In Berlin mit der U-Bahn zu fahren ist oft ein zweifelhaftes Vergnügen.
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BerlinWenn ich mit meinen Töchtern in der U8 zu Freunden nach Neukölln fahre, dann bin ich im im Gefahrenmodus. Wer die U8 kennt, weiß es: Hier ist immer irgendwas los. Wir haben noch keine Fahrt ohne irgendwelche besonderen Vorkommnisse erlebt. Hier prallen die Gegensätze aufeinander und wir auf die Gegensätze.

Nach jeder Fahrt haben meine Töchter und ich viel zu reden. Über die Betrunkenen, die Pöbelnden, die Bettelnden, die Schreienden, die Stinkenden, die Versehrten, die Nackten, die Seltsamen, die alle Ansprechenden, die Selbstgespräche Führenden, die Leute in Fetisch-Klamotten und die Verschleierten, die Gefährlichen, die Provozierenden und die Kontrollierenden.

Schon beim Einsteigen geht es los. Der U-Bahnhof Rosenthaler Platz stinkt intensiv nach Urin. Die Kinder und ich verschanzen uns hinter unseren Atemmasken und wir müssen zum Glück nicht lange warten, bis die Bahn kommt. Die Luft im Waggon kommt uns nach dem Odeur des Bahnsteigs wie die allerfrischeste Frühlingsbrise vor. Wir setzen uns. Die Kinder bleiben ruhig, hampeln nicht wie sonst in der U2 nach Pankow herum. Sie wissen Bescheid. Sicher ist sicher. Man weiß nie, wer als Nächstes einsteigt. Wir wollen keinen Ärger, wir wollen einfach nur unbemerkt durchkommen.

Ab dem Alexanderplatz kann es brenzlig werden. Umso erleichterter bin ich, als dort ein großer Blonder mit Pferdeschwanz einsteigt. Das ist doch Luc, mein Ex-Kollege, vom Studentenjob im Callcenter! Er hat sich gar nicht verändert, jedenfalls soweit ich das beurteilen kann, seine Maske reicht ihm bis knapp unter die Augen. Ich bin ein bisschen sauer, dass er mich nicht gleich erkennt, aber ich rufe ihn. Wenn wir ein paar Stationen unter seinem männlichen Schutz verbringen dürfen, dann fühle ich mich gleich nicht mehr so unwohl, wegen der betrunkenen Frau, die gerade pöbelnd den Waggon durchquert. Wenn ich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Luc richten kann, dann bemerken sie vielleicht auch den seltsamen Mann nicht, mit der fleckigen Hose schräg gegenüber.

Doch Luc scheint nicht nur blind, sondern auch taub zu sein, er reagiert nicht auf meine Ansprache. Erst als ich ihn am Ärmel zupfe und wir uns in die Augen sehen, reagiert er. „Hi!“ Seine Augen strahlen erfreut. „Das ist ja witzig, dass wir uns hier treffen!“, sage ich. „Ja und wie!“, antwortet er. „Und wer seid ihr beiden?“, fragt er meine Töchter in Babysprache. Etwas genervt stelle ich sie ihm vor. Wieso redet er so komisch und überhaupt: Kann Maskenstoff Stimmen so krass verzerren? Und auch sonst ist Luc nicht mehr so cool, wie ich ihn in Erinnerung habe.

„Freut mich, mit dir zu reden, aber kann es sein, dass du mich mit jemandem verwechselst?“, fragt Luc, nach ein paar Stationen.

Ja! Dank der Atemmasken kenne ich jetzt einen Akki und die Fahrt mit der U8 war nicht so schlimm wie sonst.