Berlin - „Wissenschaft ist keine Meinung, alternative Fakten sind Lügen“ - unter diesem Motto haben in Berlin nach Angaben der Veranstalter 11.000 Menschen demonstriert, unter ihnen viele Wissenschaftler. Auf ihren Transparenten und Schildern hieß es unter anderem: „Es gibt keinen Planet B“ oder „Im OP ist kein Platz für Alternative Fakten“. Die erste Kundgebung begann am Samstagmittag am Boulevard Unter den Linden, an der Humboldt-Universität (HU). Anschließend zogen die Demonstranten vor das Brandenburger Tor. 

Am Brandenburger Tor sprachen unter anderen der Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar und Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD). Am Ende der Veranstaltungen sangen die Demonstranten das Volkslied „Die Gedanken sind frei“. Auf der ellenlangen Unterstützerliste im Netz standen viele prominente Namen, darunter auch die Präsidenten der drei großen Berliner Universitäten: Sabine Kunst (Humboldt), Peter-André Alt (FU) und Christian Thomsen (TU).

Aus Trump-Protest wurde eine weltweite Bewegung

Die Idee des March for Science stammt aus den USA und ist eine Reaktion auf die Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Dessen Beraterin hatte den Begriff der „alternativen Fakten“ geprägt, Trump selbst leugnet den Klimawandel und will Forschungseinrichtungen den Etat kürzen. Aus Protest haben US-Forscher den March for Science initiiert. Inzwischen ist daraus eine weltweite Bewegung geworden.

Die Initiatoren wiesen allerdings darauf hin, dass es sich nicht um eine „Anti-Trump-Veranstaltung“ handele, sondern sich gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit in vielen Ländern richte. Die Beispiele für die Missachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse seien zahlreich: „Der menschengemachte Klimawandel wird als Erfindung abgetan, die Evolution wird geleugnet, Impfen wird als Teufelszeug gegeißelt“, erklärten die Veranstalter.

Kritik an Demonstration

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, sagte der Deutschen Presse-Agentur, es sei kein Zufall, dass die Klimaforschung zuerst angegriffen werde. „Die menschengemachte Erderwärmung wie auch die Politik zu ihrer Begrenzung sind naturgemäß global - für Nationalisten einfach unerträglich“, so Schellnhuber. Der Forscher rief dazu auf, die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen.

Es gab im Vorfeld auch Kritik an der Demonstration. Das Gen-ethische Netzwerk, ein Zusammenschluss zur kritischen Auseinandersetzung mit Gentechnik, begrüßte zwar das Engagement. Jedoch verpasse man die notwendige Kritik am Wissenschaftsbetrieb. Nicht jede Forschungen seien reproduzierbar, außerdem gebe es „finanzielle Interessen, die Ergebnisse von Forschung immens zu beeinflussen.“

Demonstrationen in 600 Städten weltweit

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Rednerin auf der Demo, sagte dem Radiosender SWR 2, die mangelnde Akzeptanz der Wissenschaft gehe auch auf Versäumnisse der Wissenschaft selbst zurück.

In mehr als 600 Städten weltweit wollten Menschen am 22. April für eine faktenbasierte Politik auf die Straße gehen. In Deutschland waren vor allem in Universitätsstädten Demonstrationen geplant. (dpa)