Meinungen austauschen und Konsens entdecken - Für manche ist das nicht von Bedeutung. 
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BerlinFrüher habe ich Talkshows gerne gesehen. Das hat sich geändert, aber ich wäre wieder dabei, wenn aus dem Kreis der Teilnehmer auch mal Sätze kämen wie: „Das wusste ich gar nicht.“ „Finde ich interessant, was Sie da sagen!“ „Können Sie das noch genauer erklären?“ 

Das sagt leider keiner. Talkshowgäste kommen mit einer Erkennungsmelodie in die Runde und gehen weg ohne Interesse an anderen Liedern. Viele Sendungen werden durch Erwartbarkeit gelähmt – dieselben Leute, maliziöses Lächeln, Unterbrechen als Reflex. So ähnlich ist es auch im Bundestag. Ich ahne bald, zu welchen Schlüssen die Abgeordneten in ihren Reden kommen werden und von welchen Fraktionen die Widerworte.

Interessieren die sich überhaupt noch füreinander? Könnten die nicht wenigstens versuchen, die vermeintliche Spreu vom Weizen zu trennen, um einen Konsens zu entdecken? Damit eine wichtige Meinung in der Politik entstehen kann, nehmen die beteiligten Personen einen Zeitraum in Anspruch, den sie „Meinungsfindungsprozess“ nennen. Danach ist eine Meinung auf der Welt, und weil sie so lange brauchte, besteht ein Bedürfnis, an ihr festzuhalten. Im Prinzip genießt die Meinung ein hohes Ansehen.

Keine Meinung zu vielen Themen

Redakteure von Meinungsseiten haben eine verantwortliche Stellung, auch wenn diese Seiten vielleicht ein bisschen weniger gelesen werden als der Klatsch im Vermischten. Es gibt sogar einen ganzen Berufsstand mit Einfluss – die Meinungsforscher. Bei mir ist es so, dass ich zu vielen Sachen gar keine Meinung habe. Veganes Essen, Sprachregeln wie Redepult statt Rednerpult, Homöopathie, „Prepper“ – eine Bewegung, die sich durch enorme Vorratswirtschaft auf Katastrophen vorbereitet –, Polyamorie oder kein Sex vor der Ehe: Das zieht mich alles nicht an, aber ich will es nicht runtermachen.

Eine Meinung hält es für ihre Aufgabe, Zustände, Personen, Ereignisse zu beurteilen. Entschieden und immer gleich raus damit. Ich rede mit einem Freund über einen Film, der mir sehr gefallen hat. „Ein Scheißfilm!“, sagt er und fügt hinzu: „Meine Meinung!“ Und als ich die Schauspieler, die Kamera oder sonst noch irgendetwas lobe, sagt er: „Deine Meinung!“ Gesichtsausdruck und Körpersprache vermitteln, dass meine Meinung im Vergleich zu seiner Meinung nichts taugt.

Meinungsstark, wenn etwas für wahr gehalten wird

Meinungen werden geäußert, ohne begründet werden zu müssen. Deshalb ist zum Beispiel der Vorwurf der „Lügenpresse“ als Meinung geschützt. In der Erkenntnistheorie wird unter einer Meinung eine von Wissen und Glauben unterschiedene Form des Fürwahrhaltens verstanden. Es reicht also, etwas für wahr zu halten, um als meinungsstark zu gelten. Man muss nichts wissen.

Ich komme mit einem Mann ins Gespräch, der die Feuerwerkseinschränkungen in Berlin für staatlichen Machtmissbrauch hält. Die Feinstaubentstehung findet er mengenmäßig lächerlich. Zufällig habe ich mir eine Zahl gemerkt: Die Menge Feinstaub, die Silvester in Deutschland durch Raketen und Böller entsteht, entspricht der Menge Feinstaub, die alle Pkw und Lkw zusammen auf unseren Straßen in zwei Monaten erzeugen. Der Mann lacht und winkt ab: „Dann muss man eben flacher atmen.“