Wim Wenders hatte einen Filmausschnitt von 1991 mitgebracht. Damals kam „Bis ans Ende der Welt“ in die Kinos und erzählte bildgewaltig von einer Reise um die Welt. Aber auch davon, dass sich menschliche Träume als Videos auf dem Display darstellen lassen – und wie besessen Menschen von dieser Technik sein können.

Mariya Gabriel und Wim Wenders zu Gast bei Berliner Schülern

Die Schüler des John-Lennon-Gymnasiums, die mit dem Regisseur über die Zukunft von Filmen sprechen wollten, waren beeindruckt. Visualisierung von Träumen – so ein Thema lange bevor sie geboren wurden, bevor es Netflix und iPhones gab? Nicht schlecht. Sie fühlten sich jedenfalls erinnert an die Nachmittage zu Hause, wenn sie eigentlich nur eine Episode einer neuen Netflix-Serie gucken wollen und dann nicht wieder loskommen von dem Gerät, auch besessen sind von den bewegten Bildern auf dem Display.

Gemeinsam mit der EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel war Wim Wenders am Montag zu Gast im John-Lennon-Gymnasium in Berlin. Die beiden hatten sich im vergangenen Jahr während der Berlinale kennengelernt, Gabriel folgte einer Einladung des Safer Internet Centre Deutschland, Wenders hatte einen Draht zu der Schule in Mitte.

Mariya Gabriel nimmt sich Zeit für den Dialog

Ihre Botschaft zum bewussten Umgang mit digitalen Medien richteten die beiden Gäste an die Schüler-Generation, die ein Leben ohne Smartphone kaum noch kennt, soziale Medien gab es schon vor ihrer Geburt. Es sind also die jungen Menschen, die das pralle digitale Leben abbekommen, sie experimentieren geschickt, wenn sie Verbreitungskanäle nutzen, auf denen sie – außer von engen Freunden – nicht so schnell gefunden werden.

Aber sie sind oft auch naiv, wenn es um die Wahl der Passwörter geht, und leichtgläubig, wenn sie seriöse Nachrichten von Fake News unterscheiden sollen. Und nicht zu vergessen: Ihre Daten sind begehrt, was zuletzt deutlich wurde, als Facebook zugeben musste, zu Testzwecken auf die Accounts von Jugendlichen zugegriffen zu haben.

Mariya Gabriel nahm sich viel Zeit, um mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. An drei Workshops nahm sie teil. Die Schüler nutzten die Gelegenheit, ihre Wünsche vorzutragen. So würden sie bei digitalen Themen gerne mehr von Mitschülern lernen, und wenn es um Regeln für den Umgang mit Smartphones im Klassenraum (Handy in der Tasche oder auf dem Tisch?) geht, wollen sie auch gehört werden.

Schüler reden mit Wim Wenders über Netflix

Gabriel redete den jungen Menschen später ins Gewissen. Engagierte Schüler mit ihrem Wunsch, die Zukunft verantwortungsvoll gestalten zu wollen, würden mit ihren Talenten benötigt, um Daten-Missbrauch einzudämmen und den Datenschutz in Europa zu fördern. Ihr praktischer Tipp: „Wechselt die Passwörter so oft wie eure Zahnbürsten.“ Einige der jungen Zuhörer fanden den Vergleich allerdings eher lustig. Wer weiß, wie oft sie ihre Zahnbürsten austauschen.

Der Filmemacher Wim Wenders ist inzwischen 73 Jahre alt. Er wurde immer leiser, als er sich in einem der drei Workshops mit jungen Filmemachern über die Zukunft der bewegten Bilder unterhielt. Nicht Youtube sondern Netflix ist für die Schüler die wichtigste Plattform zurzeit, jedenfalls in Berlin-Mitte. Youtube müsse wieder an Qualität gewinnen, sagte eine Schülerin, der ganze Influencer-Kram schien sie nicht zu interessieren. Es sei aber schon schwierig, sich lange Filme anzusehen, sagte eine andere Schülerin. Die jungen Menschen seien halt immer auf dem Sprung.

Digitalisierung im Mittelpunkt der Diskussion

Wenders riet den jungen Filmemachern dazu, ihre Gedanken aufzuschreiben, auf Papier. Viele seiner Studenten könnten das nicht mehr, die würden nur einen Wikipedia-Eintrag kopieren und ein wenig umschreiben. „Sprache“, sagte er, „ist der Grundpfeiler der Zivilisation.“ Worauf ein Schüler fragte, was denn dann von Emojis zu halten sei.

So ging es in den Diskussionsrunden oft hin und her, die Schüler vertraten selbstbewusst ihre Position in dem sicheren Wissen, dass viele Erwachsene noch viel weniger von dem verstehen, was die Digitalisierung gerade mit uns macht. Was die Alten und Jungen miteinander verband, war die Lust am Dialog. Wenders mag so etwas. Für ihn sind der Gedankenaustausch mit anderen und das Teamwork bei Dreharbeiten Gründe, warum er gerne Filmregisseur ist. „Mich monatelang zurückzuziehen, um ganz alleine an einem Roman zu schreiben“, sagte er, „das stelle ich mir fürchterlich vor.“