Berlin - Da läuft etwas gewaltig schief in Steglitz-Zehlendorf. Der Bezirk benötigt nach eigenen Angaben 410 Millionen Euro, um die teils sehr maroden öffentlichen Schulgebäude zu sanieren, mehr als jeder andere Berliner Bezirk. Doch die Verantwortlichen können im Südwesten der Stadt noch nicht einmal die 6,3 Millionen Euro komplett verbauen, die in diesem Jahr für Schulsanierungen zur Verfügung stehen. Wie jetzt bekannt wurde, ist die liegengebliebene Summe sogar noch größer als bisher vermutet: „Ein Betrag von 667.000 Euro ist übriggeblieben“, sagte Baustadtrat Michael Karnetzki (SPD).

Damit geht Steglitz-Zehlendorf nun erneut Geld verloren, das nun einem anderen Bezirk zugeschlagen wird. Das liegt daran, dass das Bezirksamt nicht alle geplanten Maßnahmen abschließen konnte – weil aus Krankheitsgründen zu wenig Mitarbeiter zur Verfügung standen und es an Fachwissen fehlte. Auch 200.000 Euro für das Beratungs- und Unterstützungszentrum für Inklusion verfallen.

Der Bezirkselternausschuss (Bea) hat mit seinem Adventskalender der maroden Schulen nun diverse Beispiele aufgelistet. Täglich eines: Im Lilienthal-Gymnasium sind die Umkleidekabinen in der Turnhalle von Schimmelpilz befallen, der Sanitärbereich ist marode. Im Fichtenberg-Gymnasium bröckelt nicht nur der Putz von der Fassade, so dass er großflächig abgeschlagen werden musste und Baugerüste den Zugang sichern; nun musste auch die Aula wegen eines Dachschadens gesperrt werden, die Weihnachtsfeier musste nach draußen verlegt werden.

Eltern beklagen Zeit- und Geldverschwendung

An der Grundschule am Karpfenteich ist die Turnhalle seit 2008 geschlossen. Ein Neubau-Projekt liegt seit vergangenem Jahr auf Eis, weil der Architekt entnervt aufgegeben hatte, berichten Elternvertreter. Nach einem europaweiten Wettbewerb hatten 80 Architekten ihre Modelle und Planungsunterlagen bei einer Veranstaltung präsentiert. „Reine Geld- und Zeitverschwendung“, sagen die Eltern.

An der Nord-Grundschule fallen die Fliesen von den Wänden und an der Rothenburg-Grundschule gibt es selbst nach der Sanierung feuchte Stellen. Und ausgerechnet die Peter-Frankenfeld-Schule, ein Förderzentrum für mehrfachbehinderte Schüler, ist nicht wirklich barrierefrei.

Auch im Kommunikationszeitalter kommen einige Schulen nur schwer an. An der Grundschule am Insulaner war ein Schulhaus 770 Tage lang trotz vieler Bittgesuche ohne Telefonanschluss. An der Laue-Sekundarschule funktionierten über Monate Telefon und Internet nicht richtig. „Es muss sich endlich mehr tun“, sagte die Bea-Vorsitzende Birgitt Unteutsch.

Für den Sanierungsstau gibt es viele Gründe. Der Bezirk fordert zunächst einfach mehr Geld und mehr Personal. „Wir gehen davon aus, dass wir mit zu geringen Mitteln weiter auf Verschleiß arbeiten, der Sanierungsstau zwangsläufig von Jahr zu Jahr wächst“, sagt der Baustadtrat Michael Karnetzki. Er fragt, ob es noch stimmig sei, die Kosten für die bauliche Unterhaltung mit einem Prozent des Wiederbeschaffungswerts eines Gebäude zu berechnen.

Doch darüber hinaus gibt es auch ein Zuständigkeitswirrwarr: Die Außenanlagen einer Schule werden vom Grünflächenamt betreut, Sanierungen vom Hochbauamt, Schulneubauten vom Stadtentwicklungsamt und kleinere Arbeiten vom Schulamt. Außerdem verweisen Bezirke als Schulträger und der Senat gerne auf den jeweils anderen.

Denkmalschutz-Auflagen machen Sanierungen besonders teuer

In Steglitz-Zehlendorf kommt erschwerend hinzu, dass es viele denkmalgeschützte Schulbauten gibt. Wegen der Auflagen ist eine Sanierung besonders aufwendig und teuer ist. Dennoch sieht es so aus, dass Bezirke wie Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln oder auch Marzahn-Hellersdorf einen klareren Schwerpunkt auf Schulsanierung gelegt haben. In Steglitz-Zehlendorf gibt es erst seit diesem Jahr getrennte Haushaltstitel für bauliche Unterhaltung der Schulen und der übrigen öffentlichen Gebäude.

Auch in anderen Bezirken war es früher durchaus üblich, Geld umzulenken. In Tempelhof-Schöneberg hatte man zum Beispiel einen Schwerpunkt auf die Sanierung der Rathäuser gesetzt. Als vor ein paar Jahren mit dem Konjunkturpaket II des Bundes viel Geld zur Verfügung stand, setzte Berlin den Schwerpunkt auf den Ausbau der Sekundarschulen zu Ganztagsschulen, investierte viel in neue Mensen und weniger Geld in die Sanierung bestehender Gebäude.

Durch neue Brandschutz- und Energiesparverordnungen werden öffentliche Bauten immer teurer. Wenn eine Baufirma pleite ist, muss zudem umständlich neu ausgeschrieben werden. Nicht umsonst wollen die Koalitionsfraktionen im Abgeordnetenhaus nun einen Wachstumsfonds auflegen, um mehr Geld für die öffentliche Infrastruktur zu haben. Auch für Schulgebäude.