Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist bei dem Gespräch in ihrem Büro auffällig gut gelaunt. Sie ist Senatorin geblieben, ihre Staatssekretäre bleiben ihr erhalten und sie hat offenbar Lust, die Dinge weiterzuführen.

Frau Scheeres, Sie sind eine der dienstältesten Senatorinnen. Was ist für Sie in Ihrer zweiten Amtszeit anders?

Ich kann Dinge, die ich angestoßen habe, nahtlos fortsetzen. Zum Beispiel beim Schulbau oder beim Kitausbau. Man kennt die Akteure in der Stadt, auch über den Schulbereich hinaus. Kennenlerntouren sind da nicht nötig.

In der Bildungspolitik meint jeder, mitreden zu können. Die Defizite des Berliner Schulsystems sind offensichtlich. Wie halten Sie das aus?

Wer in Leitungsfunktionen ist, muss sich auch mit negativen Dingen auseinandersetzen können. Da darf man nicht nur die Nette sein. Ich habe da ein relativ dickes Fell. Es gilt, sich Ziele zu setzen und diese beharrlich zu verfolgen.

Was möchten Sie denn bei der anstehenden Senatsklausur durchsetzen?

Vier Bereiche stehen für mich im Mittelpunkt: Schulsanierung und -neubau, Qualität von Betreuung und Unterricht in Kita und Schule, Begabtenförderung und Fachkräftegewinnung für Kita und Schule.

Wann kommen die neuen Landesgesellschaften, die Schulsanierung und -neubau in kürzerer Zeit und nach klaren Prioritäten umsetzen?

So schnell wie möglich. Aber es geht schon vorher los. Wir planen zunächst 12 Schulen in einem beschleunigten Verfahren. Eigentlich ist der Bau Sache der Bezirke. Wir waren uns aber einig, dass wir ein schnelleres Verfahren brauchen und alle Gelder restlos ausgegeben.

Hat die Bildungsverwaltung denn inzwischen errechnet, wie hoch der Sanierungsbedarf an Schulen aus Ihrer Sicht ist. Die Bezirke hatten einen Bedarf von beinahe 5 Milliarden Euro angegeben.

Ein hoher Sanierungsbedarf wird von allen gesehen, da gibt es kein Runterrechnen. Nach unserer Prüfung der Bezirkszahlen liegt er bei rund 4,2 Milliarden Euro einschließlich der beruflichen Schulen. An einzelnen Stellen hatten Bezirke auch Baukosten hineingerechnet, die schon finanziert waren oder bei der Sanierung von Außenflächen zu hohe Kosten angegeben. Für die Sanierung der John-F.-Kennedy-Schule hatte der Bezirk knapp 30 Millionen Sanierungskosten angemeldet, worüber sich selbst der Schulleiter gewundert hatte. Nach unseren Berechnungen sind es jetzt noch 12 Millionen Euro. Der akute Sanierungsbedarf liegt derzeit bei zirka 1,5 Milliarden Euro.

In welchen Bezirken ist der Sanierungsstau besonders groß?

Einen hohen Bedarf gibt es in allen Bezirken. Da sollte man sich mit Vorwürfen zurückhalten. Aber in drei Bezirken gibt es sehr viele Schulen, die deutlich über 5,5 Millionen Euro Sanierungsbedarf haben. Da stellt sich schon die Frage, wie es in diesen Bezirken zu einer Häufung kommen konnte, in anderen viel weniger. Das sind Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg.

Welche Schulen sind betroffen?

Die Sanierung der Kreuzberger Lenau-Grundschule kostet allein 11 Millionen Euro, beim Beethoven-Gymnasium in Lankwitz sind es 14 Millionen Euro, am Rückert-Gymnasium in Schöneberg sogar 16 Millionen Euro, an der Tempelhofer Paul-Klee-Grundschule 10 Millionen Euro. Auch die Ernst-Reuter-Schule in Mitte schlägt mit 16 Millionen Euro zu Buche.

Was folgt daraus?

Wir sehen jetzt viel besser, welche Schulen eine Sanierung am nötigsten haben. Das können und müssen die Bezirke, die eine Prioritätenliste erarbeiten, jetzt transparent berücksichtigen. Und dann werden sie saniert.

Werden einzelne Bezirke mehr Geld erhalten als anderen?

Wir haben ein Datensystem entwickelt, in das die Bezirke ihren Sanierungsbedarf transparent eintragen. Mit dem Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt (Siwa) sowie dem Geld aus dem Nachtragshaushalt haben wir sofort zusätzlich 200 Millionen zur Verfügung. Bei der Verteilung werden wir aber auch dafür sorgen, dass die Bezirke, die viele Schulen ordentlich saniert haben, ebenfalls auch darüber bedacht werden. In Treptow-Köpenick oder Lichtenberg werden angesichts der vielen Neubauten dort dringend weitere Schulplätze benötigt.

Wo werden die Landesgesellschaften für Schulsanierung und -neubau angesiedelt sein?

Das kann ich jetzt noch nicht genau sagen. Ich persönlich fände es gut, wenn das die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verantworten würde. Selbstverständlich in enger Absprache mit uns und den Bezirken. Wir als Bildungsverwaltung bauen ja nicht, wir stehen dafür, dass die Räume zeitgemäßen pädagogischen Konzepten entsprechen. Wir wollen weg von der Flurschule hin zu offenen Lernräumen.

Wird jetzt jede Schule angefasst in den nächsten zehn Jahren?

Dazu stehen wir. So hat es auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller gesagt. Deshalb haben wir auch die Mittel für den baulichen Unterhalt erhöht. Damit kein neuer Stau entsteht.

Wie wollen Sie für mehr Unterrichtsqualität sorgen?

Wir werden die Unterstützung ausbauen und entlasten: Verwaltungsleiter, IT-Beauftragte oder durch den Abbau von Bürokratie und unnötigen Abfragen. Aber auch die Selbstevaluation muss intensiviert werden. Die Lehrkräfte sollen von den Schülern noch deutlich stärker gespiegelt bekommen, wie diese den Unterricht bewerten. Wir wollen das stärker verbindlich regeln. Zudem sollen die Vergleichsarbeiten im Kollegium konsequenter ausgewertet werden.

Unser Eindruck ist, dass es bei den Lehrern Ermüdungserscheinungen gibt angesichts der Neuerungen. Mit der Inklusion stehen sie nach Jahren noch ganz am Anfang.

Wir sind in Berlin Vorreiter. Und ja, die Inklusion ist eine notwendige Reform. Wir müssen die Lehrkräfte und Eltern mitnehmen, und deshalb erfolgt die Umsetzung schrittweise. Und es bedarf zusätzlicher Unterstützung.

Lehrer sollen auch noch Curricula für ihre Schulen erarbeiten. Für die eigentliche Arbeit bleibt wenig Zeit.

Aus diesem Grund haben wir den Schulen ein Jahr mehr Zeit für die Umsetzung des Rahmenlehrplans gegeben. Was nicht geht, ist, dass wir qualitativen Stillstand haben. Das gehört zum Alltagsgeschäft aller Lehrer: Wie gestalte ich Unterricht? Wie vermittle ich Wissen? Aber das Misstrauen bei den Lehrern sitzt tief, weil sie mehrfach erlebt haben, dass Reformen angestoßen und dann wieder eingeholt wurden – zuletzt beim Jahrgangsübergreifenden Lernen.

Wie wollen Sie denn den Lehrerberuf attraktiver machen?

Ein wichtiger Punkt ist die bessere Bezahlung der Grundschullehrer ...

Wann wird das kommen?

Auch das so schnell wie möglich. Wir sind dazu in Abstimmung mit der Finanzverwaltung und den Gewerkschaften. Denkbar ist 2018. Zumindest für jene Lehrer, die nach der neuen Studienordnung studiert haben. Für alle anderen wollen wir aber auch einen praktikablen Weg eröffnen.

In diesem Schuljahr war jeder dritte neue Lehrer ein Quereinsteiger. Wird es bei diesem hohen Anteil bleiben?

Uns ist es in den letzten fünf Jahren gelungen alle Stellen zu besetzen. In Nordrhein-Westfalen waren zeitweise eintausend Stellen unbesetzt, auch Mecklenburg-Vorpommern hat akute Probleme. Wir haben einen großen Fachkräftebedarf, da gibt es nichts schönzureden. Die Stadt wächst in einem Maß, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Die Inklusion erfordert mehr Personal. Zudem sind 20.000 Flüchtlingskinder an die Schulen gekommen.

Trotzdem: Ist dieser hohe Anteil von Quereinsteigern unter den Lehrkräften eine tragfähige Lösung?

Natürlich stellen wir zuerst die ausgebildeten Lehrkräfte ein. Es gibt aber Schulen, die wollen ausdrücklich lieber den Quereinsteiger nehmen, den sie schon kennen, weil er oder sie als Honorarkraft bei ihnen gearbeitet hat.

Das Gespräch führten Frederick Bombosch und Martin Klesmann.