Ist das schon der letzte Akt? Bisher sah das Stück für einen weit außen stehenden Beobachter so aus: 1. Akt: Parteivorsitzender Sigmar Gabriel macht Martin Schulz zu seinem Nachfolger. 2. Akt: Martin Schulz schasst Sigmar Gabriel. 3. Akt: Gabriel schasst Schulz. Der zweite Akt dauerte nicht einmal drei Tage.

Man ist gespannt, wie lange der dritte Akt dauern wird. Die Sozialdemokratie verschleißt ihr Führungspersonal mit einer Großzügigkeit, als hätte sie jede Menge Leute auf der Ersatzbank. Nur: Von der meldet sich kaum einer. Und noch ist niemand in Sicht, der sie aufs Spielfeld setzen würde. Aber das ist der Unterschied zwischen Politik und Fußball. In der Politik muss, wer spielen will, selbst ins Gefecht ziehen. 

Vor Jahrzehnten hatte die SPD einmal für eine Weile den Trainer Herbert Wehner, der selbst keine Chance hatte und darum erst Willy Brandt, dann Helmut Schmidt aufs Feld schob. Das ist schon sehr, sehr lange vorbei. In Gerhard Schröder hatte die SPD einen Mann, der unbedingt siegen wollte und nicht davor zurückschreckte, den Liebling der Partei Oskar Lafontaine wegzubeißen. Seitdem hat die SPD weder Trainer noch Stürmer.

Das Wahlergebnis ist die Quittung für Verlogenheit

Man mag das positiv sehen. Aber der neue Sozialisationstyp ist auch  nirgendwo sonst in der Gesellschaft angekommen. Verunsicherte Bürger wollen nicht auch noch verunsicherte Politiker an der Spitze sehen. Schon gar nicht mögen sie es, wenn verunsicherte Politiker darüber streiten, wie man verunsichert Politik machen kann. Die Idee, sich alles von den Parteimitgliedern absegnen zu lassen, wird – wohl zu Recht – nicht als Akt innerparteilicher Demokratisierung betrachtet, sondern als Verweigerung der Führungsrolle durch die Führung.

Das Spiel von Martin Schulz und der von ihm geführten SPD, während des Wahlkampfes jede Koalition mit einer von Angela Merkel geführten CDU abzulehnen und so zu tun, als gebe es wirklich eine Chance für eine von Martin Schulz geführte Regierung, war nicht etwa unrealistisch, sondern zutiefst verlogen. Das Wahlergebnis war auch die Quittung dafür.

Nach der Wahl bei der vor der Wahl propagierten Haltung zu bleiben, war konsequent, aber darum nicht weniger irrsinnig. Eine Partei, die glaubt, es wäre besser, sie würde nicht regieren, wird kaum einen Wähler dafür gewinnen können, sie zu wählen. Ein Parteivorsitzender, der sich hinstellt und erklärt, in einem Kabinett Merkel habe er keine Chancen, den Regierungsbonus für seine Partei zu nutzen, gehört nicht begeistert beklatscht, sondern abgesetzt.

Schulz ist kein Mann der Partei

Wenn er dann doch ins Kabinett geht und dafür einen neuen Bruderkrieg im Hause SPD riskiert, darf er sich nicht wundern, wenn er abgeworfen wird. Aus dem Weg räumen konnte Sigmar Gabriel Martin Schulz. Ob das bedeutet, dass Gabriel Außenminister bleibt, werden wir in den nächsten Stunden, Tagen erfahren. Die designierte Parteichefin ist Andrea Nahles. Davon wird man sie auch nicht mehr wegkriegen. Schulz wird in der Versenkung verschwinden. Nicht einmal die Friedrich-Ebert-Stiftung wird ihm noch zur Verfügung stehen.

Beim spanischen Stierkampf wurden die Stiere getötet. Beim portugiesischen blieben sie am Leben und torkelten am Ende ein paar Kühen hinterher. Der Machtkampf in der SPD folgt dem portugiesischen Vorbild. Nur suche ich vergeblich nach den Kühen, die die Recken aus der Arena locken. Aber wir wissen ja nicht, ob wir schon im letzten Akt sind, ob das Stück wirklich schon vorüber ist.

Schulz wird wohl nicht zum Gegenschlag ausholen. Er ist, anders als Gabriel, kein Mann der Partei.  Aber vielleicht wird sich noch von einer ganz anderen Ecke Widerstand melden.  Vielleicht sogar endlich auch einer gegen die  in der Partei heftig  grassierende Flucht in die Ohnmacht.

Die SPD hat einen Willen zur Ohnmacht

Schließlich kommt noch die Mitgliederbefragung. So amüsant  den der SPD fernstehenden Beobachtern das Gemetzel in der SPD-Spitze erscheinen mag, so ist es doch wahrscheinlich für treue SPD-Wähler, Mitglieder gar, eine zutiefst demoralisierende Erfahrung, wie die SPD seit vielen, vielen Jahren zugrunde gerichtet wird.  Immer  unter dem Vorwand, dass natürlich die „persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen“, so am Freitag Martin Schulz. 

Dem politisch interessierten Publikum und auch denen, die ein klein wenig Interesse am Showgeschäft haben, wird derzeit vorgeführt, dass der Wille zur Ohnmacht – jedenfalls in der SPD – nicht nur deutlich weiter verbreitet ist als der zur Macht, sondern auch erheblich desaströser wirkt, als  jener es jemals hätte tun können.