BerlinIm Internet kursiert ein Bild, das an eine Postkarte erinnert. Zu sehen sind die langen Hälse und Köpfe dreier Gänse, die neugierig über einen geflochtenen Weidezaun direkt in die Kamera schauen. Darüber steht der Satz: „Der Zentralrat der Martinsgänse bedankt sich bei der Bundesregierung für die Schließung der Gaststätten.“

Da stellt sich die Frage, ob dieser Gag einen wahren Kern hat? Derzeit sind etwa 223.000 Betriebe des bundesweiten Gastgewerbes zur coronabedingten Zwangspause angehalten. Damit fallen auch die traditionellen Tafelrunden mit Martinsgänsen aus. Werden nun tatsächlich weniger Tiere geschlachtet?

Werden sie gar begnadigt? Das ist eine eher naive Vorstellung, da die heutige Lebensmittelversorgung fast immer eine industrielle ist. Es dauert zum Beispiel 16 Wochen, bis eine Gans schlachtreif ist. 80 Prozent der in Deutschland gegessenen Gänse kommen als Tiefkühlware aus Osteuropa.

Aber es gibt auch heimische Gänsehalter. „Wir schlachten jedes Jahr in Brandenburg etwa 200.000 Gänse“, sagt Mirko Pabel, Geschäftsführer der Firma Dittmarscher Geflügel in Neuseddin bei Potsdam. Das klingt für Laien viel, aber große Hähnchenmastbetriebe wie Wiesenhof schlachten 160.000 Hühner – pro Tag.

In Neuseddin kommt ein Viertel der Tiere aus Brandenburg, die anderen werden in Nord- und Ostdeutschland aufgezogen. Die Aufzuchtsform heißt „bäuerliche Freilandhaltung“, die Tiere sind also draußen auf der Wiese.

„Das wirkliche Hauptgeschäft machen wir in der Weihnachtszeit“, sagt Pabel. „Aber die Martinszeit um den 11. November ist das kleine Hauptgeschäft.“ Und es war schon zu merken, dass die Restaurants geschlossen haben.

Die Deutschen essen pro Kopf 13 Kilo Huhn pro Jahr, aber nur 400 Gramm Gans – meist als Weihnachtsbraten oder rund um den Martins-Tag, der an den heiligen Martin erinnert, den Bischoff von Tours, der am 11. November 397 beerdigt wurde.

Foto: dpa/Patrick Pleul
Mit Rotkohl und Klößen: die hierzulande klassische Form des Gänse-Essens.

Die Martins-Tradition gilt sogar als Ursprung für die Weihnachtsgans. In katholischen Gegenden wurde früher am 11. November dieses schwere Essen verspeist, weil danach die adventliche Fastenzeit beginnt, die am Heiligabend endet. Danach gibt es heute oft Gänsebraten.

Die bekannteste Gans in ganz Deutschland war Doretta, ein im Juni 2000 geborenes Tier, das als Weihnachtsbraten für den damaligen Kanzler Gerhard Schröder vorgesehen war, der sie aber verschonte – weil die neunjährige Tochter seiner damaligen Frau ihn darum gebeten hatte. Schröder folgte einer Tradition von US-Präsidenten, die Truthähne am Thanksgiving-Feiertag begnadigen. Doretta war übrigens ein Ganter und bekam später den Männernamen Schröder. Das Tier lebte bis 2009 in Berlin im Gehege eines Seniorenheimes.

Geschäftsführer Mirko Pabel erzählt, dass in seinem Betrieb etliche Gänse eigentlich als frische Ware jetzt um den Martinstag verkauft werden sollten. „Die werden aber nicht begnadigt, die werden geschlachtet und kommen in den Frost. In der Hoffnung, dass wir sie vor Weihnachten als Tiefkühlware verkaufen können.“

Die Schlachtungen beginnen im Juli, das Fleisch wird eingefroren und geht dann an den Groß- und Einzelhandel. In diesem Betrieb werden 60 Prozent des Fleisches auf Eis gelegt, 40 Prozent als Frischware verkauft.

Den November bezeichnet Geschäftsführer Pabel als durchwachsen. Es gab aus dem Großhandel durchaus Stornierungen von Martinsgänsen, wegen der Restaurantschließungen. „Der Lockdown ist wirtschaftlich eine Katastrophe“, sagt er. „Aber für uns ist die Hoffnung, dass sich das Geschäft verlagert.“ Die Gastronomie leide und er kenne Wirte, die gar nicht wieder öffnen werden. „Aber immerhin steigt im Handel auch der Absatz bei einigen ein wenig an, weil die Leute gezwungen sind, mehr zu Hause zu essen.“

Nun fürchtet die Branche, dass Bund und Länder die Corona-Beschränkungen in den Dezember verlängern und vielleicht sogar Weihnachtsfeiern ausfallen. „Das Weihnachtsgeschäft läuft so ab 1. Dezember an und die Gänse machen bis zu 80 Prozent des Umsatzes aus“, sagt Pabel. „Wenn der Lockdown bis Silvester verlängert wird, könnte das beachtliche Auswirkungen auf unser Geschäft haben, weil die Familien dann nicht zum gemeinsamen Festtagsbraten zusammenkommen.“

Am Mittwoch haben bundesweit viele Verbände der Landwirtschaft gegen die niedrigen Preise protestiert. Die Bauern forderten zum Beispiel 15 Cent mehr für jeden Liter Milch und 20 Cent pro Kilo Geflügelfleisch. „Denn die wirtschaftliche Lage ist angesichts deutlich steigender Kosten und niedriger Erlöse schlicht ruinös“, heißt es in einem gemeinsamen Forderungspapier.