Die Markthalle 9 ist mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Sie ist ein zentraler Treffpunkt im Kiez.
Foto: imago/Henning Angerer

Berlin-KreuzbergEs ist klirrend kalt, doch das hält sie nicht zurück. An einem Donnerstag Anfang Dezember haben sich etwas mehr als 100 Menschen in der Eisenbahnstraße im Lausitzer Kiez in Kreuzberg zusammengefunden. Sie halten Schilder in der Hand, auf denen „Halle für alle“ steht. In ihren Stimmen braust immer wieder Wut auf, von „Ernährungswende von oben“ und „Neureichen“ ist dann die Rede. „Mit ihrer Arroganz kommt die grüne Elite bei der Agrarwende nicht durch“, ruft ein Redner. Er erntet Applaus.

Es geht nicht mehr um Aldi

Auch im Dezember noch, fast ein Jahr, nachdem bekannt wurde, dass der Aldi aus der Markthalle ausziehen muss, protestieren die Anwohner der Initiative „Kiezmarkthalle“. Längst geht es nicht mehr nur um Aldi. Es geht um die Frage, wie eine 3000 Quadratmeter große Markthalle aus dem 19. Jahrhundert dem linksalternativen Kreuzberg im 21. Jahrhundert dienen kann.

Es ist ein Streit, bei dem die Fronten so verhärtet sind, dass das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mittels eines Dialogverfahrens, einer Nachbarschaftswoche und einer Beteiligungswerkstatt Anwohner und Betreiber befrieden will. Die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann koordiniert das Verfahren höchstpersönlich, es ist Chefsache.

Grüne Vision als Feindbild

Wer verstehen will, warum die Mediation des Bezirksamtes überhaupt notwendig wurde, muss fast zehn Monate zurückgehen. Im Februar 2019 wurde bekannt, dass der Aldi die Markthalle 9 zum 31. Juli 2019 verlassen und der Drogeriemarkt dm einziehen soll. Die Logik der Betreiber Florian Niedermeier, Nicolas Driessen und Bernd Maier dahinter: Die Entscheidung gegen den Aldi sei keine rein ideologische.

Die Produktpalette von dm ergänze das Angebot der Markthalle besser. Die Entscheidung falle unter ihre unternehmerische Freiheit, man wolle bewusst kleine Händler fördern. Wahr ist aber auch: Mit der Markthalle 9 wollen Niedermeier, Driessen und Maier eine Lebensmittelwende vorantreiben: regionale Kreisläufe, nachhaltiges Wirtschaften, artgerechte Haltung und faire Entlohnung. Dazu passt Aldi zumindest nicht optimal. Und trotzdem ist der Discounter noch immer dort.

Eigentlich sollte der Discounter die Halle zur Jahresmitte verlassen. Doch noch hat Aldi einen Platz zwischem dem Biogemüse.
Foto: Christian Schulz

Markthalle 9

  • Die Markthalle 9, auch Eisenbahnmarkthalle genannt, ist eine von ursprünglich 14 städtischen Markthallen, die Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden. Die überdachten Hallen ersetzten die offenen Märkte auf verschiedenen städtischen Plätzen und garantierten bessere hygienische Bedingungen sowie die effiziente Versorgung der wachsenden Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts.
  • Die Halle in Kreuzberg wurde 1891 eröffnet. Nach wirtschaftlichen Aufwärts- und Abwärtsentwicklungen im 20. Jahrhundert wurde sie stetig weiterbenutzt. In den 1990er Jahren übernahmen große Lebensmitteldiscounter immer mehr zusammenhängende Verkaufsflächen, das gesamte denkmalgeschützte Gebäude verkam jedoch und erhielt erst wieder in den 2000er Jahren größere Bedeutung
  • Seit 2011 findet jeweils freitags und sonnabends, seit 2014 auch dienstags ein Wochenmarkt in der Halle mit vor allem saisonalen Lebensmittelangeboten aus Berlin/Brandenburg statt. 2013 gibt es jeweils donnerstags einen „Street Food Day“. Zum Konzept gehört außerdem die Kantine Neun, die auch außerhalb der normalen Marktöffnungszeiten werktäglich einen Mittagstisch bietet
  • Laut der Betreiber bietet die Markthalle zudem „Raum für Initiativen aus der Anwohnerschaft und ist eine Plattform für Projekte, die sich kritisch mit den Themen Ernährung, Stadt, Landwirtschaft, Biodiversität und Umwelt auseinandersetzen. Die Markthalle Neun will Impulse geben für das ,Wie’ der Lebensmittelversorgung und die gesellschaftliche Debatte über ein zukunftsfähiges Ernährungssystem.“

Mehrere Anwohnerinitiativen

Schon im März gründeten sich mehrere Anwohnerinitiativen, die gegen die Aldi-Verdrängung aufbegehren, unter ihnen die besagte „Kiezmarkthalle“. Sie argumentieren, dass die Markthalle Menschen mit wenig Geld ausschließe und die Gentrifizierung vorantreibe. „Wir sind alle keine Aldiverfechter“, sagt Stephanie Köhne, Mitte 50 und Filmregisseurin. Sie wohnt keine fünf Minuten von der Markthalle entfernt und engagiert sich bei der Initiative „Kiezmarkthalle“.

Der Aldi stellt eine preiswerte Nahversorgung her. Und das Leben im Kiez muss für alle Menschen bezahlbar bleiben.

Stephanie Köhne, Filmregisseurin, wohnt keine fünf Minuten von der Markthalle entfernt

Wine-Tastings für 40 Euro, überteuertes Dinkelbrot, Austern und Hummer – kurz: Die Ausrichtung auf ein Luxusfoodsegment sei nicht im Sinne der Bewohner. Ein großer Lebensmittelmarkt finde nur zweimal die Woche statt und sei extrem teuer. „Dem selbst auferlegten Versprechen einer ,Halle für Alle’ wird die Markthalle 9 nicht gerecht“, so Köhne.

Treffpunkt des mondänen Berlins

Während Köhne im Dezember demonstriert, spielt sich keine 200 Meter entfernt, innerhalb der Markthalle, ein Spektakel ab, das sich zwischen Feinschmeckermarkt und Foodblogger-Festival verorten lässt. Es ist der „Street Food Thursday“, zu dem über den Abend verteilt einige Tausend Menschen kommen. Sie schwirren durch kleine Gänge, shoppen kulinarische Spezialitäten und vergnügen sich auf Holzbänken.

Kyle, ein Grafikdesigner aus Seattle, bestellt vegetarische Burger in schwarzen Brötchen, sie „werden mit Tintenfischtinte eingefärbt und mit Sesam garniert“, sagt er. An einem anderen Stand dämpft eine gebückte ältere Asiatin Bao-Zhi-Teigtaschen in einer offenen Garküche. Daneben wendet ein Brasilianer Pfannkuchen aus Tapiokamehl.

Essen in der Markthalle kommt gut an

Etwa 100 Euro Standmiete zahlen die 60 Gastronomen und Gastronominnen beim Street Food Thursday in der Markthalle, die Gäste danken es. „Wir haben zum ersten Mal in unserem Leben eine Auster probiert. Der Service dort war superfreundlich und so informativ! Wir kommen wieder“, schreibt Arielle in den Google-Bewertungen. Andere User sprechen von „Gaumenreise“, „Melting Pot“, einem „Traum für Essensliebhaber“.

Auch Kyle ist begeistert. „Dieser Markt ist das Beste, was der Essenskultur in Berlin passieren konnte.“ Er ist mit seinem Sohn gekommen, auch sie sind Kreuzberger, wohnen im Wrangelkiez. Lediglich zehn bis 20 Prozent der Besucher seien Touristen, ergab eine Besucherbefragung. Vom Protest der Kreuzberger habe er aber nur am Rande mitbekommen, sagt Kyle. „Why are they protesting for Aldi?“

Seit März kämpfen die Anwohner für ihren Aldi. 
Foto: Paulus Ponizak

Auszug von Aldi vorerst ausgesetzt

Ausgerechnet im linken Kreuzberg, wo McDonald’s-Filialen mit Steinen beworfen, die Cuvry-Brache mit einem Zeltdorf besetzt und ein Google-Campus verhindert worden ist, beharren Anwohner auf dem Erhalt eines Aldis, also just des Lebensmitteldiscounters, der jährlich Milliardenumsätze verzeichnet?

Ausgerechnet im linken Kreuzberg, wo die Grünen bei der Europawahl mehr als 40 Prozent der Stimmen holten, regt sich Protest gegen die idealistische Vision einer ökologischen Lebensmittelwende? Nachdem Anwohner Niedermeier, Driessen und Maier bei Gesprächsveranstaltungen niederbrüllten, wurde der Auszug von Aldi ausgesetzt. Vorerst. Nun soll ein Vermittlungsversuch des Bezirksamtes zwischen den Konfliktparteien schlichten – und ergründen, welche Bedürfnisse die Menschen eigentlich haben.

Dialogverfahren des Bezirksamts

Das Dialogverfahren des Bezirksamts gliedert sich dabei in drei Etappen: Seit dem 28. September laufen Bürgerbefragungen, bei dem die Mediatorin Doris Wietfeldt und ihr Team im Lausitzer Kiez mit Bürgern ins Gespräch kommen. Im Anschluss soll vom 6. bis zum 11. Januar eine Nachbarschaftswoche stattfinden, bei der die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert werden. Ende Januar dann eine „Dialogwerkstatt“.

Ziel ist, „dass die Beteiligten gemeinsame Lösungsansätze erarbeiten“, teilte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann mit. „Das Dialogverfahren ist kein Spielball von Partikularinteressenten, sondern ein Weg der konstruktiven Zusammenarbeit“, schrieb sie in der Antwort auf die Anfrage Köhnes.

In der ersten Phase sieht dieses Dialogverfahren so aus: Doris Wietfeldt, eine auf „interkulturelle Kompetenz“ und „Systemisches Change Design“ spezialisierte Mediatorin, geht mit einem Team von türkisch- und arabischsprachigen Mitarbeitern durch den Lausitzer Kiez, zu Spätis, Designbüros, Apotheken oder Kitas.

Begegnungsstätte Aldi

Man muss dazu wissen: Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt im Lausitzer Kiez bei 52 Prozent. Dort spricht Wietfeldt Menschen an, lernt sie kennen und befragt sie. Es geht um das Wohlbefinden im Kiez, das Essen und die Gemeinschaft. Die Personen werden dazu aufgefordert, zu artikulieren, was sie brauchen, wie das gelingen könnte, was sie dazu beitragen könnten.

Inzwischen wurden Ergebnisse dieser Befragungen an einer Stellwand innerhalb der ,Markthalle 9’ vorgestellt. „Gemeinsamer Tag der offenen Tür“ ist dort zu lesen, eine weitere Forderung lautet: „Mehr Begegnungsstätten für ältere Menschen.“ Auf der Tafel steht aber auch: „Aldi ist auch eine Begegnungsstätte.“

Befragungen seien nicht repräsentativ

Die Anwohner kritisieren das Verfahren. Köhne bezeichnet den Prozess als „intransparent“ und „nicht repräsentativ“. Was sie damit meint: Bis Ende November wurden 39 Bürgerbefragungen an 16 Standorten durchgeführt. Der „Planungsraum Lausitzer Kiez“ (Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg) zählt aber fast 15.000 Einwohner.

Bei dem Streit geht es eigentlich um Gentrifizierung.
Foto: Paulus Ponizak

Zudem, so Köhne, werde in den Fragen das generelle Wohlbefinden im Bezirk abgefragt – nicht aber die konkrete Haltung zur Markthalle. Sie sagt, dass viele Bewohner des Lausitzer Kiezes, in dem etwa 25 Prozent der Familien von staatlichen Sozialleistungen leben und täglich bis zu 2.000 Menschen bei Aldi einkaufen, eine solidarische Haltung mit ihrem Protest hätten – aber gar nicht dazu kämen, diese zu äußern.

„Wenn die Fragen die Meinungen der Bewohner zu Verkehr, Kitas und Lärmbelästigung abfragen“, so die 56-Jährige, „wird es schwer, ein Stimmungsbild zur Markthalle zu zeichnen.“ Das Dialogverfahren erweckt Köhne zufolge den Eindruck, dass das Ergebnis bereits feststeht.

Unsoziale Lebensmittel

Betreiber Niedermeier macht sich vor der bevorstehenden Nachbarschaftswoche nichts vor. Er weiß: Zum Dialog in der bevorstehenden Nachbarschaftswoche werden auch Menschen kommen, die wütend sind. „Die Gespräche mit den Anwohnern, bei denen wir massiv angegangen wurden, haben uns nicht unbeeindruckt gelassen“, sagt er.

Hallenbetreiber Nikolas Driessen und Florian Niedermeier.
Foto: Christian Schulz

Er wolle ebenso wie Driessen und Maier Teil des Kiezes sein, Teil des Dialogs sein, sich alle Standpunkte anhören. „Es ist nicht sicher, ob der Aldi auszieht und wir hören uns alle Meinungen an.“ Einen „Idealisten“ will sich Niedermeier nicht nennen lassen. Er sagt stattdessen: „An der Markthalle hängen ganz konkrete Lebensrealitäten“, zum Beispiel 450 Arbeitsplätze. Oder: bäuerliche Betriebe in Brandenburg, wo die Landwirte 16-Stunden-Tage schuften und koreanische Studenten einstellen, um rentabel zu bleiben. Diese würden ohne einen Ort wie die Markthalle aussterben.

Lebensmittelhändler leiden unter Billigpreisen

Niedermeier zitiert dann eine Studie, wonach in den vergangenen zehn Jahren 30 Prozent der handwerklichen Lebensmittelhändler – also Tante-Emma-Läden, regionale Schlachtereien oder Bäckerbetriebe – schließen mussten. „Das ist keine abstrakte Träumerei von einer Lebensmittelwende, sondern hat einen sehr konkreten Bezug zum Alltag der Menschen, die unter Billigpreisen und Discountern leiden.“

Ernährung, so Niedermeier, sei eine soziale Frage – „und billige Lebensmittel sind genau das Gegenteil von sozial“. Es gebe keine „billigen Lebensmittel“, Discounterware verursache oft Kosten, die Endverbraucher nicht sähen.

Bei einigen Anwohnern, „nicht bei allen“, sehe Niedermeier gar kein Interesse, sich darüber zu unterhalten. Ohnehin befindet sich die Markthalle immer wieder im öffentlichen Rechtfertigungsdruck: In den vergangenen Monaten wurde ein Rechtsverfahren wegen Zweckentfremdung von Wohnraum als Gewerbeflächen eingeleitet.

Der Protest werde weitergehen

Die Betreiber sind zuversichtlich, diesen gewinnen zu können. Im Dezember wurden Berichte über rote Zahlen der Betreiber publik.
Köhne wird weiterhin gegen die Markthalle protestieren, ihre Solidarität gilt den einkommensschwächeren Bewohnern des Kiezes, die unter dem Verlust des Aldis leiden werden und von der Markthalle nichts haben. Aber Köhne hat keine Illusionen. „Wir Anwohner versprechen uns von der Nachbarschaftswoche nicht viel – und glauben, dass eine Entscheidung gegen den Aldi schon gefallen ist.“

Aktuell habe man mehr als 5.000 Unterschriften für den Erhalt des Aldis und für eine Kiezmarkthalle für alle gesammelt. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus Raed Saleh werde sie am 20. Januar offiziell entgegennehmen. Vor einigen Wochen habe sie, so Köhne, sogar mit Bürgermeister Michael Müller gesprochen. Er sagte, er sei grundsätzlich bereit, sich mit Anwohnern zu treffen. Doch ob ein solches Treffen etwas bringt? Der Protest werde in jedem Fall weitergehen, sagt Köhne.