Mit ihren riesigen Kohlegruben war die Lausitz zu DDR-Zeiten die Energiekammer des Landes. Seit 150 Jahren bringt die Kohle viel Geld in die Region, aber durch die Tagebaue sieht die Lausitz mancherorts  auch aus wie eine Mondlandschaft. Nach dem Ende der DDR mussten viele Gruben schließen, bald folgt nun  im Rahmen der Energiewende das Ende der verbliebenen Tagebaue. Ein Gespräch mit Dieter Hütte von der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH über geflutete Kohlegruben und darüber, ob der Tourismus eine wirtschaftliche Alternative zum Bergbau sein kann.

Herr Hütte, denken Sie, dass die meisten Leute noch das Bild der Lausitz als Mondlandschaft im Kopf haben?

Das bestreite ich. Die Insider haben mehrere Bilder im Kopf. Manche haben gar kein Bild. Aber inzwischen haben alle im Hinterkopf, dass es da ein Lausitzer Seenland gibt. Dort werden ehemalige Tagebaue geflutet und so entsteht Europas größte Seenlandschaft als Tourismusregion. Das hat sich schon rumgesprochen. Wenn es um Urlaub oder Ausflüge geht, sagen die Leute inzwischen viel öfter Lausitzer Seenland als Lausitz.

Können Sie als oberster Tourismus-Experte des Landes einen Urlaub in der Kohleregion empfehlen?

Unbedingt. Gerade jetzt in dieser Phase, die besonders spannend ist. Noch ist der Begriff „Europas größte künstliche Seenlandschaft“ recht abstrakt, denn es gibt noch arbeitende Tagebaue, aber auch schon einige, die geflutet sind. Oft wird dies als „Zwischenlandschaft“ bezeichnet, in der die Gäste  gut sehen können, wie sich das Ganze entwickelt.

Der Niedergang der Kohlewirtschaft nach 1990 brachte große Arbeitslosigkeit in die Lausitz. Ein Lösungsansatz war der Tourismus. Ist dieser Aspekt des Strukturwandels gelungen?

Zumindest hat die Internationale Bauausstellung „Fürst-Pückler-Land“ von 2000 bis 2010 aufgezeigt, was man mit einer Industriegeschichte machen kann, die auch die Landschaft geprägt hat. Heute ist die Lausitz die Vorzeigeregion in Ostdeutschland für den Wandel von einem reinen Industriegebiet zu einer touristischen Region, die an Bedeutung zugenommen hat und die ein ernstzunehmender wirtschaftlicher Faktor geworden ist. Es kommen Leute aus aller Welt, denen wir aufzeigen, was möglich ist.

 Was wurde richtig gemacht?

Es wurde nicht einfach nur geflutet oder erst einmal ein Jahrzehnt gewartet, bis die Tagebaue vollgelaufen sind, sondern es wurde von Anfang an der Freizeitgedanke mitgedacht. Gleich mit Beginn der Flutung wurde am Ufer, also der Landseite, eine touristische Infrastruktur geschaffen. Es gibt zum Beispiel 500 Kilometer Wege für Radler und Skater – die „Bergbautour“. Das ist vorbildlich und weitsichtig. Und es gibt auch Bett-&-Bike-Herbergen für die Radler, und es gibt die Route der Industriekultur mit Technikdenkmalen.

In Brandenburg gibt es 13 Tourismusregionen wie die Uckermark und den Spreewald, die jeder kennt. Wo steht die Lausitz bei den Übernachtungen?

Im unteren Mittelfeld. Bei den mehr als 13 Millionen Übernachtungen im Vorjahr belegt das Seenland Oder-Spree rund um den Scharmützelsee den Spitzenplatz, gefolgt vom Spreewald, dem Ruppiner Seenland rund um Rheinsberg, dem Fläming und Potsdam. Die Lausitz hat 30 Prozent mehr Übernachtungen als vor fünf Jahren und liegt auf Platz zehn, zwei Ränge hinter der Uckermark.

Wie war die historische Entwicklung? Kurz nach dem Ende der DDR hat doch kaum jemand Urlaub in der Lausitz gemacht, oder?

Immerhin gab es schon den Senftenberger See, der vorher auch eine Kohlegrube war und bis 1972 geflutet wurde. Der See wurde die Badewanne der Sachsen genannt und war ein äußerst beliebtes Ausflugsgebiet. Aber als Urlaubsregion war die Lausitz nicht bekannt. Deshalb ist das, was die Leute dort hingelegt haben, solch ein toller Erfolg. Und das Senftenberger Gebiet ist nicht etwa satt – dort ist das größte Wachstum.

Wie lange dauert die Etablierung einer solchen Urlaubsregion?

Zuerst einmal: Der Vorteil ist, dass die öffentliche Infrastruktur steht, nun geht es um Wachstum der Hotellerie und der Restaurants. Als Vergleich wird oft das Fränkische Seenland bei Nürnberg herangezogen. Die Leute dort sagen: Um sich als Urlaubsregion zu etablieren, braucht man zwei bis drei Generationen.

Woher kommen die Urlauber?

Zuerst weiterhin aus Sachsen, aber auch aus Berlin, aus Brandenburg, und wie fast überall aus Nordrhein-Westfalen. Zunehmend geht auch das Ursprungskonzept auf und immer mehr Urlauber kommen aus Tschechien, denn dort gibt es nicht viele Seen – und die Tschechen, vor allem junge Familien, sind sehr aktiv, sind begeisterte Radler und Skater.

Oft trifft man dort Technik-Fans, die sich alte Kohleförderbrücken ansehen, die nun Museen sind. Ist das eine ernstzunehmende Zielgruppe?

Es gibt Kulturinteressierte, die die Unesco-Welterbestätten abfahren, und es gibt eben auch Gäste, die die europäische Route der Industriekultur bereisen. Das sind keine Massen, aber es geht darum: Wie kann sich eine Region authentisch entwickeln. Das geht nur über Herkunft, und die ist in der Lausitz nun mal vom Bergbau geprägt. Dort trifft man im Tourismus nun Menschen, die früher im Tagebau waren. Die Lausitz ist kein Disneyland, da ist alles authentisch. Urlauber merken, ob es ehrlich ist. Da kann der Brandenburger seine Stärke der Erdigkeit voll ausspielen.

Das Besondere an der Lausitz ist, dass sie über Landesgrenzen reicht. Wie klappt die Kooperation mit Sachsen?

Wir arbeiten hervorragend zusammen, werben gemeinsam in Polen und Tschechien. Eine echte länderübergreifende touristische Einheit – finanziert von beiden Seiten.

Ein Vorbild für die nordbrandenburgischen Seengebiete mit der Mecklenburger Seenplatte?

Da ist die Kooperation nicht länderübergreifend und nicht rechtlich verschmolzen. Aber wir haben jetzt eine gemeinsame Werbekampagne zu „Deutschlands Seenland“. Aber die Regionen sind etabliert, da sagen die Urlauber: Mir ist egal, in welchem Bundesland der See ist, Hauptsache das Wasser hat die richtige Temperatur und das Bier auch.

Welche Zukunftschancen sehen Sie für das Lausitzer Seenland, gerade jetzt, da das Ende der Kohlegruben immer näher rückt und die Lausitz eine neue Vision braucht?

Ich glaube, Tourismus hat mehrere Funktionen. Er muss als Wirtschaftsbranche aus sich selbst heraus wachsen, hat aber auch eine dienende Funktion für die Gesamtwirtschaft. Wenn es darum geht, dass sich irgendwo Firmen ansiedeln, ist auch wichtig, ob es gute Radwege für die Kinder gibt oder Restaurants. Durch die Wende nach dem Ende der DDR und der nun folgenden Energiewende hat die Lausitz besonders starke Brüche zu meistern. Beim aktuellen Wandel kann der Baustein Tourismus einen Beitrag zum Image leisten. Der Tourismus kann mit seiner Industriegeschichte ein wichtiges identitätsstiftendes Projekt sein.

Wie wichtig ist Urlaub in der Heimat?

Urlaub im eigenen Land ist ein wichtiger Trend. Viele sagen: Ich möchte nicht mehr so lange fliegen. Insgesamt hat sich das Angebot in den vergangenen Jahrzehnten extrem verbessert. Und mit der Heim-WM im Fußball 2006 hat bei uns endgültig auch eine grundsätzliche Urlaubsleichtigkeit Einzug gehalten.

Interview: Jens Blankennagel