Als Martin Luther King vor 50 Jahren nach Europa reiste, war er weltberühmt und höchst umstritten. Berühmt geworden in den USA durch den Busboykott in Montgomery Mitte der 50er Jahre, durch sein entschiedenes und fantasievolles Eintreten für den gewaltlosen Widerstand, dem Kampf wider die Diskriminierung der Schwarzen, wider soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Umstritten, weil er genauso entschieden gegen den Vietnamkrieg der USA stritt. „Wer das Böse widerspruchslos hinnimmt, unterstützt es in Wirklichkeit.“ Das war seine Überzeugung, gewachsen aus einem tiefen christlichen Glauben. Zur schicken Ikone taugte er dabei noch nie, zu sehr hat er stets mit sich gerungen, zu verzweifelt war er auch oft, so verzweifelt, dass er einmal, nach einem Bombenanschlag auf sein Haus, sich um die Erlaubnis für das Tragen einer Waffe bemühte, vergeblich.

Nach Berlin kam er auf Einladung von Willy Brandt. Am 12. September 1964 landete King auf dem Flughafen Tempelhof, hielt eine Rede zur Eröffnung der Berliner Festwochen in Erinnerung an den ein Jahr zuvor ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, sprach vor gut 20.000 Menschen in der Waldbühne zum „Tag der Kirche“, wurde Ehrendoktor der Theologischen Hochschule – und besuchte am Abend des 13. September überraschend auch Ost-Berlin. Am frühen Morgen dieses Tages schossen DDR-Grenzer auf einen jungen Mann, der in den Westen fliehen wollte, und verletzten ihn schwer. Noch am Vormittag besuchte King die Mauer, bevor er zum Checkpoint Charlie fuhr, um nach Ost-Berlin zu reisen. Was beinahe gescheiterte wäre, weil King keinen Pass bei sich hatte, angeblich nutzte King als offizielles Dokument seine Kreditkarte.

Ein Grenzsoldat erkannte ihn jedoch und er durfte passieren. Um 20 Uhr hielt King in der vollbesetzten St- Marienkirche eine Predigt und wiederholte sie danach in der benachbarten Sophienkirche. Es war dieselbe Predigt, die King auch beim West-Berliner „Tag der Kirche“ gesprochen hatte – mit einer grundlegend anderen Wirkung. Begreiflicherweise. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob man in einem demokratischen oder diktatorischen Staat von dem „Stein der Hoffnung“ spricht, den es „aus dem Berg der Verzweiflung“ zu schlagen gelte.

Gerechte und gewaltfreie Welt

Dass Kings Vision einer gerechten und gewaltfreien Welt nichts an Dringlichkeit verloren hat, beweisen die Weltgeschehnisse derzeit täglich. Am 13. September wird ab 19 Uhr in St. Marien Kings Predigt gelesen, und man wird dabei ihre Aktualität erleben dürfen. Parallel findet in der Sophienkirche die Uraufführung des Musiktheaterstückes „Turbulent Days“ statt, komponiert von Frank Schwemmer, nach Texten von King. Zum Festgottesdienst am 14. September, um 10.30 Uhr wieder in St. Marien, kommen übrigens nicht nur Bischof Markus Dröge und der Botschafter der Vereinigten Staaten John B. Emerson, sondern auch Bundespräsident Joachim Gauck. Er war vor 50 Jahren einer der Zuhörer Martin Luther Kings in St. Marien, damals noch Theologiestudent mit festesten pazifistischen Überzeugungen.

Auf der Rückreise in die USA erhielt King damals übrigens die Nachricht, dass ihm der Friedensnobelpreis verliehen werde: für seinen Friedenskampf, der ihm 1968 das Leben kostete.