Gunnar Lindemann, der das zweite Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf für die AfD gewann, ist weniger scheu und erklärt sich zu einem Gespräch bereit. Wie seine Kollegin Bießmann ist auch Gunnar Lindemann über die Elternvertretung mit Politik in Berührung gekommen, dann kam die Flüchtlingskrise, vor einem Jahr trat er in die AfD ein. Als im Bezirksverband jemand gesucht wurde, der sich im Wahlkreis 1 als Direktkandidat aufstellen lässt, auf aus damaliger Sicht aussichtslosem Posten, meldete er sich als Einziger. Lindemann stand im Wahlkampf wochenlang auf der Straße, holte Parteiprominenz wie Beatrix von Storch an den Stadtrand, noch in der Woche vor der Wahl lief er mit der Sackkarre herum, um 5000 handgemachte Flyer zu verteilen. Auch er verdrängte einen erfahrenen Politiker der Linkspartei. Nur 300 Stimmen lagen zwischen ihm und seinem Konkurrenten Wolfgang Brauer, der knapp acht Prozent der Stimmen verlor.

Als Treffpunkt schlägt Lindemann die Straßenbahnhaltestelle Niemegker Straße vor, er wohnt in der Nähe. Lindemann, ein schwerer, massiger Mann, stammt aus Wuppertal, was man ihm noch leicht anhört, vor fünf Jahren zog er an den Stadtrand von Berlin, des Jobs wegen. Er arbeitet als Personalplaner bei einer privaten Bahngesellschaft, er hat einen Sohn, seine Lebensgefährtin ist Rumänin.

Wenn man ihm zum ersten Mal begegnet, wirkt er nicht wie jemand, von dem man völkisch angehauchte Hasstiraden im Parlament befürchten muss. Eher wie jemand, der unbequem sein, aber auch frischen Wind bringen könnte. Er platzt vor Energie, hat eine Liste von Themen, zu denen er bei den Behörden Akteneinsicht beantragen will, aber das darf er  erst nach der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses am 27. Oktober. Erst dann ist Gunnar Lindemann offiziell Parlamentarier.

Er stapft durch den Regen los, will dem Gast seinen Wahlkreis zeigen. Vor der Ebereschen-Schule, einem Plattenbau, der bessere Zeiten gesehen hat, bleibt er stehen. Sein Sohn ging bis vor dem Wechsel aufs Gymnasium hier zur Schule. Lindemann saß im Elternausschuss. „Hier werden dringend neue Fenster gebraucht, aber es heißt, es ist kein Geld da.“ Er geht weiter, vorbei an der Jugendverkehrsschule, die der Bezirk schloss und erst wieder öffnete, als er, Lindemann, die Schließung im Wahlkampf thematisierte, weiter durch die Ahrensfelder Berge, wo Mülleimer und Bänke fehlen, bis hin zur Baustelle der Flüchtlingsunterkunft in der Wittenberger Straße. „Da kamen über Nacht die Bagger, die Anwohner erfuhren aus der Zeitung, was passiert“, sagt Lindemann. So hat er auch seinen Wahlkampf geführt, als werde er jeden Mülleimer höchstpersönlich entleeren, wenn er erstmal Abgeordneter ist.

Linkspartei trug unpopuläre Entscheidungen mit

Die Kümmerer, das waren mal die von der Linkspartei. Doch dann saßen sie mit im Senat, trug unpopuläre Entscheidungen mit, wie den Verkauf vieler landeseigener Wohnungen. Die Partei hat sich verändert, die Spitze ist jünger geworden, schicker, will mehr in den Innenstädten mitmischen, hat vielleicht den Draht zu den Menschen, die eher im Schnäppchen- als im Bioladen einkaufen, verloren.

Jetzt macht Lindemann den Kümmerer. In manchem klingt er fast wie die Linkspolitikerin Gabriele Hiller, wenn er zum Beispiel kritisiert, dass ausgerechnet in den Plattenbausiedlungen die Heime für Flüchtlinge gebaut werden, nicht in den Gegenden mit Einfamilienhäusern. Und überhaupt, warum immer am Stadtrand?  „Zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt wäre auch noch Platz für ein Containerdorf.“

Der Regen läuft über Lindemanns Gesicht, er redet sich in Fahrt. Warum seien 16 Millionen Euro für ein Flüchtlingsheim da, aber kein Geld für neue Schulfenster? Warum braucht man überhaupt noch so viele Plätze für Flüchtlinge, wenn doch kaum noch jemand kommt – sollte man nicht die Unterkunft in der Wittenberger Straße zum Jugendklub machen? So geht das immer weiter, Schulfenster und Flüchtlingsnot, radikale Islamisten und kaputte Bänke, alles wird eins.

Der Regen wird stärker, Lindemann schreitet durch die Havemann-Straße, in der es nicht nur die höchste Quote an Hartz-IV-Empfängern im Wahlkreis gibt, sondern auch eine erstaunliche Dichte an Cocktail- und Shishabars. Er steuert das Lokal „Die Sattmacher“ an, das mit deutscher Küche wirbt. Es riecht nach Rotkohl und Rouladen, Lindemann bestellt sich eine Cola und erzählt von seinem Urlaub in Syrien, das er vor dem Bürgerkrieg mit seinem Sohn bereist hat. Was für ein tolles Land, erzählt er, nette Menschen. Man hört ihm zu und fragt  sich, warum er das erzählt.  Weil er denkt, dass man das hören will?

Es kursieren Vorwürfe, dass Lindemann Kontakte zu rechtsextremen Organisationen im Bezirk pflegt. Er soll sich unter anderem im vergangenen Frühjahr für eine Demonstration mit dem Slogan „Sicherheit statt Angst“, organisiert von einem NPD-Funktionär, interessiert haben. Wenn man ihn darauf anspricht, streitet er ab, jemals an Veranstaltungen von Neonazis teilgenommen zu haben. Und was die Demo im Frühjahr angehe: Er habe lediglich auf die Seite geklickt, weil er sich auf dem Nachhauseweg über eine Straßenbahnsperrung geärgert habe und wissen wollte, was dort los sei. Das kann man glauben.

Er lacht. Aber ist es ein Witz?

Muss man aber nicht. Es erinnert ein wenig an seine Parteifreundin Beatrix von Storch und ihre Maustaste, von der sie angeblich abgerutscht war und deshalb aus Versehen einen Schießbefehl auf Frauen und Kinder guthieß.

Lindemann beeilt sich zu sagen, wie sehr er sich freut, dass die NPD im Wahlkreis 3,7 Prozent schlechter als 2011 abgeschnitten habe. Eigentlich, sinniert er, mache die AfD die Arbeit der Beratungsstellen gegen Rechts mit. „Wir holen die Leute kostenlos in demokratische Strukturen zurück.“ Er lacht und freut sich über seinen Witz. Oder war es gar keiner?

Lindemann hat seine Arbeit bei der Bahngesellschaft reduziert und sucht ein Büro. Er würde gerne das Wahlkreisbüro vom Linkspolitiker Brauer übernehmen, der gegen ihn verloren hat. Es befindet sich in einem Ärztehaus, schon dreimal habe er den Vermieter angeschrieben, sagt Lindemann. Doch  niemand habe sich zurückgemeldet. Er sagt, ihn beschleiche der Verdacht, dass die ihn nicht wollen. Er fühlt sich diskriminiert. Und dann kommt der Vergleich, den man inzwischen schon kennt von AfD-Politikern, den man aber auch von radikalen Muslimen oft hört: „Das ist schon wieder wie in den Dreißigerjahren, als es hieß, kauft nicht bei den Juden.“ Sagt Gunnar Lindemann, dem in Marzahn-Nord jeder Dritte seine Stimme gegeben hat, der in den kommenden fünf Jahren Anspruch auf Bezüge, Büro und Mitarbeiter hat.

Die Wahlverliererin Gabriele Hiller ist in knapp zwei Wochen arbeitslos. Wahrscheinlich wird sie wieder als Lehrerin arbeiten. Doch erst einmal wird sie für ein paar Tage in den Urlaub  fahren, weit weg von Marzahn-Hellersdorf, nach Griechenland.