausgerechnet der frühere Bundesdatenschützer Peter Schaar bringt die Diskutanten schließlich zur Räson und schreibt: „Ich halte diese über den Mailverteiler geführte Diskussion für hochgradig unklug. Bedenkt die Folgen!“

Die Diskussion in dem parteiinternen Forum ist nach Aussage mehrerer Parteimitglieder, mit denen die Berliner Zeitung gesprochen hat, nicht die einzige dieser Art. „Es gibt breite Kritik an Bayrams Stil, auch an der Basis“, sagt ein langjähriger Parteifunktionär.

Bayram, die erst 2009 von der SPD zu den Grünen wechselte, eckte dort wiederholt an. 2011 gehörte sie zu der Gruppe von linken Abgeordneten um den heutigen Justizsenator Dirk Behrendt, die damit drohten, eine eigene Fraktion zu gründen und Ratzmann zum Rücktritt drängten.

Aber auch für ihre Kampagne als Bundestagskandidatin wird die 51-Jährige kritisiert. Beim Bundesparteitag im Juni sagte sie in einer Rede über die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir – beide Realos –, diese hätten „das Charisma von CDU-Ortsvereinsvorsitzenden“. Dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer mit seiner Integrationsskepsis beschied sie, er möge „die Fresse halten“.

„Ich höre viel Kritik“

Abgrenzung zum anderen Parteiflügel gehört zur grünen Folklore. Aber so viel Distanzierung, noch dazu vor der Bundespresse, ist für einige Parteifreunde – falls das Wort hier noch angemessen ist – nicht mehr erträglich. „Was ist denn, wenn wir Teil einer Koalition werden und mit knapper Mehrheit regieren?“, fragt einer von ihnen.

Auch das jüngste Wahlplakat des Kreisverbands Friedrichshain-Kreuzberg diente nicht eben dazu, die Wogen zu glätten. Darauf steht der alte Spruch der Hausbesetzer-Bewegung: „Die Häuser denen, die drin wohnen“. Hier bezieht er sich auf die Forderung, allzu gierige Besitzer von Wohnhäusern zu enteignen. Der Bundesverband teilte mit, dass er diese Position nicht teile.

Volker Ratzmann wollte seinen Diskussionsbeitrag auf Anfrage nicht kommentieren. Canan Bayram entgegnete auf die Kritik: „Ich bin zuerst den Wählern in meinem Wahlkreis verpflichtet. Und da höre ich viel Kritik an meiner Partei.“ Die Wahlergebnisse spiegeln das wider: 2013 landeten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg beim Zweitstimmenergebnis hinter der Linken und der SPD. Ob Bayram gewählt wird, ist also keineswegs sicher.

Die Landesvorsitzenden der Grünen äußerten sich auf Anfrage der Berliner Zeitung fast wortgleich. „Wir kämpfen dafür, dass sowohl Canan Bayram, als auch Renate Künast in den Bundestag einziehen“, sagte Werner Graf vom linken Parteiflügel. Die Kritik an Bayram komme vor allem von Mitgliedern, die nicht mehr aktiv seien, ergänzte seine Reala-Kollegin Nina Stahr.