Berlin - Er war Neffe und Vater zugleich: Neffe des gleichnamigen Roten Barons, des tollkühnen Fliegers des Ersten Weltkriegs, und Vater des alljährlichen DFB-Pokalfinales im Berliner Olympiastadion. Das eine war er qua Geburt, für das andere hat er hart gearbeitet. Am Donnerstag ist Manfred Freiherr von Richthofen in seiner Heimatstadt Berlin gestorben. Der umtriebige Sportfunktionär wurde 80 Jahre alt.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, die Stadt verliere eine „prägende und engagierte Persönlichkeit“. Innen- und Sportsenator Frank Henkel (CDU) nannte Richthofen „einen Gentleman des Sports“, den man „als Persönlichkeit von Grandezza und echten Sportsmann“ in Erinnerung behalten werde.
Manfred von Richthofen zu Ehren will der Handball-Bundesligist Füchse Berlin am Sonntag beim Heimspiel gegen Lübbecke Trauerflor tragen und eine Gedenkminute abhalten. Das kündigte der CDU-Politiker und Klub-Präsident Frank Steffel an. Richthofen habe schon zu Zweitliga-Zeiten immer an den Klub geglaubt, schreibt er.

Später als Aufsichtsratsmitglied habe dieser großen Anteil am Erfolg der Handballer gehabt. Die Füchse waren 2007 in die Erste Liga zurückgekehrt. Vor wenigen Wochen wurden sie erstmals Pokalsieger, in zwei Wochen steigt in der Max-Schmeling-Halle der Höhepunkt der Klubgeschichte, das Finalturnier des EHF-Cups. Ihm persönlich, so der Bundestagsabgeordnete Steffel, sei der Verstorbene „ein väterlicher Freund“ gewesen, den er sehr vermissen werde.

Diese Verbundenheit muss nicht verwundern, schließlich ist die (West)-Berliner CDU die politische Heimat Manfred von Richthofens. Von 1965 bis 1969 war er sogar ihr stellvertretender Vorsitzender. Sollte er jemals weitergehende Ambitionen gehegt haben, ließ ihn die Partei nicht gewähren. Wahrscheinlicher aber ist, dass Richthofen stets lieber Politik aus dem Sport als aus der Partei heraus betreiben wollte.

Abgang auf dem Höhepunkt

Als aktiver Hockeyspieler hatte es von Richthofen – neben seinem Sport- und Sozialpädagogik-Studium – bis in die Oberliga geschafft, ehe er 1961 als 27-Jähriger den Schläger in die Ecke stellte. Da war er bereits Sportlehrer am Canisius-Kolleg in Tiergarten. Der katholischen Eliteschule, die zuletzt wegen Fällen sexuellen Missbrauchs von Priestern an Schülern in die Kritik geraten war, blieb er bis 1969 treu. Danach wurde er Sportfunktionär und häufte Amt auf Amt, bis er schließlich lange Jahre oben stand und auf dem Höhepunkt abtrat.

Noch 1969 wurde Manfred von Richthofen Direktor des Landessportbundes, dessen ehrenamtlicher Präsident er 1985 wurde. Zu diesem Zeitpunkt saß er schon im bundesdeutsche Nationale Olympische Komitee (NOK). Doch von Richthofens ganz große Zeit sollte erst nach dem Mauerfall kommen.

Im Dezember 1994 wurde er Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), stemmte die Mammutaufgabe, Ost und West zusammenzubringen. Als größte sporthistorische Leistung gilt die Fusion des NOK mit dem DSB zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Als dies 2006 geschafft war, verabschiedete er sich von allen Spitzenämtern. Ein anderes Großthema, das Doping in Ost wie West, brachte er dagegen nicht zu Ende. An diesem Erbe laboriert der deutsche Sport bis heute.

Freund des markigen Spruchs

Fehlenden Mut bei der Aufarbeitung konnte man Manfred von Richthofen nicht unterstellen. Der gute Rhetoriker legte sich im Zweifel mit aller Welt an und war immer für einen markigen Spruch gut. Er lästerte über Zauderer und Funktionäre und erwarb sich den Ruf eines „Störenfrieds im Maßanzug“, wie ihn die Berliner Zeitung nannte. So einer macht sich auch Feinde. Vielen war von Richthofen zu forsch. Sie bremsten ihn in seinen Reformbemühungen aus. Den folgenden Spott hatte er gratis: So titelte der Spiegel 1997 über von Richthofen „Vom Tiger zum Bettvorleger.“

Mag sein, doch auch im Berliner Sport hat Manfred von Richthofen tiefe Spuren hinterlassen. In den Achtzigern überredete er die Manager des Deutschen Fußballbundes (DFB) dazu, das Pokalfinale immer im damals noch maroden und von wenig erfolgreichen Heimvereinen geplagten Olympiastadion (Hertha spielte zeitweilig drittklassig) stattfinden zu lassen. Durch diesen Coup wurde ein vagabundierender und unattraktiver Wettbewerb aufgewertet und das deutsche Liedgut entscheidend bereichert („Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“). Es wird von Richthofen gefreut haben, dass der DFB den Vertrag mit dem Senat jüngst bis 2020 verlängert hat.

Außerdem hat er sich immer wieder gegen eine neue Olympiabewerbung der Stadt stark gemacht. Er erkannte dafür keine Mehrheiten und keine Begeisterung. Zu tief saß der Stachel der 1993 gescheiterten Bewerbung für die Spiele 2000 – eine Niederlage, die in bekannter Berliner Was-kostet-die-Welt-Manier kaum jemand für möglich gehalten hatte. Und die deshalb besonders schmachvoll und teuer war.