Die Sonderausstellung „Berlin 1937 – Im Schatten von morgen“ im Märkischen Museum stößt auf großes Interesse der in- und ausländischen Besucher. In das Gästebuch der Ausstellung haben sich seit der Eröffnung Anfang Mai bis zum vergangenen Wochenende bereits mehr als 140 Besucher eingetragen.

Sie kommen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, aber auch aus den USA, England, Finnland, Polen, den Niederlanden, Spanien, Brasilien und Australien. Und sie schreiben Sätze wie „Weiter so beim ,Entmuffen’ dieser Institution!“ Oder: „Das Stadtmuseum ist im 21. Jahrhundert angekommen!“

Damit scheint die Strategie des neuen Direktors der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Paul Spies, aufzugehen, das angestaubte Märkische Museum mit historisch relevanten Themen ins Gespräch zu bringen. Was bringt die Welt nach Berlin, was nehmen die Leute aus Berlin mit in die Welt? So lautet die Leitfrage, die sich Spies stellt, der zuvor Chef der Amsterdam Museum Foundation war und im Februar 2016 sein Amt in Berlin antrat.

 Man vertraute auf die Aussage Hitlers

In der Ausstellung „Berlin 1937“ werden unter anderem 50 Objekte aus dem reichhaltigen Fundus der Stiftung gezeigt – vom Motorrad über das SA-Braunhemd, von der Sammelbüchse des „Gaus Berlin“ und der Horst-Wessel-Büste bis zur Butterdose und Coca-Cola-Flasche, einst abgefüllt in Lichterfelde, einer Niederlassung des US-Mutterkonzerns. Coca-Cola war offizieller Sponsor der Olympischen Spiele 1936.

Ein Berliner, selbst Jahrgang 1937, schrieb dazu ins Gästebuch: „Meine Eltern sprachen immer von ihren glücklichsten Jahren 36/37. Man vertraute auf die Aussage Hitlers, die Revision des Versailler Vertrages nur mit friedlichen Mitteln anzustreben.“ Diese Aussage passt genau zu der Stimmung, die die Ausstellung vermitteln will.

Ihr Anliegen ist es, das Jahr 1937 als eine Zeit der „trügerischen Ruhe“ nacherlebbar zu machen, und den großstädtischen Alltag Berlins zu zeigen – „zwischen Wohnung, Schule und Arbeitsplatz, zwischen Kirche und Synagoge, zwischen Luftschutzübung und Tanzvergnügen“, wie die Ausstellungsmacher schreiben.

Terror und Bedrohung spielen in der Ausstellung eine Rolle

Genau an diesem Ansatz gibt es aber auch Kritik. Eine Polin, Doktorin der Warschauer Universität, ist laut Gästebuch „sehr, sehr enttäuscht“. Ihrer Ansicht nach fehlen in der Ausstellung die Opfer des Naziregimes. Auch die Folgen seien nicht sichtbar. „Man denkt: Oh, ein friedliches Volk, das ist nur mitmarschiert, weiter nichts“, schreibt sie. Ein anderer Besucher vermisst „Informationen über die vielen kleinen Konzentrationslager, die es 1937 in Berlin schon gab“.

Terror und Bedrohung spielen aber in der Ausstellung durchaus eine Rolle, und zwar unter dem Begriff „Angsträume“ – etwa mit der Präsenz des nahen Konzentrationslagers Sachsenhausen und der zunehmenden Militarisierung des Lebens mit dramatisch inszenierten Luftschutzübungen.

Die rasante Nazifizierung Berlins durch Stadtumbau und allgegenwärtige Propaganda wird ebenfalls sichtbar, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Mussolini-Besuch und der 700-Jahr-Feier Berlins. Für den, der genau hinschaute, war das Verhängnis 1937 bereits zu erkennen.

Vergleiche mit Trump und der Türkei

Besonders interessant ist, wie „Berlin 1937“ Besucher anregt, über heutige Entwicklungen nachzudenken. „Diese Ausstellung zeigt Parallelen zur Gegenwart in der Türkei heute: Demontage der freien Medien und Erniedrigung Intellektueller! Wehret den Anfängen!“ schreibt ein Besucher.

Vor allem einige Gäste aus den USA sehen sich herausgefordert, über ihr eigenes Land zu reflektieren. Eine Ausstellungsbesucherin aus Greenville fühlt sich bei Hitlers Slogan „Gebt mir vier Jahre Zeit!“ an Präsident Trump erinnert. Jemand schreibt sogar: „Berlin 1937 = Washington 2017?“

Auch wenn dies Zuspitzungen sind, die mit der Realität wenig zu tun haben, zeigen sie doch, wie alarmiert viele US-Amerikaner sind angesichts der Verachtung des Systems der demokratischen Kontrolle und des Ausgleichs – genannt „Checks and Balances“ – durch Trump und seine Anhänger. In Berlin war das System der Gewaltenteilung 1937 längst zerstört.

2020 soll das Märkische Museum wegen Renovierungsarbeiten für drei Jahre schließen

Es stört die eingeschliffenen Denk- und Sehgewohnheiten, wenn man zum Beispiel in der Ausstellung das Foto eines Aufmarschs der Wehrmacht Unter den Linden sieht – und im Hintergrund einen Doppelstockbus mit der typischen roten Coca-Cola-Reklame, für viele das Symbol des amerikanischen Way of Life, also der westlichen Freiheit. Aber es zeigt sich: Hitler und Coca-Cola passen durchaus zusammen. Irritation – das ist ein sehr wirksamer Weg, zum Denken anzuregen.

Auch künftig will das 1908 eröffnete Märkische Museum neue Ausstellungsformate probieren, weitere Räume öffnen und dabei seine Sammlung von rund 4,5 Millionen Objekten besser nutzen. Im Jahre 2020 soll es dann für drei Jahre Renovierung schließen und 2023 mit einer neuen Dauerausstellung zur Berliner Geschichte öffnen.