Die Halle der Ipse ist durch Brandstiftung zerstört worden. Vorerst wird sie nicht wieder aufgebaut, sagt Clubmanager Tom Szana. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinDie Wellblechwände sind von der Hitze verbogen. Aschehaufen und schwarze Holzbalken liegen überall herum. Teile des Daches fehlen, die Sonne scheint ungehindert hindurch. Die Halle der Ipse, Club auf der Kreuzberger Lohmühleninsel, ist zerstört.

Im Shutdown ist der Club Opfer von Brandstiftung geworden. Auf den Tag genau am sechsten Geburtstag des Clubs – am 28. April – rollten Unbekannte Propangasflaschen in die Halle und legten an mehreren Stellen Feuer. Ein paar Dutzend Feuerwehrleute löschten zwei Tage lang. Geblieben aber sind nur 600 Quadratmeter Kohle, ein schwarzes Zentrum auf dem sonst so grünen Gelände.

Technik im Wert von knapp einer halben Million Euro sei vom Feuer zerstört worden, sagt Clubmanager Tom Szana. Das hat die in der Corona-Krise ohnehin schwierige Lage für die Ipse noch hoffnungsloser gemacht. Die Halle ist der einzige Raum, den die Ipse im Herbst und Winter bespielen kann. Sie müsste jetzt weggebaggert und komplett neu aufgebaut werden. Ein großes Investment – dabei wissen die Clubs nach wie vor nicht, ob und wann sie überhaupt wieder öffnen dürfen. „Es gibt gerade viel zu viele Unsicherheiten“, sagt der 34-jährige Szana. Wird es nächstes Jahr wieder Clubkultur geben? Internationales Reisen? Touristen, die zentral gelegene Clubs wie die Ipse füllen? Niemand könne das sagen. Also bleibt die Innen-Ipse vorerst Asche.

Technik im Wert von knapp einer halben Million Euro wurde zerstört. 
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

Auch auf dem grünen Außengelände der Ipse tut sich nichts. Dabei hat das Gelände Uferstrecke, Ausblick auf die Spree, den Molecule Man und den Treptower Park zu bieten. Szana zeigt auf den Steg im Wasser, auf dem einst Soldaten patrouillierten. Man sei sich in der Ipse sehr bewusst, dass man auf dem Todesstreifen der Berliner Mauer Party mache. „Auf einem Abschnitt, der früher die globale Versinnbildlichung für Trennung und Spaltung war, kommen jetzt die Leute zusammen und feiern die Freiheit.“

Kommen allerdings ist falsch – kamen muss es heißen. Im Gegensatz zu anderen Clubs mit Outdoor-Flächen stellt Szana nämlich keine Tische auf, verwandelt die Tanzfläche nicht wenigstens in einen Biergarten oder ein Restaurant. Für die Betreiber der Ipse kommt die Teilöffnung nicht infrage – aus Gründen des Infektionsschutzes, der Branchen-Solidarität und aus Fragen der politischen Strategie.

Dass Clubs und Corona grundsätzlich nicht vereinbar sind, davon ist Szana – im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen, die erste Vorstöße wieder wagen – weiterhin fest überzeugt. Er hat Jura studiert und war selbst jahrelang exzessiver Partygänger, bevor er 2016 die Stelle als Clubchef in der Ipse antrat. „Wenn Alkohol fließt, wenn die Musik laut ist, dann triggert das das Gefühl: Ich will jetzt aber über die Stränge schlagen, auch Indoor, wie ich es früher gemacht habe. Für mich ist das keine Option. Wir haben eine Verantwortung.“ Seine Überzeugung: Je konsequenter alle geschlossen halten, desto schneller ist die Pandemie vorbei, desto schneller dürfen alle – gleichermaßen – wieder öffnen.

Feiern auf dem Todesstreifen: Die Ipse liegt an der Spitze der Kreuzberger Lohmühleninsel. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die „Biergartisierung“ der Clubszene, die seit Monaten überall in Berlin zu beobachten ist, auch die ersten legal geöffneten Tanzflächen unter freiem Himmel sieht er aber auch aus anderem Grund kritisch: „Die Politik interpretiert das als das Signal: Problem gelöst. Aber gar kein Problem ist gelöst. Alle Clubs, die ich kenne, haben unglaubliche Probleme.“ Es sei nur zu verständlich, wenn Betreiber jetzt irgendwie öffneten, Hoffnungslosigkeit und Existenzängste seien groß. Die Zwischenlösungen aber seien wirtschaftlich nicht tragbar. Dass die Szene irgendwie, aber ohne jede Perspektive weiter macht, setzt für Szana den falschen Impuls. „Die Politik ist im Zugzwang, hier muss mehr passieren.“ Jetzt, wo die Schließungen immer länger dauerten, mehr denn je.

Wir sind als einzige Branche weiter zwangsgeschlossen. Es müsste eigentlich so sein, dass wir einen Anspruch auf Kompensation haben – und nicht als Bittsteller auftreten müssen.

Tom Szana, Manager der Ipse

Neue Hoffnung macht dem Clubmanager der Ipse wie einem großen Teil der Branche seit ein paar Tagen das Gutachten eines Professors für Öffentliches Recht von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Erstellt wurde es im Auftrag der Party Rent Group, die nach eigenen Angaben ein europaweit agierender Eventausstatter mit 24 Standorten und 940 Mitarbeitern ist. Das 42-seitige juristische Gutachten trägt den Titel „Entschädigungsrechtliche Fragen im Zuge der Corona-Pandemie“ und zieht unter anderem als Fazit: „Kurzfristige Betriebsschließungen in einer pandemischen Ausnahmesituation lösen keine allgemeine finanzielle Ausgleichspflicht aus. Demgegenüber sind finanzielle Ausgleichsregelungen bei längerfristigen Betriebsschließungen geboten, da die Intensität des Grundrechtseingriffs stark zunimmt.“

Szana hofft darauf, dass solche Einschätzungen die Wende in der Politik bringen könnten: Den Anspruch auf Entschädigungszahlungen für alle, die weiterhin geschlossen halten müssen – und nicht bloß die karge Hoffnung auf Soforthilfe, verteilt in einem Windhundrennen, bei dem nur wenige profitieren. In der ersten Runde der Soforthilfe IV, für die sich erstmals auch Clubs bewerben konnten, erhielten nur 38 von mehr als 120 Clubs Unterstützung. Viele davon, auch die Ipse, erhielten 25.000 Euro – ein Bruchteil der in der Phase der Schließungen angefallenen Fixkosten.

Sirene für Partysuchende: Das Horn der Ipse schallt normalerweise über das Wasser. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Szana folgt der Argumentation des neuen Gutachtens: Ein derart lang anhaltendes Veranstaltungsverbot wie in der Corona-Krise stelle einen „enteignungsgleichen Eingriff in die Eigentumsrechte“ der betroffenen Unternehmer dar. „Wir sind als einzige Branche weiter zwangsgeschlossen. Es müsste eigentlich so sein, dass wir einen Anspruch auf Kompensation haben – und nicht als Bittsteller auftreten müssen.“ Das klassische Problem aber sei, wenn ein Club alleine den Kampf vor Gericht gegen seinen Vermieter aufnehme: Das Urteil falle, wenn der Club schon lange tot sei. „Eine Massenklage wäre aber eine Möglichkeit.“

Das Gutachten kursiert bereits in Branchenkreisen, die Lobbyorganisationen haben es bereits an Politiker weitergereicht. Ob die diverse Branche den Zusammenschluss zu einer Massenklage wagt und schafft, steht in den Sternen. Der Anblick der leeren Ipse ziehe ganz schön runter, sagt Szana beim Gang über die Tanzfläche. „Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, wenn hier 500 Leute stehen.“ Doch dieses Gefühl gehe langsam verloren.

Clubs in der Krise - Teil 6

Die Serie: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor.

Vorherige Teile: Im ersten Teil der Serie haben wir das SchwuZ vorgestellt, den ältesten queeren Club Deutschlands. Im zweiten Teil haben wir mit dem Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft über Open Airs gesprochen. Die Genossenschaft betreibt den Technoclub Kater Blau. Dann folgte der Erotikclub Insomnia, der trotz schwieriger rechtlicher Lage früh wieder geöffnet hat – mit Sado Maso, ohne Orgien. Das Yaam, einziger großer Reggaeclub in Berlin, erklärt, warum es eine Erhöhung der Preise in der Krise kategorisch ablehnt. Warum manche Musikrichtungen - wie Punk und Hardcore - besonders unter den Abstandsregeln leiden, zeigte das SO36 im fünften Teil.  

Support für die Ipse: 16 Künstler, die normalerweise in der Ipse auftreten, haben in der Krise für den Club Tracks geschrieben. "Save Ipse" heißt die Compilation und ist auf Bandcamp (14 Euro) oder Spotify verfügbar. In Kooperation mit ARTE Concert hat die Ipse in diesem Sommer außerdem vier Auftritte im Club aufgezeichnet.