Maike Thiel: Mordprozess endet mit zwei Mal lebenslang

NEURUPPIN - Die Eltern haben bis zum letzten Tag gehofft. Darauf, dass die beiden Angeklagten etwas sagen würden in diesem Prozess. Sie sollten ja nicht unbedingt ihre Tat gestehen. Nein, das nicht. Nur sagen, wo Maike ist, ihre Tochter. Doch für Heike und Hans-Joachim Thiel aus Leegebruch (Oberhavel) ist diese Zuversicht am Mittwoch wieder verschwunden, am letzten Tag des Prozesses um den Mord ohne Leiche im Landgericht Neuruppin. Nun ist die Ungewissheit wieder da. Wie auch an jedem einzelnen Tag, seit ihre hochschwangere Tochter Maike verschwunden ist. 17 Jahre ist das nun her, und es gibt keine Zweifel daran, dass Maike tot ist. Doch mit dem Schweigen der Angeklagten bleibt die Leiche verschwunden. Es wird kein Grab geben für die Tochter. Keine Stelle, an der die Familie endlich Abschied nehmen kann.

Dabei waren Heike und Hans-Joachim Thiel und auch Maikes Schwester und Bruder, die in dem Verfahren als Nebenkläger aufgetreten sind, mit so viel Optimismus in den Prozess gegangen. Endlich saßen Maikes mutmaßliche Mörder auf der Anklagebank. Der 35-jährige Michael S. – der wohl der Vater von Maikes noch ungeborenem Kind ist – und dessen Mutter. Die Thiels hatten nicht die Höchststrafe gefordert, nur eine Antwort auf die Frage: Wo ist Maike? Und die Schwester hatte noch am vorletzten Verhandlungstag an den Angeklagten Michael S. appelliert: „Du weißt tief in dir, dass du dich selbst betrügst. Du hast nie gesagt, dass du unschuldig bist.“ Nein, Michael S. hat geschwiegen all die Zeit. Bis zuletzt.

Auch das Gericht konnte in dem zähen, 14 Monate währenden Indizienprozess nicht klären, wo die lebenslustige Maike nach jener Schwangerschaftsuntersuchung am 3. Juli 1997 geblieben ist. Denn das wichtigste fehlte, die Leiche. Und so war am Mittwoch völlig offen, wie das Gericht urteilen würde. Die Verteidiger hatten Freispruch gefordert, die Anklage harte Strafen.

Doch für die Kammer gab es keinerlei Zweifel. Die Richter sind davon überzeugt, dass die im achten Monat schwangere Jugendliche vor 17 Jahren einem „teuflischen Mordplan“ zum Opfer gefallen ist. So formuliert es der Vorsitzende Richter Gert Wegner. Alles spreche dafür, dass die Angeklagte Christine S. zum Mord an Maike Thiel angestiftet habe, und deren Sohn und ein Bekannter den Plan ausgeführt haben. Sein Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe für die 61-Jährige, lebenslange Freiheitsstrafe auch für den Sohn. Aus Habgier und heimtückisch hätten die Angeklagten gehandelt.

Überraschendes Urteil

Zumindest das Urteil gegen Michael S. überrascht. Denn die Staatsanwaltschaft hatte für den Angeklagten eine Verurteilung wegen Mordes zu achteinhalb Jahren nach dem Jugendstrafrecht gefordert. Doch auch für Michael S., der zur Tatzeit 18 Jahre alt war, gilt laut Wegner das Erwachsenenstrafrecht.

Der andere Angeklagte, ein mittlerweile 80-Jähriger, kommt ungeschoren davon. Er ist schwer krank und verhandlungsunfähig, das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Wegner erklärt, dass bei Christine S. der Mordplan gereift sei, nachdem sich Maike geweigert habe, das Kind abtreiben zu lassen. Die einstige Berufsschullehrerin und Dozentin habe ihren Sohn vor Unterhaltszahlungen bewahren wollen. Sie habe den Bekannten für Maikes „Verschwinden“ geworben, ihr Sohn habe lediglich als Lockvogel herhalten sollen. Der Bekannte galt als Frauenhasser, der Geld benötigte. Mehrere tausend Mark habe er für den Mord und die Beseitigung der Leiche bekommen.

Nach Angaben des Richters hatte Michael S. am 3. Juli 1997 Maike vor dem Krankenhaus Hennigsdorf abgefangen. Er habe die völlig arglose Jugendliche in sein Auto gelockt und sei mit ihr zu einer einsamen Stelle gefahren. „Ort und Zeit sind nicht bekannt“, sagt Wegner. Irgendwann sei auch der Bekannte zugestiegen. Der Mann habe Maike von hinten gewürgt, um sie zu töten. Er sei aber nicht stark genug gewesen. Da habe Michael S. mit zugepackt. Maike habe geschrien, um ihr Leben gefleht und Michael S., der ihr den Mund habe zuhalten wollen, im Todeskampf gebissen. Zwei Zeuginnen hatten im Verfahren die Bissnarbe am Unterarm beschrieben. Diese Stelle am Arm wird von einem Tattoo verdeckt.

Ohne jede erkennbare Regung haben sowohl Michael S. als auch seine Mutter das Urteil vernommen. Sie bleiben – trotz ausgesprochener Höchststrafe – auf freien Fuß. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie in Revision gehen werden. Maikes Familie liegt sich am Ende der Urteilsbegründung schluchzend in den Armen. Sie hat lange darum gekämpft, dass die Akten nie geschlossen werden und der Fall ihrer verschwundenen Tochter mehrfach in der Sendung „Aktenzeichen xy ungelöst“ gezeigt wurde. Nach der letzten Ausstrahlung hatte eine ehemalige Freundin von Michael S., die offenbar von dem Mord wusste, ihr Schweigen gebrochen und den Prozess in Gang gebracht.

Bevor Maikes Mutter den Gerichtssaal an diesem Mittwochnachmittag verlässt, erklärt sie, man müsse das Urteil erst einmal sacken lassen. „Meine Tochter habe ich dadurch trotzdem nicht zurück“, sagt Heike Thiel mit verweintem Gesicht.