Ein herrschaftlicher Landsitz? Nun, jedenfalls ein Haus auf dem Land.
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BerlinDas Kind war zum Übernachten bei einer Schulfreundin eingeladen. Die Familie wohnt in genau dem Haus, in dem ich früher mal wohnen wollte.

Vor langer, langer Zeit, in den 90ern, ging ich in dieser Straße spazieren, sah das Haus und dachte: „Da will ich mal leben.“ Damals war das Gebäude natürlich noch unsaniert und stand wie von Gott und der Welt vergessen in dieser ruhigen Straße zwischen zwei Friedhöfen. Dort leben zu können, schien machbar. Heute allerdings nicht mehr, jedenfalls nicht für mich.

Jetzt ist das Haus renoviert, links und rechts Neubauten

Das Haus ist jetzt renoviert und glatt, gespachtelt in geschmackvollem Grau. Links und rechts stehen Neubauten, und ganz so ruhig ist die Straße auch nicht mehr. Ich öffne das bis aufs rohe Holz abgeschliffene Haustor, fahre mit dem Fahrstuhl bis ganz nach oben und schaue dabei durch die gläsernen Fahrstuhlwände auf den großzügigen Garten hinterm Haus. Ganz oben kann man dann alles zusammen sehen: Garten und Friedhof und Häuserdächer.

Mein Kind steht schon ganz begeistert in der geöffneten Tür. „So eine tolle Wohnung!“ ruft es. „Kuck mal!“ Ja, toll. Parkettboden überall, keine Türschwellen, wenige Wände, wenige Möbel, große Fenster und sensationelle Aussicht in alle Richtungen. „Da oben gehts noch weiter!“, ruft mein Kind und zeigt auf eine Treppe.

Es ist still im Paradies. Die Hausherrin ist unterwegs, der Hausherr reicht mir wortkarg ein Glas kalten Tee. Das Hauskind erwidert meinen Gruß einsilbig, sitzt im Kinderzimmer und blättert mit ernstem Gesicht in einem Aufklebersammelalbum. Ich bin zu spät.

Was? Ein Auto und ein Landhaus haben sie auch noch?

Meine Tochter durfte hier übernachten, sollte aber spätestens um zehn Uhr vormittags abgeholt werden. Da ich meine Freiheit letzten Abend genutzt habe, bin ich aber leider etwas später aufgestanden. Ich habe mir nichts dabei gedacht, erst jetzt zu kommen. Aber nun ist es beinahe schon Mittag, die Familie will in ihr Landhaus fahren und wegen mir können sie jetzt erst los.

Was? Ein Auto und ein Landhaus haben sie auch noch? Die Dachwohnung mit den zwei Etagen, der Terrasse und der Garten hinterm Haus genügen ihnen nicht? Nein, ich bin nicht neidisch. Die sind wahrscheinlich viel fleißiger als ich. Sie haben sich das Wochenende auf dem Land nach einer harten Arbeitswoche verdient. Wegen mir wird es jetzt kürzer sein. Da sieht man es mal wieder: Egal, wie viel man hat: Man kann nicht alles haben.