Berlin - Die Marienkirche in Mitte gehört zu Berlins ältesten Gotteshäusern. Wer in die an der Karl-Liebknecht-Straße gelegene Kirche will, muss erst einmal durch den "Löwengang" gehen. Diese Konstruktion aus großen, nach damaliger Mode schräg gestellten Glasplatten und Stahlrohren wurde vor rund 20 Jahren in die Turmhalle eingebaut, um die kostbaren, aber hochempfindlichen Totentanz-Gemälde in der Turmkapelle vor Zugluft und Luftfeuchtigkeit zu schützen.

Um 1470 waren die Gemälde von wenigstens zwei Meistern in der Turmkapelle gemalt worden: Der Tod tanzt mit wehendem Gewand und klappernden Knochen, holt sich Ritter und Bürgermeister, Wucherer und Priester, Bischöfe und Mönche ab. 1729 waren die Wandbilder weiß übermalt und erst 1860 auf Initiative von Hofarchitekt Friedrich August Stüler wieder freigelegt worden. Seither haben ganze Generationen von Restauratoren an ihnen ihr Geschick erprobt. Der Restaurator Jan Raue berichtete vor kurzem bei einer Tagung in der Humboldt-Universität etwas geschockt: "Ich habe niemals einen solchen Cocktail von Chemikalien erlebt wie am Totentanz." Selbst zu DDR-Zeiten hatte die evangelische Kirche dank ihrer Kontakte nach Westdeutschland und West-Berlin Zugang zu allerneuesten, allerdings oft auch noch nicht wirklich erprobten Restaurierungsmitteln.

Und so wurden die nach 1860 aufgetragenen Übermalungen seit etwa 1900 wieder abgetragen, bis zur Radikalrestaurierung in den späten 1950er-Jahren, die fast nur noch die spätmittelalterliche Farbe be ließ. Doch selbst diese Ruine der einstigen Pracht ist weit über Berlin hinaus von künstlerischer und historischer Bedeutung. Für Peter Knuevener, der als einer der besten Kenner der alten Kunst Brandenburgs gilt, belegt der Berliner Totentanz, wie offen man zwischen Elbe und Oder im Spätmittelalter für internationale Einflüsse war.

Heute konzentriert man sich, durch viele Schäden klüger geworden, auf die Sicherung des Gemäldebestands. Und dafür war, so Jan Raue, der Löwengang fast ideal. Die Farben und Oberflächen der Gemälde sind inzwischen weitgehend stabil, einige lockere Stellen seien beherrschbar. Und aus den Wänden wurden durch die langjährige Austrocknung gut 50 Kilo Salz herausgefiltert, die nun keinen Schaden mehr anrichten können. Solange sich nichts ändert an der Situation.

Mahnung zu Bescheidenheit

Doch die Gemeinde, so Kirchenreferent Roland Stolte, möchte die Turmkapelle und den Totentanz nicht nur durch Glaswände bewundern können, sondern wieder nutzen, für Gottesdienste und Feiern. Es soll hier ein stiller Gedenkort eingerichtet werden, der sich abhebt vom Besuchertrubel in der Kirche. Eine solche Nutzung der Totentanzkapelle hat eine lange Tradition, wie die Berliner Kunsthistorikern Maria Deiters bestätigt. Sie inventarisierte die reichen Kunstschätze der Berliner Innenstadtkirchen. Auch nach der Reformation sei der Totentanz als Mahnung zu Bescheidenheit, Sitte und Wohltätigkeit verstanden worden. Deswegen hätten im 17. Jahrhundert nunmehr lutherische Bürger hier ihre Familiengedenktafeln aufgehängt. Und 1927 ehrte die Gemeinde in dieser Turmkapelle ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne mit einem melancholischen Denkmal, auf dem ein Engel trauernd seine Fackel auslöscht. Heute steht das Monument, von der Gemeinde regelrecht vergessen, auf ihrem Friedhof an der Prenzlauer Allee.

Die Gemeinde will aber nicht nur eine neue Kapelle gewinnen, sie will auch, dass der Totentanz, der in so ziemlich jedem Berlin-Führer erwähnt wird, für die Besucher besser zu sehen ist. Ein Dilemma, wie der Restaurator Achim Munzinger sieht: "Wir befinden uns in einer Sackgasse: Der Totentanz ist konservatorisch stabil wegen des Löwengangs. Aber seinetwegen werden die Gemälde auch zu wenig beachtet."

Drei Lösungen werden derzeit von der Gemeinde mit den Denkmalpflegern debattiert. Ein Vorschlag ist die Sanierung und der Umbau des Löwengangs, so dass er nicht mehr so rabiat in den Raum eingreift. Stören würde er aber immer noch, und die Kapelle wäre weiter nur ein Nebenraum. Von der "Vitrinenlösung", in der die Gemälde hinter einer hohen Glaswand gesichert würden, rieten in der Humboldt-Universität die meisten Konservatoren ab: Sie sei teuer, technisch aufwendig und störanfällig. Und die Gemälde wären wieder hinter Glas. Schließlich bleibt der mutige Schritt zurück: Die Gemeinde verlegt den Haupteingang der Marienkirche wieder an deren Südseite. Dort ging man bis um 1800 hinein, die großen Türen im Turm wurden nur zu den hohen Festtagen und für Ehrengäste geöffnet. Da die Umgebung der Marienkirche, die seit dem Bau der Gartenanlagen vor dem Fernsehturm regelrecht wie in einer Grube versunken erscheint, sowieso neu geordnet werden soll, könnte man einen neuen Haupteingang ohne weiteres herausgehoben inszenieren. Roland Stolte jedenfalls vertraut fest darauf, dass die Gemeinde und die Denkmalpfleger einen Weg finden: "Wir alle wollen den Totentanz erhalten, und wir alle wollen ihn erleben."