Das Handwerkervereinshaus war Veranstaltungsort der Arbeiterbewegung.
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BerlinEs ist kalt in Berlin, und regnen tut es auch. Der Januar ist wahrlich kein schöner Monat für Spaziergänge. Es zieht und pfeift durch alle Jackenöffnungen. Trotzdem muss man ja mal raus. Es spricht sogar einiges dafür: Licht bis in die mittleren Nachmittagsstunden, frische Luft, die Angst etwas zu verpassen, denn Berlin schläft nie, auch nicht im Januar! 

Ein kreativer Ort mit kämpferischer Vergangenheit sind die Sophiensäle mitten in der Spandauer Vorstadt. Auch an diesem Wochenende geht es hoch her. Im Rahmen der Tanztage knöpft sich der Performancekünstler Caner Teker den hypermaskulinen türkischen Kult des Öl-Wrestlings vor, bricht mit allen Klischees und fragt stattdessen nach Verletzlichkeit und Intimität.  In den großzügigen Veranstaltungsräumen, wo seit 1996 die Sophiensäle (von Sasha Waltz mit „Allee der Kosmonauten“ eröffnet) ihren Sitz haben, schlug einst das Herz der stolzen Zünfte.

Blick von der Sophienstraße in die Hackeschen Höfe. 
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1904 wurde das Handwerkervereinshaus eröffnet. Denn hier in der Spandauer Vorstadt lebten sie alle, die Zimmerer, Schumacher und Korbflechter. Das Vereinshaus in der Sophienstraße wurde zu einem wichtigen Ort der deutschen Arbeiterbewegung. Karl Liebknecht rief im Oktober 1918 zum Kampf auf. Wilhelm Pieck sprach auf der ersten Versammlung des Spartakusbundes. Erich Mühsam, Clara Zetkin, alle waren in den Versammlungsräumen, in denen bis zu 3000 Menschen Platz hatten. Die Nazis missbrauchten das Haus als Ausbeutungsstätte für Zwangsarbeiter. In der DDR wurde das Gebäude vom Maxim-Gorki-Theater für die Werkstätten genutzt. Noch heute ist hier nicht alles geleckt. Putz blättert und darf blättern.

Durch die markanten Tore verlässt man den Hof in eine andere Welt – in die bei Touristen und Berlinern gleichermaßen beliebte und viel besuchte Sophienstraße. Die kurze Straße zwischen der Großen Hamburger und der Rosenthaler Straße lädt im Winter zum  Flanieren ein. Zweigeschossige Biedermeierhäuser gehören zur Kulisse, neben Showrooms, Coffeeshops und den legendären Hackeschen Höfen, die ihren Eingang auch in der Sophienstraße haben. Nach dem Krieg verlottert und herunterkommen, erstrahlte die Sophienstraße erstmals zur 750-Jahr-Feier 1987 wieder, die Fassaden gemacht, Häuser saniert, Innenhöfe entkernt, Läden nostalgisch beschriftet. Ein Wandbild aus DDR-Zeiten erinnert an die wieder angesiedelten Zünfte: Wäscher und Plätter, Korbmacher, Schlosser, Schneider.

Sophienstraße in Berlin Mitte (1992). 
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Seit 1735 thront der einzig erhaltene Barockturm Berlins auf der Sophienkirche, die von 1712 bis 1713 erbaut wurde. Auch der ruhige Friedhof ist einen Besuch wert. Viele historische Gräber sind erhalten.  Das tägliche Brot verdient man heute in der Spandauer Vorstadt mit absurd teuren Kaffeespezialitäten, die man kaum aussprechen kann, die aber auf jeden Fall „fresh roasted“ sind. Die Welt der Drosch-kenkutscher ist weit weg. Im Sophieneck kann man sie noch erspüren. Dazu passen die Gerichte: Kartoffelsuppe, Bulette, Berliner Eisbein. Einzelne Geschäfte haben die Nachwendezeit überlebt: eine Meisterwerkstatt für Holzblasinstrumente, das Puppentheater Firlefanz. Zum Glück gibt es sie noch, sonst käme die schöne Sophienstraße sehr blutarm daher, trotz Laternenschein und Fassadenschmuck. In der Nummer 11 soll sich das älteste Haus der Straße befinden, 1750 erbaut.