Susanne und Roland Wollenschlaeger heute im Jahr 2019 an ihrem Stand auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz.
Foto: Thomas Uhlemann 

BerlinWie viel Zeit muss vergehen, bis die Erinnerung verblasst, die Bestürzung nachlässt und der Alltag die innere Not heilt? Susanne Wollenschläger weiß es nicht. Für sie ist das Entsetzen noch nah, das sie am 19. Dezember 2016 ergriff. 

Der Terrorist Anis Amri raste an jenem Montag mit dem Lastwagen auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz genau durch ihren Stand, durch ihre Glühweinhütte, in der sie seit fast drei Jahrzehnten Menschen bewirtet. Wenige Meter dahinter kam er zum Stehen. Zwölf Menschen starben, 60 wurden verletzt.

Noch nie hat Susanne Wollenschläger darüber mit Journalisten gesprochen, und auch jetzt, drei Jahre später, fällt es ihr schwer. Sie steht an dem Ort, an dem sie selbst hätte sterben können, gegenüber dem achteckigen Kirchenschiff der Gedächtniskirche, eine mittelgroße Frau mit halblangen, blonden Haaren. Sie schnupft, die Augen tränen, sie ist erkältet und trotzdem auf dem Weihnachtsmarkt bei der Arbeit. Damals, am Unglückstag, war sie noch stärker erkältet. So sehr, dass sie zu Hause blieb – auf Drängen ihres Mannes.

Ein Schatten auf dem Gesicht

„Deshalb lebe ich heute wahrscheinlich noch“, sagt Susanne Wollenschläger, 61 Jahre alt. Es klingt nüchtern, nicht erleichtert. Die Folgen des Attentats lasten auf ihr. Wenn sie lächelt, sieht man, dass sie eigentlich ein fröhlicher Mensch ist. Dann blitzen ihre Augen. Blickt sie beim Reden in die Vergangenheit zurück, legt sich ein Schatten auf ihr Gesicht. Sie bittet ihren Mann zum Gespräch hinzu.

Die beiden gehen seit 38 Jahren gemeinsam durchs Leben. Und Ronald Wollenschläger, 64, ein Mann mit Grübchen im freundlichen Gesicht, hat am 19. Dezember vor drei Jahren alles selbst gesehen. Der Anschlag war eine Zäsur. „Ich habe mein Leben komplett geändert“, sagt Wollenschläger, der aus einer großen Berliner Schaustellerfamilie stammt. „Was mich früher aufgeregt hat, ist mir heute egal.“ Es gebe nur noch wenige Menschen, die ihn reizen könnten. Und was sei schon Geld? Es könne keinen Krebs heilen und einen nicht vor Verrückten bewahren, die durch die Stadt rasen.

Wie betäubt über den Breitscheidplatz gelaufen

Ronald Wollenschläger arbeitete auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus, als Amri den Anschlag verübte. Eigentlich wollte Wollenschläger – weil seine Frau ja krank war – schon am Breitscheidplatz sein, doch eine Bekannte rief ihn an und sagte: „Hier ist wenig los. Kannst später kommen.“ So trank er noch einen Kaffee mit einem Freund.

Dann rief die Bekannte wieder an. „Es ist ein Unfall passiert“, sagte sie, „komm her, aber fahr ganz in Ruhe.“ In diesem Glauben kam Wollenschläger zur Budapester Straße. Er sah Blaulicht und Krankenwagen und dachte: „Ein normaler Unfall war das aber bestimmt nicht.“ Die Polizei ließ ihn als Standbesitzer durch, sodass er auf der Höhe der Gedächtniskirche parken konnte. Er stieg aus und erkannte sofort: „Der Laster war genau durch unser Geschäft gefahren.“

Weiße Rosen liegen am 19.12.2017 bei der Einweihung der Gedenkstätte mit einem aus Bronze nachempfundenen Riss im Boden an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz.
Foto: dpa/Bernd Jutrczenka

Wie betäubt sei er weitergegangen. „Es war dunkel auf dem Platz“, erzählt er. Der Laster hatte Leitungen durchtrennt, nur vereinzelt brannten Lichter. In der Düsternis schrien Menschen, Sanitäter leisteten Erste Hilfe, hielten Flaschen mit Infusionen in die Höhe, überall war Polizei. Wollenschläger ging dorthin, wo seine Hütte gestanden hatte. Da war Leere. „Von unserer Hütte stand nur noch eine seitliche Außenwand, sonst nichts, gar nichts“, sagt er. Der acht mal vier Meter große und knapp vier Meter hohe Bau – ausradiert. Der Bretterboden war noch teilweise vorhanden, auf ihm lag Holz, die Reste des alten Lebens.

„Um Gottes Willen, wie viele Leute sind da drin gewesen?“, das sei sein erster Gedanke gewesen. Er lief ein paar Schritte in Richtung der anderen Stände, sah Verletzte, Leichen. „Wie Krieg, nur ohne Bomben“, sagt er. Auf seinem Handy hat er noch Fotos dieser Szene. Er zeigt sie. Die übrig gebliebene Wand der Hütte ist klar zu erkennen. Auch die grünen Tannenkränze, die sie schmückten. Davor ein Bretterhaufen.

Der Mitarbeiter überlebt

„Eine Freundin meiner Frau hat ein Foto. Darauf ist zu sehen, dass ein Engel auf dem Haufen sitzt“, sagt er, „meine Frau liebt Engel – es sind wohl Schutzengel.“ Wollenschläger fand den Mitarbeiter, der an diesem Abend in der Hütte gearbeitet hatte. Er lag neben dem Geschäft auf einer Trage und wurde medizinisch versorgt. Ein Glühweingerät war umgestürzt und hatte ihn verletzt. „Es geht schon so halbwegs“, habe er gesagt, er stand unter Schock.

„Ich war so erleichtert, ihn lebend zu finden“, sagt Wollenschläger heute. Er macht immer wieder Pausen, während er erzählt. Er sei dann in die Hütte eines Marktkollegen gegangen und habe einen Schnaps getrunken. Sie hätten geredet. „Einer hatte zwei Kunden gerade ihren Glühwein hinstellen wollen – da waren die weg. Der Lastwagen hatte sie überfahren“, berichtet er und schüttelt immer wieder den Kopf.

Die Markthändler gaben sich in diesen ersten Minuten nach dem Attentat gegenseitig Halt. Anschließend fuhr Wollenschläger zu seiner Frau, die allein zu Hause war und die Ereignisse am Fernsehen verfolgte. Noch wussten die beiden nicht, dass vier Menschen in ihrer Hütte ums Leben kamen. Doch sie befürchteten es.

Viele Stammkunden, Gäste und Freunde

Susanne Wollenschläger ist Wirtin mit Leib und Seele. Der Leitspruch ihres Mannes „Sie kommen als Gast und Sie gehen als Freund“ beschreibt auch ihren Anspruch. Laufkunden seien gut, aber die Stammkunden, so sagt sie, seien das, was das Geschäft am Leben halte. „Unser ältester Stammkunde Albert kommt seit 28 Jahren.“

Es gebe Runden von Stammkunden, die in der Nähe vom Breitscheidplatz wohnen, Runden mit Marktkollegen und mit regelmäßigen Besuchern von weit her – aus Dänemark zum Beispiel, aus Schweden oder Kanada. „Susannes Stand ist ein Treffpunkt. Hier haben sich Leute kennengelernt und geheiratet“, sagt Ronald Wollenschläger stolz.

„Eine Stammkundin hat in der Nacht vordem 19. Dezember ihren Geburtstag bei mir gefeiert und dazu Freunde und Familie eingeladen“, erzählt Susanne Wollenschläger, und es ist ihr anzusehen, dass sie wieder erschrickt bei dem Gedanken: „Was wäre, wenn?“ Auch die Frauen von den Weihnachtsmarktständen treffen sich immer bei ihr und immer montags. Doch als sie am 19. Dezember krank zu Hause bleiben musste, sagte Susanne Wollenschläger ihnen ab.

Details über die Opfer

Nach und nach erfährt das Paar immer mehr Details über die Opfer. Ja, es sind Menschen gestorben, die die Wollenschlägers kannten. Da ist der Pilot, der am Abend des Anschlags mit seiner Mutter kam. „Sie starb in seinen Armen“, erzählt Ronald Wollenschläger. Da ist die Männerrunde, die sich regelmäßig trifft und aus der einer herausgerissen wurde. Die anderen Opfer kannten sie nicht.  

Susanne Wollenschläger fühlt mit allen Angehörigen mit; sie weint mit ihnen und hört ihnen zu, wenn sie an den Stand kommen und davon berichten, wie es nach dem Anschlag weiterging. „Gerade eben war wieder einer da und erzählte, dass er eine Entschädigung erhalten hat“, berichtet sie.

Sie verfolgt die Nachrichten über den Anschlag, fragt sich, ob Anis Amri hätte gestoppt werden können, und ist dankbar für jedes Stück Aufklärung, das die Medien leisten. Das Mahnmal für die Opfer liegt der Hütte der Wollenschlägers genau gegenüber: Angelika Kösters, Anna und Georgiy Bagratuni, Dorit Krebs, Dr. Christoph Herrlich – diese und andere Namen stehen auf den Stufen. Daneben haben Menschen Kerzen und Blumen aufgestellt. Neben einem Namen liegt ein Herz: „Wir vermissen dich.“ Fast jeder der vorbeigeht, bleibt stehen.

Eine Gruppe Bundespolizisten verharrt lange. Der Älteste unter ihnen schildert offenbar die Ereignisse. Die Polizisten hören still zu. Touristen machen Fotos. Wenn die Wollenschlägers in ihrem Stand stehen, sehen sie immer wieder Szenen wie diese. Betroffenheit und Schaulust, Trauer und Gleichgültigkeit sind stets in Reichweite. Kein einfacher Platz. „Es ist schwer, wenn man rausguckt“, sagt Susanne Wollenschläger.

Das Mahnmal ein „Riss“ aus Bronze erinnert heute am Breitscheidplatz an die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016 - direkt gegenüber vom Stand von Susanne und Roland Wollenschlaeger auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
Foto: Thomas Uhlemann

Wenn Sie aufgeben, haben die erreicht, was sie wollen

In die Bodenplatten des Fußgängerwegs ist eine durchbrochene Metallschiene in goldener Farbe eingelassen, sie markiert, wo der Lastwagen linker Hand zur Straße durchbrach – mitten durch die Glühweinhütte der Wollenschlägers. Der Platz vor und hinter dem Riss ist frei. Die Glühwein-Bar ist die erste Hütte, die sich anschließt. Der Platz wurde dem Ehepaar zugeteilt, die Wollenschlägers haben das akzeptiert. „Die Menschen, die hier gestorben sind, dürfen nicht vergessen werden. Wir müssen weitermachen“, sagt Susanne Wollenschläger.  

Es gab Momente, an denen sie und ihr Mann darüber nachgedacht haben, nicht zum Breitscheidplatz zurückzukehren. Im Jahr des Anschlags taten sie es ohnehin nicht. Die Entschädigung von der Versicherung kam erst nach langem Hin und Her und auch nur teilweise. Sie überlegten, das Geschäft ganz aufzugeben oder einen anderen Platz zu beantragen. Am Ende hielten sie am Alten fest.

„Sonst machen wir das, was die erreichen wollen, die so etwas tun“, sagt Ronald Wollenschläger. Mancher, der sich bei ihnen als Aushilfe bewarb, ertrug den Anblick nicht. Aber sie haben auch Mitarbeiter, die sich für das Weitermachen entschieden.  Ein geselliges Beisammensein auf dem Markt, das gehöre doch zum Advent dazu.

„Man ist ja trotzdem auch wieder fröhlich hier“, sagt Susanne Wollenschläger. Aber nicht immer. „Als wir zum Drehorgelfest kamen, stellten sich mir erst mal die Haare an den Armen auf“, sagt Ronald Wollenschläger. Jedes Mal, wenn der Breitscheidplatz wieder zum Arbeitsplatz wird, brauche er einen oder zwei Tage, um den Schreck von damals loszuwerden.

Beschützt von Engelsflügeln

Haben sie keine Angst, dass sich der Anschlag wiederholt? „Leider müssen die Menschen auf dieser Welt mit dieser Angst leben“, sagt Ronald Wollenschläger. „Man darf nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein“, fügt seine Frau hinzu. Sie hat in der neuen Hütte wieder einige Engel dekoriert, eine Stammkundin bastelte große flauschige Engelsflügel, die sind in der Mitte der Rückwand unterm Dach platziert.

Vor dem kommenden Donnerstag – dann ist der 19. Dezember – haben die Wollenschlägers keine Angst. Im Gegenteil, am Jahrestag des Anschlags werden sie der Opfer gedenken; sie werden Angehörige bewirten, die kommen, um für ihre Lieben Blumen niederzulegen; sie werden sich an die vielen Ersthelfer, Freunde und Kollegen erinnern, die am Anschlagstag und danach geholfen haben. Ja, und sie werden auch dem Schicksal danken, dass sie wider alle Wahrscheinlichkeit weiterleben durften.