Berlin - Der Flyer zeigt ein Baby, die Kulleraugen direkt in die Kamera gerichtet. Herzallerliebst, doch unter einem Barcode auf der Stirn des Babys steht in schwarzen Druckbuchstaben „qualitätsgeprüft“. Mit diesem Plakat wirbt der Bundesverband Lebensrecht für den diesjährigen „Marsch für das Leben“ am Samstag in Berlin. Motto: „Selektion und Abtreibung beenden, Ja zu jedem Kind“. Die jährliche Demonstration verzeichnet einen immer größeren Zulauf. Inzwischen hat auch die AfD den Marsch für sich entdeckt. Kritiker sehen die Bewegung schon als rechtspopulistisch unterwandert.

„Wir sind dabei“, sagt der religionspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Volker Münz, dieser Zeitung. Der Abgeordnete gehört zur parteiinternen Vereinigung „Christen in der AfD“, die die Parteiposition zum Thema Abtreibung mit auf den Weg gebracht hat. „Wir möchten, dass eine weitere Liberalisierung des Abtreibungsrechtes verhindert und die immer noch hohe Zahl der Abtreibungen reduziert wird.“ Daher sei der „Marsch für das Leben“ „ein wichtiges Ereignis für uns Christen in der AfD“.

„Rechtspopulistisch unterwandert“

Der evangelische Landesbischof von Berlin, Markus Dröge, ist davon wenig beeindruckt. Angesichts der AfD-Teilnahme hält er den Marsch inzwischen für „rechtspopulistisch unterwandert.“ Er teilt zwar grundsätzlich das Ziel der Demonstranten, hält aber die Art und Weise für kontraproduktiv. Auch deshalb beteilige sich die Evangelische Kirche Berlin-schlesische Oberlausitz nicht an dem Marsch. „Der ‚Marsch für das Leben‘ macht zwar auf ein wichtiges Thema aufmerksam, aber wie dies auf die Straße getragen wird, ist nicht dazu angetan, eine sachliche Diskussion hervorzurufen.“ Stattdessen polarisiere der Marsch mit seinen Bannern und Parolen, womit dem Schutz des Lebens ein Bärendienst erwiesen werde: „Weil der Marsch damit seine Kritiker nur noch stärker auf den Plan ruft. Wir sind aber gesellschaftlich auf Konsense angewiesen, und die sehe ich durch den Marsch gefährdet.“

Rechtspopulistisch unterwandert? Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hatte sich bei seinem bislang einzigen Auftritt beim „Marsch für das Leben“ eigens versichert, ob die AfD auch ein Podium bekommen sollte, als er 2016 dort sprach. Dann wäre er nicht dabei gewesen, sagt er dieser Zeitung. Aber er ging hin – mit einem klaren Anliegen: „Ich wollte die Kräfte stärken, die deutlich konzilianter, bei weitem nicht mehr militant sein wollten.“ Außerdem nutze er die Gunst der Stunde, um die Teilnehmer wissen zu lassen, dass Christen nicht für den Schutz ungeborener Kinder, aber gegen den geborener Flüchtlinge sein könnten.

Der Marsch sei „ein Appell an die Politik, aber auch an die Bürger“

Ob seine Worte gefruchtet haben, wird er an diesem Samstag sehen, wenn er ein zweites Mal mitlaufen wird. Als er vor zwei Jahren das erste Mal auftrat, stand Martin Lohmann ein letztes Mal auf dem Podium – zumindest als Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht. Als solcher führte er den Marsch acht Mal an, bis er den Verbandsvorsitz im vergangen Jahr abgab. Er sagt, der Marsch sei „parteipolitisch neutral“.

Auch Unionspolitiker, die früher teilnahmen, hätten den Marsch nicht zu einer Parteiveranstaltung gemacht. Ob in diesem Jahr Unionsleute wieder mitmarschieren, ist offen. Auf Nachfrage hieß es in der Unionsfraktion nur, der Marsch sei „ein Appell an die Politik, aber auch an die Bürger“, „menschliches Leben vom Anfang bis zum Ende zu schützen und dafür aktiv einzustehen“.

Lohmann zählt die Union derweil zu den „Altparteien“, wie in einem Artikel von ihm auf dem Nachrichtenportal kath.net zu lesen ist. Grund dafür sei schlicht die Tatsache, dass die AfD nun einmal „eine neuere und jüngere Partei“ sei, erklärt er auf Nachfrage. Er halte „jeden Versuch, mich schon allein wegen der Benutzung eines eigentlich harmlosen Begriffes, den andere auch verwenden, in eine bestimmte Ecke drängen zu wollen, für einen Ausweis von Unfairness und verschwörungstheoretischer Verblendung.“ Außerdem könne „nicht geleugnet werden, dass in deren Programm einige gute Anmerkungen zum Lebensschutz stehen, wie sie früher einmal in CDU-Programmen standen.“

Keine "Qualitäsprüfung" sondern vorsorgende Diagnostik

Der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, Wolfgang Henrich, macht sich angesichts der populistischen Töne gegen Abtreibungen große Sorgen. „Die Wortwahl setzt die Pränataldiagnostik in ein falsches und schlechtes Licht“, sagt er. Bei vorgeburtlichen Untersuchungen gehe es um eine seriöse, vorsorgende Diagnostik, nicht – wie vom Bundesverband Lebensrecht pauschal behauptet – um eine „Qualitätsprüfung“.

Das sei „ein Schlag ins Gesicht“ für Frauen, die ohnehin schon in einer Konfliktsituation seien, wenn bei der pränatalen Untersuchung eine schwere Erkrankung wie etwa das Down-Syndrom oder gar ein Fetus mit einer nicht lebensfähigen Fehlbildung festgestellt werde. Solche Konfliktsituationen hätten allzu oft eine „schwerwiegende Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes“ der Frau zur Folge, zitiert Henrich den Paragraphen 218 im Strafgesetzbucht. Dann sei eine Abtreibung straffrei.