Nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen Mann im Neptunbrunnen hat eine Debatte um die Rechtmäßigkeit des Polizeieinsatzes begonnen. Wie berichtet, hatte sich der 31 Jahre alte Manuel F. am Freitag in dem Brunnen am Roten Rathaus die Arme aufgeschnitten und sich eine lebensgefährliche Verletzung am Hals zugefügt. Ein Polizist wollte den nackten Mann beruhigen und ihn von weiteren Verletzungen abbringen. Er stieg ebenfalls ins Wasser des Brunnens. Kurz darauf lief Manuel F. mit dem Messer fuchtelnd auf den Polizisten zu und drohte ihn zu erstechen. Der Polizist gab einen Schuss ab. Das Projektil durchschlug die Lunge des Opfers, das verblutete.

Viele Fragen sind bisher unbeantwortet. Hätte der verwirrt wirkende Mann nicht anders überwältigt werden können? Weshalb stieg der Polizist in den Brunnen und brachte sich selbst in diese gefährliche Situation? Warum schoss der Polizist dem Angreifer nicht in die Arme oder Beine? War der Einsatz verhältnismäßig? Weshalb wurde der Mann aus Weißensee nicht mit Pfefferspray oder mit dem Knüppel überwältigt und wo war das Spezialeinsatzkommando (SEK), das in solchen Fällen sonst alarmiert wird und über Taser verfügt, die den Gegner lähmen, aber nicht töten?

Diese Fragen müssen jetzt die Fachleute der Mordkommission beantworten, die wie in solchen Fällen üblich die Ermittlungen wegen Totschlags übernommen haben. Dabei konzentrieren sie sich auf Zeugenaussagen und die Auswertung von Videos, die am Sonnabend auf der Internet-Plattform Facebook veröffentlicht wurden. Die Bilder zeigen den Ablauf des Polizeieinsatzes. Darin ist zu sehen, wie der Polizist mit gezogener Pistole auf den Mann im Brunnen zugeht. Die Arme des Beamten sind gestreckt. Er schreit: „Messer weg!“ Dann fällt der Schuss. Die Veröffentlichung der Videos sorgte unter Facebook-Nutzern für Diskussionen. Nutzer nannten die Veröffentlichung der Bilder menschenverachtend. Andere schrieben, dass im Fernsehen sowie im Kino viel schlimmere Szenen zu sehen sind.

„Was auf dem Video nicht zu sehen ist, ist die Ich-Perspektive und das Innenleben eines Polizisten, der Millisekunden hat, um eine Entscheidung zu treffen, auch über sein eigenes Leben“, sagte Innensenator Frank Henkel (CDU). „Es spricht vieles dafür, dass er in Notwehr gehandelt hat.“ Henkel plädierte erneut für den Einsatz von Tasern. „Ich habe mich schon in früheren Funktionen für den Taser ausgesprochen, weil er trotz Risiken ein vergleichsweise mildes Mittel ist. Daran hat sich nichts geändert. Aus meiner Sicht wäre es durchaus ratsam, darüber erneut zu diskutieren. Allerdings ist völlig unklar, ob es dafür eine politische Mehrheit gäbe.“

Der innenpolitische Sprecher der SPD, Thomas Kleineidam, hat tatsächlich Zweifel am Einsatz von Elektroschockwaffen. Der Taser wäre in dem aktuellen Fall nicht nutzbar gewesen, weil der Polizist im Wasser gestanden habe, sagte er. In einer Notwehrsituation, könne nicht gezielt auf Arme oder Beine geschossen werden, sagte der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow.

Im Polizeipräsidium sowie in den Abschnitten wird ebenfalls heftig diskutiert. „Wenn es Notwehr war, ist der ganze Körper Trefferfläche. Es geht dabei nicht darum den Täter handlungsunfähig zu machen, sondern das eigene Leben zu schützen“, sagte ein Zugführer einer Einsatzhundertschaft. Es gebe keinen gesetzlichen Auftrag für Polizisten, sich töten zu lassen. Unklar sei aber für ihn, warum der Schütze in den Brunnen stieg. „Er hätte auch von außen mit ihm reden können“, so der Zugführer. Und das SEK brauche eine dreiviertel Stunde von Lichterfelde bis zum Alex.

Indes wurde mehr über Manuel F. bekannt. Er wohnte in einer Ein-Zimmer-Wohnung in einem Plattenbau in Weißensee. Bevor er Anfang des Jahres einzog, wohnte er bei seinem Vater in Friedenau. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete er in einem Steuerbüro in Friedrichshain. Er soll an Schizophrenie gelitten und dagegen Medikamente genommen haben, sagten Polizisten.