Die Forderung nach einer Legalisierung von Cannabis war lange ein Thema für Freaks – selbst in Berlin, wo Drogenkonsum auch in bürgerlichen Kreisen akzeptiert ist. Doch allmählich passt sich die Politik der Realität an. Bei ihrem Parteitag im November wird die Berliner SPD über einen Antrag abstimmen, der die kontrollierte Abgabe von Cannabis zum Ziel hat. „Wir haben dafür breite Unterstützung in der Partei“, sagte der Abgeordnete Thomas Isenberg der Berliner Zeitung.

Das Papier fasst Forderungen zusammen, die unter anderem Fraktionschef Raed Saleh vertritt. Das Marihuana soll demnach kontrolliert angebaut werden und ausschließlich in „besonders qualifizierten Fachgeschäften“ verkauft werden, etwa in Apotheken. Dies soll zunächst in wissenschaftlich begleiteten Modellversuchen erprobt werden. Für Isenberg ist die Legalisierung auch ein Instrument gegen die Kriminalität: „Entscheidend ist, dass die Konsumenten nicht mehr gezwungen sind, im Halbdunkel zu kaufen.“

Polizei befürwortet Legalisierung von Cannabis

Der Antrag hat realistische Chancen. Schon vor drei Jahren entschied sich die Parteibasis in einer Umfrage nur äußerst knapp dagegen, die Cannabis-Legalisierung zum Wahlkampfthema zu machen. Und seither ist die Debatte weitergegangen. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschuss im Bundestags, der CDU-Politiker Erwin Rüddel, hat sich für Modellversuche ausgesprochen. Auch die FDP will sie, Linke und Grüne sowieso.

Und selbst bei der Polizei gibt es Befürworter einer Liberalisierung: André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, sprach sich vor einigen Monaten für die Entkriminalisierung der Konsumenten aus. „Die Prohibition von Cannabis ist historisch betrachtet willkürlich erfolgt und bis heute weder intelligent noch zielführend“, sagte er der Bild-Zeitung.

Mehr Aufklärung und kontrollierte Abgabe von Cannabis

Doch selbst wenn manche Sozialdemokraten anders denken, könnten sie aus taktischen Erwägungen zustimmen. Landeschef Michael Müller ist Gegner einer Freigabe. Wichtigster Streitpunkt auf dem Parteitag wird aber die Anhebung der Beamtenbesoldung. Auch diesen Vorschlag lehnen Müller und seine Unterstützer ab – gut möglich, dass sie dem Cannabis-Antrag zustimmen, damit es nicht noch mehr Zwietracht gibt. Die rot-rot-grüne Koalition wäre dann die erste in Deutschland, die geschlossen für eine Liberalisierung eintritt.

Skeptisch äußerte sich SPD-Innenpolitiker Frank Zimmermann. „Ich halte die Vorteile für nicht ausreichend belegt“, sagte er. Allerdings sehe er die Probleme der Kriminalisierung. „Der Cannabishandel ist keineswegs harmlos.“

Eine problematische Entwicklung am Markt ist der Trend zu Pflanzen mit einem höheren Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC), das den Rausch auslöst. „Der THC-Gehalt hat sich in den letzten Jahren verdoppelt bis verdreifacht“, sagte die Pressesprecherin der Berliner Drogennothilfe, Heike Krause. „Das ist das Ergebnis gezielter Zucht. Es steht eine Industrie dahinter.“ THC erhöhe die Abhängigkeit. Eine kontrollierte Abgabe könne helfen, diesen Trend einzudämmen. „Aber vor allem brauchen wir mehr Aufklärung“, sagte Krause.