Blumen und Kränze liegen in der Nikolaikirche während der Gedenkfeier des Landes Brandenburg für den verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.
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PotsdamDie Sonne strahlt über Potsdam, doch die Stadt trägt Trauer. Wie überall im Land Brandenburg sind an diesem Dienstag auf Anordnung des CDU-Innenministers alle Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt - zum Gedenken an den SPD-Mann Manfred Stolpe. Auch die drei Fahnen im Hof des Potsdamer Landtags stehen auf Halbmast. Gleich gegenüber, in der prunkvollen Nikolaikirche am Alten Markt, findet an diesem Nachmittag die zentrale Trauerfeier für Manfred Stolpe statt: den ersten Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, den Mann, für den in diesem Land der Begriff Landesvater geprägt wurde – für den bekanntesten SPD-Politiker in ganz Ostdeutschland.

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Es gab eigentlich nur zwei Politiker, die in Brandenburg das erste Jahrzehnt nach dem Ende der DDR in der breiten Öffentlichkeit geprägt haben: Manfred Stolpe sowie seine geradezu legendäre Sozialministerin Regine Hildebrandt, die als „Mutter Courage des Ostens“ bezeichnet wurde und die das Land Brandenburg zusammen mit Stolpe über Jahre hinweg zu einer SPD-Hochburg machte.

Für beide fanden die zentralen Trauerfeiern in dieser Kirche im Herzen von Potsdam statt. Bei Regine Hildebrandt war 2001 der Platz vor der Kirche noch voller Tauernder. Nun bei Stolpe waren es immerhin noch ein paar Dutzend. Hildebrandt war aber auch auf dem Höhepunkt ihrer Popularität an Krebs erkrankt und starb mit nur 60 Jahren. Stolpe, ebenfalls an Krebs erkrankt, wurde immerhin 83 Jahre alt und starb am 29. Dezember 2019.

Manfred Stolpe - „An den Menschen orientiert“

Vor der Kirche fahren ab 14 Uhr die schwarzen Limousinen vor. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird eine Trauerrede halten. Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist da. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke trifft auf Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (alle SPD) und auf Schlagersängerin Dagmar Frederic. Der frühere Berliner Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) sagt: „Ich habe Manfred Stolpe schon vor der ostdeutschen Revolution kennengelernt. Er war ein sachkundiger, sehr an den Menschen orientierter Politiker.“

Immer wieder fällt das Wort vom „Brückenbauer“, der sehr geholfen habe bei der Deutschen Einheit, bei der Verständigung zwischen West und Ost. Stolpe gilt als großer Versöhner, als einer, der das Land Brandenburg in die Demokratie und in ein neues System führte, der die Neu-Bundesbürger aber gleichzeitig sehr früh ermahnte, nicht ihre ostdeutschen Wurzeln zu vergessen und stolz zu sein auf das, was sie im Leben geleistet haben. Dafür nahm er in Kauf, dass einige sein Land Brandenburg als „Stolpes kleine DDR“ verspotteten.

Krankheit nicht als Macht oder Übermacht

Die Trauerfeier beginnt mit Gebeten, Musik und Erinnerungen an Stolpes Kindheit und seine Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg aus Stettin, aber es wird auch von seinem späteren Wirken erzählt. Er wird als differenzierter und abwägender Stratege beschrieben, gelobt wird sein Geist der Vermittlung und Versöhnung.

Der neue evangelische Landesbischof Christian Stäblein, erst seit November im Amt, erzählt, wie klaglos und geduldig Stolpe den Krebs ertrug. „Krankheit als Teil des Lebens – ja. Aber nicht als Macht oder gar Übermacht.“ Stäblein erinnert vor allem an Stolpes Kampf in der DDR für die Ausweitung von „Freiheitsräumen in einem System der Unfreiheit“. Er schließt seine Predigt mit einem Dank. „Danke steht heute auf unserem Zettel an Gott: Danke Gott für Manfred Stolpe.“

Danach ertönt „Hallelujah“ von Leonard Cohen in einer ruhigen, getragenen Trompetenversion. Auch Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck spricht ein Gebet.

Steinmeier ordnet Stasi-Kontakte ein

Nach dem Gottesdienst folgt der weltliche Teil der Trauerfeier. Als erstes ertönt der Song „Über sieben Brücken“, den der Bischof, der aus dem Westen stammt, in seiner Predigt zuvor fälschlicherweise Peter Maffay zugeschrieben hat. Stolpe, der Brückenbauer, hat sich dieses Lied ausdrücklich für diese Feier gewünscht. Denn es steht auch für Brücken zwischen Ost und West. Denn das Lied stammt von der Ost-Band Karat und wurde im Westen durch Peter Maffays Version bekannt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht davon, dass Stolpe viele geprägt und tief beeindruckt habe. Auch ihn selbst. Er dankt wortreich der Familie, die dem Kranken half. Er lobt die „Kraft der Familie, einen kraftlos Geworden zu halten“.

Er erinnert daran, dass viele, die in der DDR zur Opposition gehörten, Stolpes Telefonnummer für den Notfall besaßen. Er erinnert daran, dass Stolpe seine Stasi-Kontakte vorgeworfen wurden. Steinmeier ordnet dies so ein: „Für die menschliche Hilfe, die Manfred Stolpe geben konnte, reichte das Zwiegespräch mit Gott nicht aus.“ Er musste auch mit dem Unrechtsstaat reden.

Ministerpräsident Dietmar Woidke erinnert daran, dass Stolpe zu DDR-Zeiten für viele ein „Notfallhelfer, Schutzpatron und eine Hoffnung“ war. Nach der friedlichen Revolution habe er den Aufbau des Landes mit der Identitätsfindung der Brandenburger verknüpft.

„Manfred Stolpe wird uns fehlen“, sagte Woidke. „Ihn zu ehren, heißt: Unser friedliches und tolerantes Brandenburg zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das ist sein Vermächtnis. Das ist unsere Aufgabe.“

Danach erklingt der Klassiker „My Way“, der einst Frank Sinatra bekannt machte.