Am Morgen schlugen die Täter zu: Um 7.55 Uhr verabschiedete sich Ali O. wie jeden Tag von seiner Lebensgefährtin. Er hatte das dreigeschossige Mehrfamilienhaus am Neumarkplan in Britz gerade verlassen, als sich zwei maskierte Männer auf ihn stürzten. Sie schlugen ihn mit Fäusten und einem Baseballschläger auf den Kopf. Sie schlugen so lange, bis er reglos auf dem Bürgersteig liegen blieb. Viele Menschen wurden Zeugen der Tat, darunter ein Kind, das ganz in der Nähe stand. Ein Notarzt versuchte, den Niedergeschlagenen wiederzubeleben. Nach einer Stunde musste er aufgeben.

Die Täter waren durch eine Grünanlage geflüchtet. Sie mussten den 43-Jährigen ausspioniert haben. Sie wussten, dass er erst seine Kinder in die Schule brachte und dann wie immer noch einmal kurz nach Hause kam.

Familienfehde befürchtet

Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Die Mordkommission ist noch immer dabei, die vielen Zeugen zu befragen. In der Nachbarschaft machen inzwischen Gerüchte die Runde. Es sei eine Auseinandersetzung zwischen kriminellen Mitgliedern arabischer Großfamilien gewesen, ein Racheakt, wird erzählt. Diesen Hinweisen geht die Polizei nach. Bestätigen will sie sie bislang nicht offiziell. Andere Anwohner wiederum wollen wissen, dass Ali O. wegen einer Straftat bei der Polizei oder bei einem Gerichtsprozess als Zeuge aussagen wollte. Auch dazu gibt es bislang von der Polizei keine Bestätigung. Und auch bei der Justiz wurde dies am Mittwoch weder bestätigt noch dementiert.

An all diesen Spekulationen könnte etwas dran sein. Denn aus dem Milieu arabischer Großfamilien wird die Geschichte kolportiert, dass Ali O. vor längerer Zeit einem Mitglied der Familie R. 100.000 Euro geliehen habe. Auch Ali O. gehört einer solchen Großfamilie an.

Ali O. wollte das Geld wiederhaben, doch R. soll nicht bereit gewesen sein zu zahlen. Vor rund zwei Jahren sei es daher zu einem heftigen Streit gekommen – der am Mittwoch wohl eskalierte. Möglicherweise wollte der Schuldner zusammen mit einem Komplizen dem Gläubiger Ali O. eine Lektion erteilen, ihn aber nicht töten. Viele aus dem Clan der R. fürchten nun tödliche Racheakte der Familie O.

„Ich habe Angst um mein Leben“, sagt einer. „Hier kann eine richtige Familienfehde entstehen. Bei so etwas trifft es oft auch Unbeteiligte.“ Dem Mann, der sich bei Ali O. das Geld geliehen hatte, bescheinigt der Bekannte „extreme Geltungssucht“. Er habe nichts auf die Reihe bekommen und seine Brüder immer nur in Schwierigkeiten gebracht. In der Vergangenheit gab es immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen arabischen Clans – bis hin zu Morden.

Nicht ganz so friedlich

Die Tat am Mittwoch ereignete sich in einer ruhigen gutbürgerlichen Wohngegend. Ali O. war ein ruhiger und freundlicher Mann, berichten Anwohner. Schon vor längerer Zeit war er hierher gezogen, als er sich von seiner Frau, mit der er drei Kinder hatte, trennte.

Seine alte Wohnung in der Neuköllner Leinestraße hatte er jedoch nicht aufgegeben. Dort habe er sich kaum noch aufgehalten, berichten Nachbarn.

Zu nicht allen war er nett und freundlich. Ende Sommer vergangenen Jahres soll Ali O. in der Leinestraße in einer Arztpraxis Reizgas versprüht haben. „Er hatte Stress mit einem anderen Patienten“, berichtet ein Mitarbeiter der Praxis. „Danach mussten wir schließen und zwei Stunden lang lüften.“