Ich kann stricken, nähen, tapezieren, ich kann auch einen Fahrradreifen flicken. Was ich definitiv nicht kann, ist malen. Dementsprechend skeptisch bin ich, als ich vom „Malsalon“ höre. Die Idee dazu haben Anne Naundorf, Kristin und Johanna Möller aus New York importiert. Seit einem halben Jahr bieten sie in ihrem Ladenatelier die Möglichkeit, sich unter Anleitung an Werken bekannter Künstler zu versuchen. „Es sind Bilder, die man kennt, die kunsthistorisch aber in zweiter Reihe stehen“, erklärt mir Johanna Möller.

Das Problem umschifft

Nur wie soll ich Edgar Degas’ „Tänzerinnen“ auf die Leinwand bringen, wenn ich nur Strichmännchen oder steife Figurinen hinbekomme? Oder Franz Marcs „Tiger“, wenn schon meine Kinder in jeder meiner Tierdarstellungen einen Hund ausmachen? Auch wenn ich gar keine Hunde gemalt habe. Da Neugier zum journalistischen Handwerkszeug gehört, melde ich mich zum Selbstversuch an. Gustav Klimts „Der Kuss“ steht auf dem Plan, ein so wunderbares wie berühmtes Jugendstil-Motiv in Gold, das von ewiger Liebe und Glück kündet. Ein Motiv, für das sich vor allem Frauen begeistern, obwohl der „Malsalon“ auch von vielen Männern besucht werde, wie Johanna Möller versichert.

An diesem Samstagnachmittag haben sich 14 Teilnehmerinnen eine Schürze umgebunden und an zwei lange Holztische gesetzt, jede vor einer kleinen Staffelei, auf der eine 40 mal 50 Zentimeter-Leinwand steht. Auf dieser wurde bereits über Kopier-Papier eine Vorzeichnung befestigt, deren Umrisse ich eifrig mit Bleistift auf die Leinwand übertrage. So also umschifft man das Problem, denke ich erleichtert. Anschließend sollen wir die Bleistift-Konturen mit möglichst lockerem Pinselstrich nachzeichnen. Wenn etwas schief geht, so unsere „Instrukteurin“, die Malerin Anna Aly Labana, können wir die Acrylfarbe mit einem Lappen abwischen und übermalen. Und bei mir geht natürlich etwas schief: Die Hand, die die Geküsste ihrem Liebsten um den Nacken gelegt hat, sieht plötzlich aus wie eine Klaue. Mutig wische und probiere ich erneut, jetzt hat die Hand nur noch vier Finger. Alarm für Anna! Während sie die Hand rettet, verrät sie mir, dass diese in der Tat nicht so einfach zu zeichnen sei, ein Kunstkritiker habe sie gar als „Waschlappenhand“ bezeichnet: Klimt hatte die anatomische Genauigkeit zugunsten einer Kreisform geopfert.

Nach den Konturen geht es ans Ausmalen. Dabei sei zunächst der Kontrast der Hautfarben der beiden Küssenden zu beachten, erklärt uns Anna Aly Labana. Die der Frau sei relativ blass, bestünde also aus einer Mischung von Weiß mit einem Tupfen Schwarz und Blau. Für den Mann schlägt sie eine Mischung aus Ocker, Braun und etwas Rot vor und betont, dass an dieser Stelle erstmals unser künstlerisches Können gefragt sei.

14 individuelle Varianten

Eine Ewigkeit experimentiere ich mit diversen Mischungen, finde die eine zu grau und die nächste zu schweinchenrosa. Neidisch schiele ich zu meiner Nachbarin, einer geübten Laien-Malerin, die souverän blaue Schatten auf die blasse Schulter und rote Wangen aufs Gesicht der Frau tupft. Das ist etwas für Fortgeschrittene, beschließe ich und probiere mein Glück bei der Gestaltung der Gewänder, die ich hemmungslos mit Kringeln und Streifen verziere.

„Lebensfroh“, kommentiert der Fotograf mein Werk. Ich finde, das trifft es. Ich habe drei Stunden lang eine konzentrierte und dennoch entspannte Atmosphäre genossen, habe mich ein wenig mit Kunst und ihrer Geschichte befasst, ohne das Gefühl zu haben, in der Schule zu sitzen. Außerdem habe ich verstanden, dass es im „Malsalon“ nicht vordergründig um das Kopieren oder gar Fälschen berühmter Meister geht. Vielmehr existieren am Ende des Nachmittags 14 sehr individuelle „Kuss“-Varianten, von denen jede vorzeigbar ist. Malen kann ich leider immer noch nicht.

Malsalon Berlin, Knaackstraße 80, Prenzlauer Berg, Telefon: 233 61 403 oder 0176 – 311 40 385.

www.malsalon.de