Berlin - Klassischer Bauernmarkt mit Vorzügen des Internets - so funktioniert die Marktschwärmer Bewegung. Kunden stellen vorab online ihren Warenkorb zusammen. Geschlachtet wird nur, wenn das Fleisch auch bestellt ist. Abgenommen wird der Einkauf dann aber direkt vom Bauern an verschiedenen Stellen in der Stadt - wir haben sie in einer Karte gesammelt.
 
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Den Wocheneinkauf erledigt Monika Janke-Hesse im Hausflur. In ihren Jutebeutel wandern Wein, Kohlrüben, ein Salat, Äpfel, Wurst, Kartoffeln und Fleisch. Wie jeden Dienstag trifft sie die Landwirte und Hersteller dieser Produkte im Eingangsbereich des Altbaus in der Barbarossastraße 6 in Schöneberg. Denn hier tummeln sich die Marktschwärmer.

Das ist ein Projekt, bei dem Erzeuger aus der Region ihre Lebensmittel an ihre Kundschaft direkt im Kiez ausgibt. „Es ist toll, dass ich hier die Bauern kennen lerne und genau weiß, woher mein Gemüse, mein Fleisch und auch das Pesto kommen“, sagt die Schönebergerin.

Marktschwärmer: Eine Idee aus Frankreich

Die Marktschwärmer-Bewegung hat ihren Ursprung in Frankreich, 2014 begann deren Geschichte auch in Deutschland. „Berlin ist unser ältestes Netzwerk“, sagt Projektleiter Jacques Wecke. Mittlerweile gibt es 16 aktive Schwärmereien in Berlin, vier in Brandenburg und weitere sind in der Hauptstadtregion im Entstehen.

Sie alle funktionieren nach dem gleichen Konzept: Sie vereinen den klassischen Bauernmarkt mit den Vorzügen des Internets. Jeder Kunde kann in wöchentlichen Bestellrunden im Netz vorab seinen Warenkorb mit regionalen Produkten füllen, online bezahlen und an festen Ausgabetagen seinen Einkauf an den Standorten der Marktschwärmer abholen – und das mit direktem Kontakt zu den Erzeugern.

25.000 Menschen haben sich in Berlin für Marktschwärmer angemeldet

140 Landwirte, Einzelunternehmer und Manufaktur-Betreiber bieten ihre Waren in den Schwärmereien in Berlin und Brandenburg an. Deutschlandweit gibt es bereits rund 82.000 registrierte Nutzer, 25.000 Teilnehmer zählt das Projekt allein in der Hauptstadtregion. „Berlin ist in Deutschland eine Gegend, in der bewusstes Essen eine große Zielgruppe hat“, sagt Projektleiter Jacques Wecke. „Gutes, bewusstes und regionales Essen rückt jetzt auch in die Mitte und bekommt gesellschaftliche Relevanz. Regional ist mittlerweile oft wichtiger als fairtrade oder bio.“

So sieht es zum Beispiel auch Petra Meißner, die wöchentlich in der Schöneberger Schwärmerei einkauft. „Bei Fleisch muss es nicht unbedingt bio sein. Mir ist es wichtig, dass ich weiß, woher es kommt und dass es den Tieren gut ging. So kann ich auch regionale Bauern unterstützen.“

Einer dieser Landwirte ist Hans-Christoph Peters aus dem Brandenburgischen Löhme. Früher vertrieb er Gänse- und Rindfleisch, seit er bei zahlreichen Schwärmereien in Berlin und Brandenburg seine Produkte an die Kundschaft bringen kann, hat sich sein Betrieb sehr verändert. „Ich kann tagsüber Dinge erledigen und mich um den Hof kümmern. Abends weiß ich, was ich verkaufe. Das hat man beim normalen Markt nicht. Da weiß man nicht, ob die Leute kommen.“

Geschlachtet wird nur nach Bedarf

Seine Kunden hingegen bestellen jede Woche vorab im Netz. Und so schlachtet Peters nur, wenn das Fleisch auch tatsächlich einen Abnehmer findet. Der 36-Jährige hält mittlerweile unter anderem Schweine, Enten und seltene Hühnerrassen, hat einen Fischteich gepachtet, baut Gemüse an und kreiert immer wieder neue Produkte – wie geräucherte Gänsebrust und Schweinebratwurst mit Kräutern der Provence.

„Für mittlere und kleine Erzeuger ist das ein attraktives Geschäftskonzept. Zwei Stunden Ausgabezeit bedeutet gute Erträge bei wenig Zeitaufwand“, fasst es Projektleiter Jacques Wecke zusammen. In Berlin würden die Erzeuger vor allem auch durch die dichte Kiezstruktur profitieren, da sie gleich mehrere Schwärmereien beliefern können.

Kathrin Schwarzkopf aus Märkisch Buchholz beteiligt sich beispielsweise an neun Schwärmereien in Berlin und Brandenburg. „Als Erzeuger genügt ein minimales Zeitbudget um die Sachen zu verkaufen. Und ich kann auch kleine Chargen vermarkten“, sagt die Macherin von „Auf’s Brot“, eine Manufaktur für Brotaufstriche und Wildkräuterpesto.

Bei den Marktschwärmern darf auch probiert werden

Viele Anbieter nutzen die Ausgabezeit in den Schwärmereien auch, um kleine Kostproben zu verteilen. Und da man sowieso gerne noch beisammen steht und plaudert, wird gern auch allerhand probiert – vom Pesto über Schinken und Wurst bis hin zu Backwaren. „Man weiß, wie Erdbeermarmelade schmeckt, aber nicht Giersch-Gundermann-Pesto“, sagt Katja Gurkasch vom „Essbaren Garten Kladow“. Daher steht auch bei ihr immer etwas zum Schnabulieren bereit. Die Wildkräuterexpertin hat dieses Mal bei der Ausgabe in Schöneberg auch Löwenzahnblüten-Chutney und veganes Bärlauch-Pesto aufgetischt.

Seit zwei Jahren ist der Hausflur in der Barbarossastraße einmal die Woche Treffpunkt der Marktschwärmer. Zuvor trafen sich Erzeuger und Kunden in einem Café, dann in einem Ayurvedaladen um die Ecke. „Für den Kiez ist es ein wichtiges Angebot“, sagt Karin Moehl. Die Montesorri-Lehrerin ist ein der beiden Gastgeberinnen der Schöneberger Schwärmerei.

Sie organisiert die wöchentliche Veranstaltung, hält Kontakt zu den Erzeugern und kümmert sich um die Kunden der Schwärmerei. Zwischendurch wirbt sie mit Flyern bei neugierig guckenden Passanten für das Projekt. „Es ist schön, dass man etwas für den Kiez machen kann, für Leute, die sich für gute und lokale Ernährung interessieren“, findet die 52-Jährige.

Regionale Lebensmittel aus Berlin und Brandenburg

Wie regional die Produkte sind, wird im Netz transparent kommuniziert. Bei jedem Erzeuger wird die Distanz zwischen Produktionsort und Schwärmerei angegeben. Im deutschlandweiten Schnitt beträgt diese Strecke 23 Kilometer, sagt Projektleiter Jaques Wecke.
Alexander Gürtler kommt an diesem Tag mit seinem Wocheneinkauf auf etwa 40 Kilometer. In seiner Tasche befindet sich Obst und Gemüse aus Teltow, Käse aus dem Barnim und eine Lammschulter aus der Nähe von Königs Wusterhausen.

„Wir kaufen Fleisch nur noch gezielt und bewusst. Das geht dann auch schon mal tiefer ins Portemonnaie“, ist sich der Schöneberger bewusst. Er ist froh, dass es in seinem Kiez die Marktschwärmer gibt. „Trotz einer hohen Bioladendichte in Berlin ist es nicht ganz so einfach, sich regional und saisonal zu ernähren.“