Bei der Verfolgung krimineller Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien kommt die Polizei nicht mehr hinterher. Das meint Michael Böhl. Der Berliner Landesvorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK) fordert deshalb eine Neustrukturierung der Kriminalitätsbekämpfung.

„Wir brauchen eine spezielle Ermittlungsgruppe, in der qualifizierte Fahnder schon früh kriminelle Strukturen erkennen und enttarnen können“, sagte er der Berliner Zeitung. In dieser Einheit, so Böhl, müssten Delikte der organisierten Kriminalität wie Wirtschafts- und Rotlichtstraftaten oder auch Steuerhinterziehung gebündelt verfolgt werden. „Bisher arbeiten die verschiedenen Bereiche im Landeskriminalamt gezwungenermaßen zu oft für sich allein“, sagt der BdK-Chef. Die Polizei müsse alle Möglichkeiten ausschöpfen, die Geldflüsse dieser Kriminellen zu kontrollieren. Eine ähnlich intensive Ermittlungsarbeit wie es sie schon bei der Rockerkriminalität gibt, wäre hier auch zielführend, findet Böhl.

Drohungen im Gerichtsgebäude

Nach Einschätzung von Polizisten haben bestimmte Mitglieder arabischer Clans derart an Macht und Einfluss gewonnen, dass mit den derzeitigen Möglichkeiten kaum noch etwas gegen sie getan werden kann. „Der Dornröschenschlaf muss aufhören“, sagt Böhl, „angesichts der Tatsache, dass diese Leute schon so selbstbewusst sind und offensichtlich sogar auf die Politik Einfluss nehmen wollen.“ Im Gegensatz zu gewöhnlichen Kriminellen, die im Hintergrund blieben, um ihre Geschäfte in Ruhe zu betreiben, sei das Ego einiger Angehöriger der Araber-Clans besonders stark ausgeprägt.

Tatsächlich zeigte sich dies etwa im August 2012 im Amtsgericht Tiergarten, als Angehörige der Familie A., die wegen Bedrohung angeklagt waren, auf dem Flur ein Fernsehteam bedrohten. Die Gerichtswachtmeister standen tatenlos daneben und traten so das Hausrecht an die aggressiv auftretenden Männer ab.

Die Familie, die da so selbstbewusst herumpöbelte, ist eng verbandelt mit Deutschlands bekanntestem Rapper Bushido, der sich gern mit Politikern und Promis zeigte: mit Innenminister Hans-Peter Friedrich, Horst Seehofer oder Rainer Brüderle. Mit dem inzwischen verstorbenen Bernd Eichinger, der Bushidos Leben verfilmte. Auf Glamour-Parties zeigte sich Bushido auch öffentlich mit Mitgliedern der Familie A. Solche Auftritte, ob bei Gericht oder auf dem roten Teppich, sollen laut Böhl signalisieren: „Ihr könnt uns nichts. Wir haben die besten Anwälte. Wir schaffen uns unsere Freiräume selbst.“

Und irgendwie haben sie mit solchen Posen nicht ganz Unrecht, da der Staat offenbar auf dem Rückzug ist. „Es spielt der Verteidigung in die Hände, wenn ich schon sieben Monate brauche, um eine Schuhabdruckspur zu identifizieren“, sagt Böhl, der kritisiert, dass bei der Polizei demnächst wieder 249 vollzugsnahe Stellen abgebaut werden sollen.

Böhl und viele Polizisten verweisen darauf, dass die meisten Mitglieder arabischstämmiger Familien unbescholten sind. Es sind jedoch zwölf Großfamilien, mit denen sich die Polizei immer wieder befassen muss, weil sie mit Drogen und Waffen handeln oder im Rotlichtmilieu aktiv sind. Viele männliche Mitglieder agieren laut Staatsanwaltschaft in der organisierten Kriminalität und haben mafiöse Strukturen aufgebaut.

Die Drecksarbeit machen andere

Die Familien, die ab den 80er-Jahren als echte oder angebliche Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon einwanderten, haben libanesische und palästinensische Wurzeln. Oder sie stammen ursprünglich aus der ostanatolischen arabischsprachigen Provinz Mhallamiye, wo sie während der Kurdenaufstände in den 20er- und 30er-Jahren in den Libanon aus wanderten und dort nie die volle Staatsbürgerschaft hatten. All diese Familien sind hierarchisch strukturiert und bestehen oft aus Hunderten Angehörigen. Streit regeln die Familienoberhäupter untereinander, zur Not holen sie einen sogenannten Friedensrichter. Es gilt, den Staat rauszuhalten. Nicht selten eskaliert Streit jedoch. Mehrmals im vergangenen Jahr gab es Schießereien.

Berüchtigt für so etwas war einst das Neuköllner Rollberg-Viertel, das als Hochburg krimineller Clans verschrien war, und wo die Illustrierte „Stern“ das Hauptquartier der Familie A. sieht. In Wirklichkeit ist das Quartier inzwischen befriedet. Die erfolgreichen Kriminellen leben jetzt dort, wo es schön ist. Familie A., die einflussreichste unter den Clans, zog in Villen am Stadtrand. Familie R., die einst den Kiez terrorisierte, wohnt inzwischen im beschaulichen Rudow. Und jene Familie K., die das Viertel vor zehn Jahren bekannt machte, als dort ein Mitglied einen Polizisten erschoss, spielt im Rollbergviertel kaum noch eine Rolle.

Ein Fahnder, der seit vielen Jahren die Strukturen der arabischstämmigen Großfamilien in Neukölln kennt, hält die Forderung des BdK nach einer speziellen Ermittlungsgruppe für mindestens zehn Jahre zu spät: „Wir haben die Familienclans Jahrzehnte lang gewähren lassen.“ Mittlerweile, so der Fahnder, habe sich auch einiges geändert. Die kriminellen Mitglieder dieser Clans würden sich den Anschein der Normalität geben. „Früher fielen sie mit Delikten wie Körperverletzung auf. Heute genügt es, damit zu drohen oder nur den Namen zu nennen. Inzwischen haben sie das illegal verdiente Geld in den Wirtschaftskreislauf gesteckt“, weiß der Polizist. „Sie haben Imbisse übernommen, Diskotheken und andere Geschäfte. Die Drecksarbeit machen für sie jetzt Türken oder Bulgaren.“