Verschiedene Gemüsesorten bei der Grünen Woche.
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BerlinMeine Tochter isst alles. Sie isst Schaumstoff, Geschenkpapier, Schnürsenkel, Zeitungspapier, Strohhalme, Haargummi, Luftballons, Wattepads. Was sie nicht isst: Gurken, Bananen, Paprika, Weintrauben, Erdbeeren, Blaubeeren, Tomaten, Auberginen, Bohnen. Sie isst gar kein Gemüse. Unsere Mahlzeiten zu Hause sind so entspannt wie wahrscheinlich die Konferenz von Bund und Ländern zum Kohleausstieg, es wird verhandelt, geschachert, geschimpft. Oft fliegen Möhren oder Erbsen durch die Luft. Ich weiß allerdings nicht, ob bei der Konferenz zum Kohleausstieg auch Möhren oder Erbsen durch die Luft geflogen sind.

Kürbisrisotto, handgemachte Gnocci, Fleischbällchen

Ich konsultiere meine Lieblingsköche, den Israeli Yotam Ottolenghi und die Britin Anna Jones, und koche deren Kindergerichte: Kürbisrisotto, handgemachte Gnocci, Fleischbällchen mit Tomatensoße, Nudeln mit Käse-Mangold-Soße. Meine Tochter schaut nur kurz auf den Teller: „Bäh“, sagt sie und schiebt ihn angeekelt weg. Einmal schob ich ihr ein Stück Mandarine rüber, sie wandte sich ab und fing an zu schluchzen. Sie isst am liebsten Würstchen. Wenn es nach ihr ginge, könnte es jeden Tag Würstchen geben. Und Kartoffeln oder Reis. Auch in der Kita sortiert sie das Gemüse aus. Ich mache mir Sorgen: Bekommt sie genug Nährstoffe?

Eine Bekannte empfahl Edamame, damit habe sie bei ihrem Sohn gute Erfahrungen gemacht. Edamame kommen aus Japan und sind unreif geerntete Sojabohnen, sie sehen aus wie große Erbsen. Ich mische die Edamame zwischen Bratkartoffeln und Würstchen. Als meine Tochter auf den Teller guckt und das Grüne entdeckt, fängt sie an zu schreien, als wolle man sie vergiften. Der Kontrast ist besonders groß, wenn man ihren Bruder, fünf Jahre, sieht: Er isst nur Gemüse, Obst und Proteine, wie ein Spitzensportler.

„Good Taste Study“

Was Babys und Kleinkinder essen, hängt von Moden, Trends und Umständen ab. Mutter erzählt gerne, wie man sie im Alter von drei Monaten mit Kohlrübensuppe gefüttert hat. Oder waren es Steckrüben? Das war sechs Jahre nach dem Krieg und man aß vor allem, um satt zu werden. Fleisch gab es, wenn zwei Mal im Jahr geschlachtet wurde.

Im Magazin New Yorker las ich, dass in der amerikanischen Stadt Denver eine große medizinische Studie mit über einhundert Babys läuft, denen verschiedene Gemüse vorgesetzt werden. In der „Good Taste Study“ wird beobachtet, wie sie drauf reagieren, wenn man ihnen ein Schälchen Grünkohl vorsetzt. Es geht darum herauszufinden, wie sich der Geschmackssinn von Babys entwickelt, was sie mögen, was sie nicht mögen. Angeblich isst nur jedes vierte amerikanische Kind Gemüse, und wenn, dann höchstens Pommes.

Ich lese, dass die Essensvorlieben der Babys oft davon abhängen, was die Mutter in der Schwangerschaft gegessen hat. Wenn eine Frau mit dem Baby im Bauch gerne Kartoffeln mit Knoblauch gegessen hat, dann mochten Kinder noch im Alter von zehn Jahren Kartoffeln mit Knoblauch. Ich habe während meiner Schwangerschaften nicht viele Würstchen gegessen.

Meine Tochter wird bald drei, ich nehme an, in wenigen Jahren wird sie mir Vorträge halten über nachhaltige Ernährung. Und dann gibt es wahrscheinlich nur noch Tofu, Hafermilch. Und Grünkohl.

Sabine Rennefanz

liest am 22. Januar um 20 Uhr im Pfefferberg Theater aus ihren Kolumnen.