Berlin - Die Zahl der von der Opferberatungsstelle Maneo erfassten homo- und transphoben Übergriffe in Berlin ist zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Das gaben Vertreter des von der Justizverwaltung unterstützten Anti-Gewalt-Projekts am Dienstag bekannt. Am häufigsten wurden homosexuelle Männer Ziel von Attacken. Aktuell am meisten Sorgen macht Maneo die Entwicklung in Neukölln.

Auch verbale Anfeindungen sind laut Maneo nicht zu unterschätzen

Für das Jahr 2018 dokumentierte Maneo 382 Fälle von Beleidigung, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Sachbeschädigung. Das sind 58 Fälle mehr als 2017 und 91 Fälle mehr als 2016. Auch die Berliner Polizei stellt für den selben Zeitraum einen Anstieg der Übergriffe fest: Sie registrierte 225 Straftaten – und damit 54 mehr als 2017.

Einen besonders starken Anstieg verzeichnete Maneo bei der Zahl der dokumentierten Beleidigungen, die sich im Vergleich zu 2017 von 91 auf 171 Fälle beinahe verdoppelt hat. Von 100 auf 90 leicht gesunken ist hingegen die Zahl der Körperverletzungen wie auch die Zahl der Nötigungen und Bedrohungen (von 86 auf 78). Verbale Anfeindungen seien nicht zu unterschätzen, sagte Bastian Finke, der Leiter von Maneo. Wer täglich aufgrund seiner Identität angefeindet würde, den verletze das im Kern, der verändere seine Haltung und seine Einstellung.

Besonders in Schöneberg und Neukölln kommt es zu Übergriffen

In Dutzenden von Fällen sei Auslöser für den Übergriff die sogenannte Paar-Erkennung gewesen, teilt Maneo mit. Das heißt, die Betroffenen wurden als homosexuelles Paar in der Öffentlichkeit erkannt, weil sie Händchen hielten, sich küssten oder umarmten – und attackiert.

Auch der Verein L-Support hat an der Statistik mitgewirkt, Übergriffe auf Lesben, bi- und transsexuelle Frauen gesammelt und ergänzt: Am häufigsten gehören neben verbalen Attacken Anspucken und sexuelle Belästigung zur Gewalt, die Betroffene im öffentlichen Raum erfahren.

Besonders häufig kam es mit 65 Fällen in Schöneberg zu Übergriffen, wo im Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz besonders viele Szeneläden zuhause sind, gefolgt von Neukölln (50) und Tiergarten (37). Dabei unterscheidet Maneo noch nach den alten Bezirksgrenzen, die mit einer Reform 2001 geändert wurden. Den stärksten Anstieg verzeichnet Neukölln – waren es 2017 noch 30 Fälle kam es 2018 zu 50 Übergriffen, die teilweise auch besonders gewalttätig waren. So wurde zum Beispiel ein schwules Pärchen, das untergehakt am Boddinplatz entlang spazierte, von Jugendlichen attackiert. Ein Angreifer rammte einem der jungen Männer ein Messer in den Oberschenkel. Die Täter sind weiterhin auf freiem Fuß.

Berlin geht gegen Übergriffe vor - Polizei hat bereits zwei Ansprechpartner für LSBTI-Personen

Bastian Finke weist darauf hin, dass die Bilanz des Projekts keinen Rückschluss darauf zulasse, ob die Gewalt gegen Lesben und Schwule in Berlin gestiegen ist. Er geht von einem anhaltend großen Dunkelfeld aus und schätzt die tatsächliche Zahl der Übergriffe auf mehr als das Doppelte der nun veröffentlichten Zahlen.

Doch die Berliner Strafverfolgungsbehörden arbeiteten vorbildlich mit zivilrechtlichen Organisationen zusammen: Inzwischen gebe es bei der Polizei zwei und bei der Staatsanwaltschaft einen direkten Ansprechpartner für LSBTI-Personen, deren Aufgabe es auch ist, ihre Kollegen zu schulen und zu sensibilisieren. „Berlin ist damit in Deutschland absolute Spitze“, so Finke. So hofft er, das Dunkelfeld weiter zu verkleinern: „Wir wollen, dass sich wirklich etwas in der Stadt ändert.“