Weinfeste haben in Berlin eine lange Tradition: Der Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, auch das Winzerfest in Lichtenrade, der Spandauer Weinsommer oder der Späth’sche Weinmarkt in der ältesten Baumschule Berlins sind beliebte Adressen.

Etwas anders, nämlich hipper, jünger und neuer ist eine Veranstaltung, die in diesem Jahr erst zum zweiten Mal im Berliner Eventkalender steht: das „Berlin Sommer Weinfest“, organisiert vom in Mitte ansässigen Online-Weinshop und Weinimporteur Sublime Wine. Warum man den Sonntag dort verbringen sollte? Nun, zum einen sind spannende junge Winzer und Sommeliers anwesend, die ihre teils doch sehr ungewöhnlichen Kreationen zum Verkosten und Kaufen anbieten.

Zum anderen ist auch die Location alles andere als gewöhnlich: Das Weinfest findet in der St. Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße statt – der größten der vier Berliner Vorstadtkirchen, die Karl Friedrich Schinkel in den 1830er-Jahren konzipierte. Benannt nach der biblischen Elisabeth und in den Jahren von 1990 bis 2001 aufwendig saniert, ist sie heute vor allem ein Kulturort.

Imago/Schöning
Politik, Mode, Wein: Die St. Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße ist ein beliebter Szene-Ort geworden.

Horst Köhler hielt 2009 im noch unverputzten Inneren der Kirche seine vierte Berliner Rede als Bundespräsident, auch zur Fashion Week ist der Sakralbau in Mitte eine begehrte Location: Marcel Ostertag feierte im vergangenen Jahr in der St. Elisabeth-Kirche sein 15-jähriges Jubiläum als Designer. Damals führte ein pinkfarbener Laufsteg durch das alte Kirchenschiff und den Garten.

Nun also Winzer und ihre Kreationen. Dieses Jahr sind 60 Weinbauern und zwei der interessantesten Brennereien Europas dabei. „Alle Aussteller wurden von uns persönlich ausgewählt, um beste Qualität zu gewährleisten“, sagt Veranstalterin Emily Harman, die neben dem Weinshop auch als Consultant Sommelière tätig ist und Restaurants, Bars und Hotels zu allen Themen rund um Wein berät. „Uns war wichtig, dass die Winzer nachhaltig und ökologisch produzieren, dass sie Weine mit einzigartigem Charakter herstellen und wirklich für ihre Sache leben und arbeiten“, sagt die gebürtige Engländerin, die in ihrer Heimat als eine der besten Sommelièren überhaupt gilt.

Nils Hasenau
Weinfeste in Berlin

Berlin Sommer Weinfest: Sonntag 26.6. von 11 bis 18 Uhr (Fachbesucher ab 11, allgemeine Besucher ab 13 Uhr), Elisabeth-Kirche, Invalidenstr. 4a. Präsentiert werden mehr als 300 verschiedene Weine, dazu gibt es Food-Stände, eine Weinbar und den Weinladen, die bis 20 Uhr geöffnet sind. Eintritt im Vorverkauf 22, an der Tageskasse 25 Euro, Fachbesucher 12 Euro. Die Veranstalterinnen sind Emily und Arlene von Sublime Wine (Foto).

Weinbrunnen Rüdesheimer Platz: Winzer aus dem Landkreis Rheingau-Taunus schenken seit über 50 Jahren auf dem Plateau über dem Siegfried-Brunnen ihre Weine und Sekte aus. Dieses Jahr bis zum 17. September, montags bis samstags von 15 bis 22 Uhr.
 
Späth’sche Baumschulen: Weinmarkt vom 22. bis 24. Juli, Weingarten mit Winzern aus deutschen Anbaugebieten bis 3. Oktober, Donnerstag bis Samstag 15 bis 20 Uhr, Sonntag 15 bis 18 Uhr.

Auf dem Weinfest sind neben deutschen Winzern auch Weinbauern aus Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich, Slowenien, Portugal, Georgien, den Kanaren und Österreich vertreten. Die Mischung ist ausgewogen und bewegt sich zwischen traditionell und trendig. So ist mit dem Weingut Immich-Batterieberg in Enkirch eines der ältesten Weingüter der Mosel in Berlin zu Gast. Erstmals erwähnt wurde der noch heute erhaltene, mittlere Teil der Weingutsanlage im Jahr 908 n. Chr.

Auch aus Berlin ist ein (allerdings bedeutend jüngeres) Unternehmen an Bord: die Getränkemacher von Bouche, die seit 2020 in einer Brauerei in Marzahn hauptsächlich Kombucha herstellen und ihre hochwertigen Bio-Produkte an Sternegastronomen wie das Cookies Cream und in ausgewählten Läden wie dem Mindful Drinking Club in Prenzlauer Berg verkaufen. Zum Weinfest aber bringen die drei Gründer, die aus der Künstlerszene kommen, nicht den fermentierten Trend-Tee mit, den sie in Geschmacksrichtungen mit Hopfen, Melone-Szechuan oder Hibiskus anbieten.

Yannes Kiefer
Sie setzen auf innovative Brautechniken, auf spannende alkoholfreie Getränke und auf Marzahn: Walker, Yannic und Felix von Bouche.

„Wir präsentieren an unserem Stand ein ganz neues Produkt, das wir gerade erst lancieren: den Novin“, sagt Yannic Pöpperling, der als Fotograf arbeitete, bevor er mit den beiden anderen Gründern in die denkmalgeschützte Halle auf dem Gelände des Gewerbeparks Georg Knorr zog. Hinter Novin verbirgt sich eine (fast) alkoholfreie Weinalternative, hergestellt aus Gerstenmalz, getrockneten Walnussblättern und gerösteten Birkenspänen. Das auf Malz- und Teebasis produzierte Getränk sei sehr komplex und aromatisch, sagt der 32-Jährige. „Wir bewegen uns damit in den Sphären vom Naturwein – auch ein Riesenthema gerade.“

Trend zum Naturwein: Wenn die Winzer noch mehr Bio wollen

Das kann die Winzerin Freya Lichti nur unterschreiben: Naturwein ist das Herzensthema auf dem Weinberg, den sie und ihr Mann Alexander Strohschneider in einer Kalksteinlage im pfälzischen Bad Dürkheim bewirtschaften. „Wir haben Riesling-Reben von 1975, die wir ausschließlich per Hand bearbeiten können, weil es eine Terrassenlage ohne Zufahrtsmöglichkeit ist“, sagt Lichti.

Naturwein, also Wein, der ohne Zusätze auskommt und bei dem für die Vergärung nur die traubeneigenen Hefen erlaubt sind, gibt es historisch gesehen schon seit Jahrtausenden. Im südlichen Kaukasus etwa wurde Wein bis in die Neuzeit in der Ton-Amphore fermentiert und ausgebaut. Zum Trendthema in Europa wurde Naturwein Anfang der 2000er-Jahre, als Winzer aus dem Bereich des biologisch-dynamischen Weinbaus noch mehr „Bio“ wollten und die Bewegung der Naturweine reanimierten.

„Im Prinzip ist Naturwein eine Nische in der Biowein-Nische. Er könnte aber den Biowein in seiner Bekanntheit oder Nachfrage überholen. Da glaube ich schon dran“, sagt Freya Lichti, die nach Berlin zwölf Weine aus ihrem Sortiment mitbringt. Zum Beispiel den Pet Nat, einen hefetrüben Spätburgunder-Rosé, Jahrgang 2021.

„Im Herbst, wenn die alkoholische Gärung noch nicht ganz abgeschlossen ist, füllen wir unseren Most in eine Sektflasche und lassen den Wein dann in der Flasche zu Ende gären“, erklärt Lichti, die aus einer alteingesessenen Winzerfamilie kommt und deren Eltern noch ganz klassisch arbeiten. „Das was wir machen, ist im Prinzip die natürlichste Art und Weise, prickelnden Wein herzustellen.“ Der Pet Nat ist mit 12,5 Prozent Alkoholgehalt ein leckerer Sommer-Perlwein mit Erdbeer- und Himbeernoten. Prost!