Pfarrerin Zisselsberger und Superintendent Höcker bei der speziellen Trauerfeier.
Foto: Markus Waechter

Berlin Sie sind jung und alt, haben wenig Geld oder sind wohlhabend, wohnen in guten Gegenden oder in einfachen Wohnlagen – die 54 Menschen, die in diesem Jahr im Bezirk Mitte einsam verstorben sind. „Es gibt kein Schema, es kann jeden treffen“, sagt Superintendent Bertold Höcker vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte. 
 

Einsam sterben – das heißt, sterben, ohne dass Verwandte oder Freunde da sind und sich um Beerdigung und Nachlass kümmern, so dass der Bezirk alles regeln muss. Es heißt, einfach sterben – ohne ein Echo.

Doch am Freitagabend bekamen diese Menschen in der Marienkirche in Mitte eine Trauerfeier, auf der ihr Leben gewürdigt wurde und ihr Name noch einmal erklang. Höcker und Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel haben gemeinsam die Initiative zu der Feier ergriffen. Die Bezirke Reinickendorf und Steglitz-Zehlendorf haben bereits ähnliche Gedenkstunden organisiert.

Musikalische Begleitung

Und so kommen am Freitagabend um 17 Uhr ein paar Dutzend Menschen in die Marienkirche an der Karl-Liebknecht-Straße, in deren Nachbarschaft gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Mit Glockenläuten und Orgelmusik beginnt die Feier. Judy Garland singt „Somewhere over the rainbow“ und drei verschiedene Texte zum Thema Tod stimmen zum Thema ein.

Einer stammt von dem Dichter Khalil Gibran, der aus dem Libanon stammt. „Erst wenn die Erde deine Glieder gefordert hat, wirst du wahrhaft tanzen“, heißt es darin. Die Pfarrerin von St. Marien, Corinna Zisselsberger, betont in ihrer Ansprache die Einzigartigkeit jedes Menschen. „Jeder der 54 Verstorbenen ist ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen.

Und seine Würde bleibt erhalten, über den Tod hinaus“, sagt sie. Doch sie fragt auch nach den Gründen dafür, warum sie einsam starben. „Soziale Isolation, freiwillig gewählt oder unfreiwillig, Anonymität der Großstadt“, nennt sie. Ihr selbst sei der Respekt für Menschen eine Verpflichtung, sich Zeit zu nehmen für einen Plausch im Treppenhaus, eine Karte zum Geburtstag und ein Angebot zur Unterstützung.

Danach werden die Namen der 54 einsam Verstorbenen verlesen: „Irmtraut Hentsch, geboren, um zu sterben am 12. April 1934, gestorben, um ewig zu leben am 6. Januar 2019 in der Gottschedstraße“, beginnt Zisselsberger. Die lange Reihe an Namen ist bedrückend. Die Verstorbenen, 20 Frauen und 34 Männer, waren zwischen 40 und 93 Jahren alt und stammten – dem Namen nach – bis auf einen alle aus Deutschland.

Gemeinschaft und Solidarität

Zwei von ihnen waren wohnungslos. Die Hälfte lebte im Stadtteil Wedding, gleich viermal fällt der Name Koloniestraße. „Zweimal wurde die Grüntaler Straße in Wedding erwähnt. Da wohne ich auch“, sagt Dankwart Kirchner, der zur Trauerfeier gekommen ist. Der 78-jährige Gesprächstherapeut hat Mitgefühl mit den einsam Verstorbenen.

Die 53-jährige Architektin Natascha Meuser besuchte die Feier, weil es „nichts Traurigeres gibt, als allein zu sterben“. Die Liturgie sei schön gewesen. „Die Menschen wurden liebevoll verabschiedet“, sagt sie. Die Bezirksverordnete Ana-Anica Waldeck erlebte eine Schrecksekunde bei der Verlesung der Namen. Die SPD-Lokalpolitikerin kannte zwei Verstorbene.

„Ich habe sie als ehrenamtliche Sozialhelferin getroffen, aber schon damals haben sie keinen an sich herangelassen“, sagt sie. In der Feier seien ihr die Tränen in die Augen geschossen, als sie von ihrem Tod erfuhr. „Das tat ganz schön weh.“ Bürgermeister von Dassel will die Feiern jährlich abhalten. 

„Es ist wichtig, Solidarität zu zeigen“, sagt er. Superintendent Höcker weiß, dass weitere Bezirke dem Beispiel folgen werden. In der Anonymität der Großstadt sei es sehr wichtig, sie abzuhalten.„Das Wissen um eine solche Trauerfeier verwandelt das Leben“, sagt er, denn die Menschen wüssten dadurch, dass die Gemeinschaft sich um den Einzelnen kümmert.