Märkisches Viertel in Berlin-Reinickendorf: Haben Kinder den Holzklotz aus dem Fenster geworfen?

Auf dem Gehweg brennen Grabkerzen. Rosen liegen daneben. Im Laufe des Tages werden es immer mehr. Nachbarn kommen, eine Gruppe Jugendliche rückt enger zusammen, manche weinen. Die Menschen stehen an diesem Tag mit gesenkten Köpfen genau an jener Stelle, an der einen Tag zuvor der acht Jahre alte Ibrahim A. von einem Baumstamm erschlagen wurde.

Der abgesägte Holzklotz ist aus einem Fenster des 15-geschossigen Hochhauses im Märkischen Viertel in Reinickendorf geworfen worden. Der Klotz traf den unten entlangradelnden Achtjährigen am Kopf. Der Junge starb trotz sofortiger Hilfe eines Notarztes am Unfallort in der Tiefenseer Straße.

Vorsätzlicher Tötungsdelikt

Polizisten haben in der Nacht das gesamte Haus nach Spuren durchsucht, auch im obersten Stockwerk des Hauses waren sie. Sie haben bisher niemanden festgenommen. War es ein Unfall oder Mord? „Wir ermitteln wegen eines vorsätzlichen Tötungsdelikts“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. „Von einem Unglück gehen wir nicht aus.“ Steltner spricht von Tatabläufen, die noch unklar sind. Näheres sagte er nicht. 

Nachbarn berichten am Montag von zwei Jungen, die am frühen Sonntagnachmittag einen abgesägten Holzklotz in das Haus geschleppt und wenig später von oben heruntergeworfen haben sollen. Sollte es tatsächlich so gewesen sein, dann wäre der Tod von Ibrahim A. womöglich eine unbedachte Tat von Kindern, ein Dummer-Jungen-Streich mit schrecklichen Folgen. 

Cousin des Opfers sah Unglück mit an

Andere Hausbewohner wollen mitbekommen haben, dass der Birkenstamm schon seit geraumer Zeit im Hausflur gelegen hat. Kinder und Jugendlichen sollen ihn als Sitz genutzt haben. Andere erzählen, die jungen Leute hätten am obersten Flurfenster heimlich geraucht. Laut Polizei steht fest, dass Ibrahim A., der zu einer tschetschenischen Familie gehört, am Sonntag gegen 13.30 Uhr mit seinem BMX-Rad aus dem Hochhaus gekommen sei, in dem sein neun Jahre alter Cousin wohnt.

Die beiden Jungen fuhren los. Der Cousin hatte sich auf die Fußstützen vom Hinterrad des BMX-Rades gestellt, als der Holzklotz auf Ibrahim A. stürzte und ihn so schwer am Kopf verletzte, dass er starb. Ibrahim A. hatte sein Fahrrad über alles geliebt. Er hat fünf Geschwister. Seine Familie und die seines Onkels wohnen im Kiez. Vor zehn Jahren waren die Tschetschenen nach Berlin übergesiedelt. 

Oft wird etwas aus dem Fenster geworfen

Nachbarn berichten von einer friedlichen und internationalen Hausgemeinschaft. Auf den Klingelschildern am Eingang des Hochhauses stehen deutsche, arabische und südeuropäische Namen. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt Christa Köppen, die seit fünf Jahren in dem Hochhaus wohnt. Ihre Nachbarn seien zuvorkommend, die Kinder halten ihr die Türen auf, erzählt die 75-Jährige, die sich auf ihren Rollator stützt. Doch was sie störe, sei der viele Unrat, den Nachbarn aus ihren Fenstern werfen.

Es sind meistens Mülltüten, Monatsbinden, Windeln, Flaschen, Papier und Kartons, die manche Bewohner aus den Fenstern werfen. „Morgens sieht es hier aus wie auf einem Schlachtfeld“, sagt der Mitarbeiter einer Hauswartsfirma, der morgens die vollen Mülltonnen auf die Straße schiebt.
Jeden Werktag ab 7 Uhr sind Mitarbeiter einer Gartenbau- und Landschaftsfirma im Auftrag der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau damit beschäftigt, mit Schubkarren den Hausmüll aus den Grünanlagen und von den Gehwegen zu sammeln.

Über die Sonne freut sich keiner

Nachbarn haben einen Brief an Ibrahim A. geschrieben und an die Unglücksstelle gelegt. „Warum? Du wolltest doch nur spielen“, steht darauf. Anwohner stehen an Häuserecken und blicken auf die Unglücksstelle. Sie reden leise.

Die warme Herbstsonne scheint durch die Bäume, doch darüber freut sich seit dem Unglückstag niemand mehr in der Siedlung. Der Tod des achtjährigen Jungen beschäftigt die Menschen. Ein Kiez trauert. „Wer macht denn so was?“ Diese Frage stellen viele. Es gibt noch keine Antwort.