Berlin - Herr Bradfield, Sie sind oft in Berlin. Fühlt sich die Stadt wie ein zweites Zuhause an?

Auf merkwürdige Art tut sie das. Ich war hier oft im Urlaub. Ich habe Freunde, die in Berlin leben. Die Manic Street Preachers haben in den Hansa-Studios am neuen Album gearbeitet. Wann auch immer unsere Band einen freien Tag in Deutschland hat, versuchen wir ihn in Berlin zu verbringen. Wir betouren dieses Land immerhin schon seit 1992. Ich habe gesehen, wie sehr sich Deutschland und speziell Berlin in den letzten 22 Jahren verändert hat. Das ist ziemlich inspirierend.

Wie hat sich die Hauptstadt denn aus Sicht eines Briten verändert?

Berlin ist eine der deutschen Städte, wo du Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehen kannst – alles fügt sich hier leger zusammen. Visuell sowieso. Aber auch gefühlsmäßig ist Deutschland ein Land, das sich selbst gut kennt und trotzdem keine Angst vor Veränderungen hat und in Richtung Zukunft geht! Das ist für uns Briten nicht selbstverständlich.

Gibt es bestimmte Plätze in Berlin, an denen Sie sich gerne aufhalten?

Ich mag Prenzlauer Berg. Es gibt ein kleines Alt-Berliner Wirtshaus in der Nähe, das „Henne“ heißt. Es liegt in einer Wohngegend, und dort wird nur Bier, Wein, Geflügel, Salat und Brot serviert. Außerdem gehe ich immer wieder gerne ins Bauhaus-Archiv. Ich könnte übrigens Stunden von meinen Lieblingsplätzen erzählen. Es ist einfach eine tolle Stadt, dieses Berlin.

Wenn die Manic Street Preachers schon hier aufnehmen, warum gibt es auf der neuen Platte dann kein Duett zwischen Ihnen und Ihrem Kumpel Herbert Grönemeyer?

Das wäre schön gewesen! Ich mag besonders Herberts frühe Platten. Er hat eine sehr instinktive Art, Klavier zu spielen – vergleichbar mit der des walisischen Musikers John Cale. Leider hat er zu besagter Zeit gerade begonnen, an seinem eigenen Album zu arbeiten, und war nicht greifbar. Also haben wir die Schauspielerin Nina Hoss angeheuert. Kein schlechter Kompromiss, wie ich finde.

Wie haben die Manic Street Preachers Nina Hoss kennengelernt?

Durch Alex Silva, Herberts Produzenten. Er hat früher bei uns in Wales gearbeitet und zum Beispiel unser Album „The Holy Bible“ gemischt. Durch ihn kenne ich Herbert, und die Lebensgefährtin von Alex ist Nina Hoss. Ich traf sie bei einer Silvesterparty in Alex’ Appartement. Wir waren alle ziemlich betrunken. Der perfekte Ausgangspunkt für eine Zusammenarbeit ...

Nina Hoss ist im Lied „Europa geht durch dich“ zu hören.

Ja, zum Glück! Denn mein Deutsch ist schlecht. Die Zeile bringt aber ziemlich gut auf den Punkt, wie es sich anfühlt, die letzten 22 Jahre als tourender Musiker übers europäische Festland gereist zu sein. Man fährt Bus und Bahn, Europa geht durch einen durch. Man spürt die einzelnen verschiedenen Länder, während man Grenzen passiert.

Angeblich soll der Song aber vom kränkelnden Europa handeln sowie dem Unwohlsein der Briten, nicht wirklich dazuzugehören.

Nun, in Großbritannien zu leben und für Europa zu sein, ist eine ziemlich schmerzvolle Erfahrung. Du hörst dir die Argumente des linken Flügels an, die vage sind. Du hörst dir die Argumente des rechten Flügels an, die widerwärtig sind. Da hat man schnell die Nase voll vom Projekt Europa, von der EU. Deshalb sage ich: Wenn du wie ich an Europa glaubst, sei geduldig! Wenn einige Länder die Richtlinien nicht akzeptieren wollen, lasst uns warten, bis eine neue Generation herangewachsen ist.

In Deutschland hat man mitunter den Eindruck, die Briten wären schadenfroh darüber, dass man hier die Mark gegen den Euro eingetauscht hat.

Ihr Deutschen habt echt ein Wahrnehmungsproblem! Die meisten Briten gucken voller Neid und Bewunderung nach Deutschland. Ihr habt einen Lebensstil entwickelt, der es euch ermöglicht, sich recht schnell an veränderte Bedingungen anzupassen. Ja: Wir Briten sind eifersüchtig auf euch!

Aber ihr gebt das nur ungern zu!

Wir machen uns gern lustig über euch, das stimmt. Aber viele Briten – so wie ich – verbringen ihre Urlaube in eurem Land und lieben es. Bezogen auf eure Musik habt ihr übrigens auch Komplexe.

Wieso?

In den Siebzigern hattet ihr Krautrockbands wie Neu!, Kraftwerk, Can, Faust und Popol Vuh, die von der britischen Musikpresse hochgelobt wurden. Viele Musiker lassen sich bis heute davon inspirieren. Aber das habt ihr immer noch nicht kapiert.

Danke. Ich habe das Gefühl, dass das Image Deutschlands sich auch während der WM bessert ...

Moment! Fußball steht auf einem anderen Blatt! Da sind mir die Deutschen spinnefeind.

Das Interview führte Katja Schwemmers.

Manic Street Preachers’ Album „Futurology“ erscheint am Freitag, 04.07.2014.